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MEDIZIN Halb so schlimm

Cholesterin, zwei Jahrzehnte lang als Schurke im Drama Herzinfarkt ausgegeben, wird rehabilitiert - für Ärzte, Pharma-Industrie und Margarinefabriken ein harter Schlag.
aus DER SPIEGEL 46/1980

Der Herr Professor Nepomuk Zöllner, ehedem Präsident der »Deutschen Gesellschaft für Ernährung«, war seiner Sache sicher. Auf einem »festen Stand des Wissens« fußend, richtete er im Interesse der »Volksgesundheit« eine »wirklich inständige Bitte an Sie alle": dem Herzen zuliebe weniger Butter und entschieden mehr Margarine zu essen.

»Vorsorglich«, so riet mit ernster Miene Zöllners Heidelberger Kollege Gotthard Schettler, solle man seinen Blutfettspiegel »normalisieren«. Jahr für Jahr »verschlinge« die Arteriosklerose nahezu zehn Prozent des bundesdeutschen Sozialprodukts, jedenfalls mehr als 100 Milliarden Mark. Dabei sei Abhilfe durch »gesunde Ernährung« doch so einfach: »Das erste und wichtigste Mittel dazu ist eine an Polyensäuren reiche Diät« -- sprich: Margarine.

Mit Hilfe dieses Kunstprodukts, so erläutert seit zwanzig Jahren der multinationale Konzern Unilever (der fast 60 Prozent des deutschen Margarinemarktes beherrscht), könne man dem gefährlichen Wirkstoff Cholesterin zu Leibe rücken: Wer den heilsamen Wirkungen der »ungesättigten Fettsäuren« vertraue, wer »auch beim Braten, Backen und Kochen an seinen Cholesterinspiegel denkt«, brauche sich um Herz und Adern nicht länger zu sorgen.

Dabei ist Cholesterin, ein farbloser, wachsartiger Stoff, für den menschlichen Organismus völlig unentbehrlich. Ohne Cholesterin funktioniert keine Körperzelle, deren Grenzfläche, die »Membran«, den Fettstoff enthält. Auf das Grundgerüst des Cholesterins lassen sich überdies nicht nur die Gallensäuren, sondern auch die meisten lebenswichtigen Hormone des Menschen zurückführen.

Ein gesunder Organismus stellt deshalb Tag für Tag 800 bis 1500 Milligramm Cholesterin selbst her. Nur 450 bis 550 Milligramm des Lipids werden von einem durchschnittlich ernährten Mitteleuropäer mit der Kost einverleibt -- und höchstens die Hälfte geht aus dem Darm ins Blut über. Ob und wie sehr dieses Blut-Cholesterin den Adern gefährlich werden könne, ist jetzt heftig umstritten.

Bisher galt in Deutschland die von Schettler (Medizinerspott: »Fettler") unermüdlich propagierte »Lipidtheorie« als wahr. Sie besagt, das Risiko eines Menschen, an Arteriosklerose zu S.249 erkranken, steige mit der Höhe seines Blut-Cholesterinspiegels kontinuierlich an, denn Cholesterin lagere sich an den Gefäßwänden ab. Dadurch verenge sich der Durchmesser der Adern, sie würden starr und brüchig. Häufigste Folgen: Durchblutungsstörungen, Herzinfarkt, Schlaganfall.

Die eingängige Lehre hat den Vorzug scheinbar heilsamer Konsequenz: alles komme darauf an, durch eine cholesterinarme Ernährung und notfalls auch mit Tabletten dem gefährlichen Wirkstoff lebenslang und vorsorglich Paroli zu bieten. Doch die auf den ersten Blick so überzeugende Theorie leidet an zahlreichen Widersprüchen:

* Weil die »wirklichen« Ursachen von Arteriosklerose und Herzinfarkt »immer noch unbekannt sind« (so das Ärztemagazin »Selecta"), beweist S.252 der nur statistische Zusammenhang zwischen hohem Cholesterin und Herzinfarkt nicht, daß das eine Ursache des anderen sei.

