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KRIMINALISTIK Haariger Befund

Mit einem Erbguttest wollte das ZDF klären lassen, ob der Sonderling Kaspar Hauser ein Erbprinz von Baden war. Der TV-Film geriet zur Märchenstunde.
aus DER SPIEGEL 52/2002

Den Schopf in einer Plastikhaube verpackt, die Hände in Latexhandschuhen, ließ der Münsteraner Kriminalbiologe Steve Rand, 53, in einem Röhrchen zehn weißblonde Haare verschwinden.

Sie stammen von einer Locke, die im Markgrafen-Museum im fränkischen Ansbach unter Glas aufbewahrt wird. Die Locke soll von jenem Jüngling stammen, der sich am Pfingstmontag 1828 wankend den Toren Nürnbergs genähert hatte. Er konnte kaum sprechen, aber seinen Namen schreiben: Kaspar Hauser.

Das Leben des Sonderlings fand ein grausames Ende: Am 14. Dezember 1833 wurde er im Hofgarten zu Ansbach von einem Unbekannten niedergestochen. Der Kriminalfall faszinierte die Menschen wie nur wenige. War Kaspar Hauser nichts anderes als ein Betrüger, der sich in ade-lige Kreise einschleichen wollte? Oder war er, wie viele damals glaubten, ein Erbprinz von Baden, den man als Kind verschleppt und dadurch um den Thron gebracht hatte?

Mit genetischen Nachweismethoden sind die Stadt Ansbach sowie SPIEGEL und SPIEGEL TV dem Rätsel 1996 gründlich nachgegangen. In ihrem Auftrag untersuchten Wolfgang Eisenmenger vom Institut für Rechtsmedizin der Universität München sowie Experten aus Birmingham den Blutfleck auf der Unterhose, die Kaspar Hauser am Tag seiner Ermordung trug und die jetzt schauriges Schaustück im Markgrafen-Museum ist.

Das Erbgut aus dem Blutfleck verglichen die DNS-Detektive mit dem Erbgut von weiblichen Nachkommen der Großherzogin von Baden, Stéphanie de Beauharnais. Das Ergebnis: Die Person, von der das Blut stammte, war genetisch nicht mit dem Hause Baden verwandt.

Jetzt haben Rechtsmediziner der Universität Münster sich erneut auf Spurensuche begeben, diesmal für das ZDF. Neue genetische Nachweismethoden ermöglichten es ihnen, nun erstmals auch die ebenfalls im Museum ausgestellten Haare zu analysieren. Tatsächlich konnten sie Erbgutschnipsel sequenzieren, die insgesamt ungefähr 800 Basenpaare lang waren.

Überraschenderweise unterscheiden sich diese Sequenzen von jenem Erbgut aus dem Blut der Unterhose, das 1996 untersucht wurde. Haare und Blut, die im Museum beide Kaspar Hauser zugeschrieben werden, stammen demnach von zwei Menschen.

Doch welches Erbgut gehört zu Kaspar Hauser? Ein ZDF-Film zum Thema, der vergangenen Sonntag ausgestrahlt wurde, behauptet: Einzig die Münsteraner seien der richtigen Spur gefolgt. Denn das DNS-Muster der Haare stimme mit weiteren Erbgutresten überein, die sich sonst noch auf Exponaten im Markgrafen-Museum fanden. Die Rechtsmediziner hatten auf einem alten Hut und einer blutbefleckten Oberhose zusätzliche DNS-Spuren aufgespürt.

Weil der »genetische Code« in diesen Proben identisch gewesen sei, so das ZDF, müsse er wohl von Hauser stammen. Der 1996 untersuchte Blutfleck auf der Unterhose stamme folglich von einer fremden Person.

Unterschlagen wird in dem Film jedoch, dass zwei der DNS-Proben vom Hut aus technischen Gründen nicht vollständig ausgewertet werden konnten - was die Aussagekraft des Vergleichs einschränkt. Mehr noch: Eine weitere DNS-Probe vom Hut sowie der Blutfleck von der Oberhose unterscheiden sich sehr wohl von den Haaren. In dem Gutachten (vom 15. Oktober 2002) heißt es: »Der Blutfleck von der Oberhose sowie die Probe 2 der Hutkrempe weisen an Position 16 316 eine Abweichung von den Haarproben auf.«

Vor allem aber liefert auch der Befund der Münsteraner keinen Beweis für die Erbprinztheorie. Die Rechtsmediziner haben die Haare aus dem Museum mit einer Erbgutprobe von Astrid von Medinger verglichen, die in direkter Erbfolge mit der Großherzogin von Baden verwandt ist.

Ergebnis: Die Sequenzen unterscheiden sich an drei Positionen. Zwei der Unterschiede wurden von den Münsteranern für die Beurteilung nicht herangezogen, weil sie von Mutationen in einzelnen Haarzellen herrühren könnten - von diesen Einschränkungen erfuhren die Zuschauer der ZDF-Sendung nichts.

Selbst wenn man der Deutung der Münsteraner Gutachter folgt, bleibt immer noch eine Abweichung. »Ich würde sagen: Da besteht auch eine Abweichung zwischen den Personen«, kommentiert der Biochemiker Burkhard Rolf, 34, vom Institut für Rechtsmedizin der Universität München die Analyse. Der DNS-Vergleich habe Kaspar Hauser »nicht zum Adelskind erhoben«.

Dennoch versuchte das ZDF mit seinem haarigen Befund, genau dies zu suggerieren - die Sendung erinnerte denn auch streckenweise an eine Märchenstunde. Kaspar Hausers genetische Spur führe »eindeutig in Richtung des Fürstenhauses von Baden«, hatte der Sender seinen Film angekündigt. Das Ergebnis der Analyse sei »eine historische Sensation«.

Das ging selbst dem federführenden Wissenschaftler, dem Münsteraner Rechtsmediziner Bernd Brinkmann, 63, zu weit. »Das sind so Vokabeln, die wir nicht benutzen«, erklärte er zwei Tage nach der Sendung gegenüber dem SPIEGEL. In seinem Gutachten bewertet Brinkmann die Ergebnisse zurückhaltend: Es sei »nicht unmöglich«, dass der Träger der Haare vom Haus Baden abstamme.

Wie Brinkmann einräumt, führen seine Ergebnisse zu einem kriminalistischen Patt: Es gibt keinen Beweis, dass Kaspar Hauser mit dem Haus Baden verwandt ist; allerdings sollte man es auch nicht als unmöglich ausschließen.

Wegen der vielen Einschränkungen und Interpretationen weist Rechtsmediziner Eisenmenger, 58, hingegen die neue Untersuchung zurück: »Die Ergebnisse sind widersprüchlich und helfen keinem weiter.« THOMAS AMMANN, JÖRG BLECH

Thomas Ammann
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