* Langjährige Untersuchungen an insgesamt 3060 Männern im Alter von 20 bis 59 Jahren ergaben, daß eine konsequente, durch strenge Diät herbeigeführte Senkung des Blut-Cholesterinspiegels um 7 bis 16 Prozent die Sterblichkeit überhaupt nicht beeinflußte.

* Wird dem Körper mit der Nahrung reichlich Cholesterin angeboten, so wird der Fettstoff schließlich kaum noch resorbiert, wenn der Blutspiegel des Cholesterins bereits hoch liegt.

* Patienten, die »Clofibrat«-haltige Medikamente zur Senkung des Cholesterinspiegels einnahmen, hatten -- gegen alle Erwartung -eine um 25 Prozent höhere Sterblichkeit als jene, deren Blutfettspiegel unbehandelt blieb.

»Cholesterin halb so schlimm?« fragte das Ärztemagazin »Selecta«. Wahrscheinlich sei das vielgeschmähte Lipid weder Ursache noch Mitursache des Herzinfarkts, sondern nur ein »Begleitsymptom«. Der Kampf gegen das Cholesterin stelle nicht eine ursächliche, sondern nur eine »symptomatische Behandlung dar, die noch dazu auf das falsche Symptom zielt«.

Entlastung für das vielgeschmähte Cholesterin brachte auch ein neuerer Bericht des »Food and Nutrition Board« der amerikanischen »Nationalen Akademie der Wissenschaften«. Dieses Gremium hatte jahrelang den Feldzug gegen die angeblich »pathogenen«, die krankmachenden Blutfette angeführt, änderte jedoch nun seinen Standpunkt: Erhöhter Blut-Cholesterinspiegel bedeute allenfalls ein zweitrangiges, wenn überhaupt irgendein Risiko in bezug auf Herzinfarkt.

Die große Wende in der Blutfettforschung bringt Ärzte, Margarinefabrikanten und Pharma-Industrie in Bedrängnis. Mit der Vermarktung der strittigen Lipidtheorie ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten auf leichte Weise viel Geld verdient worden:

* Die regelmäßige Kontrolle der Blutfettspiegel mit Hilfe von Laborautomaten war für die Ärzte ein gutes Geschäft mit einem Risikofaktor, der nun keiner mehr ist.

* Die Werbung mit dem angeblichen Gesundheitseffekt befreite die Margarine vom Odium des billigen Ersatzstoffes und half im Konkurrenzkampf gegen die cholesterinreichere Butter.

* Mit der billigen Chemikalie Clofibrat, einem cholesterinsenkenden Abfallprodukt der Phenolherstellung, verdienten 24 deutsche Pharmafirmen seit 1962 viele Millionen S.253 Mark (Umsatz dieser Präparategruppe allein 1978: 110 Millionen Mark).

Ende August verkündete eine internationale Forschergruppe, die seit Jahren im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Wirkung von Clofibrat studiert hat, in der britischen Ärztezeitschrift »The Lancet": »In der mit Clofibrat behandelten Gruppe starben 25 Prozent mehr Menschen als in der Vergleichsgruppe, deren hoher Blutfettspiegel unbehandelt blieb.« Die häufigsten Todesursachen: Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs.

Damit sind die Befürchtungen, die das Bundesgesundheitsamt gegen die seit langem umstrittene Droge hegte und die zu einem vorübergehenden Verbot geführt hatten (SPIEGEL 52/ 1978), eingetroffen. Unter dem Druck der Hersteller war Clofibrat nach wenigen Monaten im Sommer 1979 (mit begrenztem Anwendungsbereich) wieder zugelassen worden.

Die Firma Merck in Darmstadt, einer der großen westdeutschen Pharmahersteller, schrieb damals frohgemut an alle deutschen Ärzte: »Liapten« (Mercks Clofibrat-Präparat) sei nunmehr »wieder für Ihre Verschreibungen verfügbar«. Die »Therapie mit Clofibrat«, so versprach Merck den »sehr geehrten« Doktoren, »bedeutet daher Wirksamkeit, verbunden mit überschaubarem Risiko«. Jedenfalls seien »alle Apotheken bereits bevorratet«.

Für Clofibrat hatten sich ausgerechnet jene Cholesterin-Feinde stark gemacht, die auch das Hohelied vom Segen der Margarine sangen. So stufte Nepomuk Zöllner das Clofibrat als »gut« wirksam ein und jammerte öffentlich, das Bundesgesundheitsamt habe S.254 mit dem Verbot das ärztliche »Rüstzeug zur Vorbeugung von Infarkten« geschmälert.

Gotthard Schettler wiederum wurde an der Margarinefront aktiv. Der SPIEGEL-Titel 17/1979, in dem die Gesundheitswerbung für Margarine als »großer Bluff« entlarvt wurde, erboste den Fürsprecher der ungesättigten Fettsäuren so sehr, daß ihm gleich zwei Diagnosen einfielen. Pastorensohn Schettler: Der Verfasser des SPIEGEL-Berichts sei »entweder ignorant« oder »bewußt maligne«. Doch solch markige Worte können nicht darüber hinwegtäuschen, daß immer weniger Mediziner bereit sind, für Clofibrat und Margarine zu trommeln.

Schettlers Behauptung, eine »an mehrfach ungesättigten Fettsäuren reiche Diät« sei »das erste und wichtigste Mittel« zur »Normalisierung« des Blutfettspiegels, ist in der Schweiz mittlerweile schon von Amts wegen untersagt. Das Eidgenössische Gesundheitsamt erklärte in einer neuen Richtlinie über die Werbung für Margarine und Pflanzenöle, alle Angaben hinsichtlich der Wirkung von mehrfach ungesättigten ("essentiellen") Fettsäuren auf den Cholesterinspiegel des Blutes seien ausnahmslos unzulässig.

Ebenso streng urteilte in diesem Sommer der 6. Zivilsenat des Oberlandesgerichts Kölns: Auf Antrag des »Vereins gegen Unwesen in Handel und Gewerbe« verbot er der Unilever-Tochter »Union Deutsche Lebensmittelwerke« die »gesundheitsbezogene« Werbung für »becel«-Produkte. Der erweckte Eindruck, so das Gericht, die »becel«-Produkte seien wegen ihres hohen Gehalts an mehrfach ungesättigten Fettsäuren gesundheitsfördernd, sei durch die Wissenschaft nicht bewiesen.

Dafür macht sich die Wissenschaft neuerdings an der Margarine in einer Weise zu schaffen, die den Kunstfettfabrikanten bald so lästig werden könnte wie den Clofibrat-Händlern das WHO-Verdikt: Analysen und Tierversuche legen den Verdacht nahe, in der Margarine enthaltene Substanzen, sogenannte Trans-Fettsäuren, könnten der Gesundheit schaden.

Unbestritten ist, daß alle handelsüblichen Margarinen mehr oder minder hohe Anteile -- und zwar bis zu 55 Prozent -- dieser Trans-Fettsäuren enthalten. Sie entstehen, wenn die flüssigen Pflanzenöle (etwa von Ölpalmen oder Sojabohnen) im Fabrikationsprozeß mittels Wasserstoff und hohem Druck »gehärtet« werden.

Dieser Prozeß verändert die räumliche Struktur der Fettsäuremoleküle. In ihrer »Trans«-Form sind sie dem menschlichen Stoffwechsel jedoch fremd, »entsprechend langsam werden sie abgebaut« ("Selecta"). Die Folge: Margarine-Konsumenten senken ihren Blutfettspiegel nicht, sie erhöhen ihn.

Doch manche Forscher hegen einen noch viel schlimmeren Verdacht: Tierversuche gaben zu der Vermutung Anlaß, ungesättigte Fettsäuren könnten Krebserkrankungen und das Entstehen von Anämie (Blutarmut) begünstigen.

So erkranken Mäuse beispielsweise um so häufiger an Brustkrebs, je mehr Linolsäure in ihr Futter gemischt wird. Bei so gefütterten Schweinen wurden Blut-, Leber- und Nierenzellen geschädigt. Ausgerechnet diese mehrfach ungesättigten Fettsäuren aber haben die Margarine-Werber und ihre Gutachter-Hilfstruppen den Bürgern seit zwanzig Jahren ans kranke Herz gelegt.

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