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TIERSCHUTZ Harpune bei Fuß

In der Internationalen Walfangkommission schwindet die Mehrheit für ein Jagdverbot. Wird es bald Walfangquoten geben?
aus DER SPIEGEL 29/2001

Für Japaner ist der Walfang letztlich eine Frage der Ehre. Und die ist ihnen im Moment besonders viel wert.

»Eine der am besten finanzierten Kampagnen, die die Welt je gesehen hat«, nennt der britische »Observer« die Aktion, mit der Tokio derzeit versucht, der Welt den Wal schmackhaft zu machen. Zeitungsanzeigen künden vom Nutzen der Jagd auf die Meeressäuger. Die Japaner haben Lobbyisten und PR-Firmen angeheuert. Mit Entwicklungshilfe ködern sie Verbündete unter den Kleinstaaten der Karibik.

Ob die konzertierte Werbeaktion erfolgreich war, wird sich in der kommenden Woche zeigen, wenn in London die 43 Vertragsstaaten der Internationalen Walfangkommission (IWC) zu ihrer diesjährigen Sitzung zusammentreten. Bis zu 40 Prozent der Stimmen könnten die Walfangbefürworter nach Schätzungen in diesem Jahr für sich verbuchen. Die Walschützer, unter ihnen auch die Deutschen, drohen ihre bislang beherrschende Stellung in der IWC zu verlieren.

»Wir fragen uns: Warum treten gerade jetzt so viele Pro-Walfang-Staaten der IWC bei? Artenschutzverbände glauben, dass Japan hier viel Geld investiert«, klagt Landwirtschaftsministerin Renate Künast, in deren Zuständigkeit der Walschutz in Deutschland liegt. »Für die Wale ist das eine sehr gefährliche Situation.«

Der erneute Vorstoß der Japaner kommt zu einem Zeitpunkt, da die Front der Walschützer bröckelt. Das 1986 in Kraft getretene internationale Walfangmoratorium erweist sich zunehmend als zahnlos: Im Schnitt vier Wale pro Tag sind in den letzten 15 Jahren trotz der Vereinbarung getötet worden. Während Japan unter dem Deckmantel der Wissenschaft etwa 500 Zwergwale jährlich erlegt, hat Norwegen das Moratorium von vornherein abgelehnt und kann daher nach den Statuten des IWC den Walfang fortsetzen.

Immer neue Hiobsbotschaften verhageln den Walschützern die Saison:

* Japan hat den Fang von Pott- und seltenen Brydewalen wieder aufgenommen. Erst vergangenen Monat beschloss Tokio zudem, Wale, die als Beifänge in den Netzen von Fischern landen, für den Verkauf in Japan freizugeben.

* Auch Norwegen plant die Ausweitung des Walfangs. 549 Zwergwale hat Oslo in diesem Jahr für die Jagd freigegeben. Im Januar kündigte die Regierung an, den international geächteten Export von Walprodukten künftig zu erlauben.

* Island ist nach neun Jahren in die IWC zurückgekehrt. Gleichzeitig wollen die Nordländer den Walfang im kommenden Jahr wieder aufnehmen. Neben Zwergwalen stehen auch Finn- und Seiwale auf der isländischen Abschussliste.

* Mit Panama und Marokko sind der IWC zwei Länder beigetreten, die als walfangfreundlich gelten. IWC-Mitglied Peru steht bereits Harpune bei Fuß für die neue Hatz auf die Meeresriesen.

Gleichzeitig gelten viele Walbestände weiterhin als akut bedroht. Erst vergangene Woche stellte der World Wide Fund for Nature eine Studie vor, nach der 7 der 13 Walarten, die seit 1986 nicht mehr bejagt werden, immer noch als gefährdet eingestuft werden müssen. Besonders fürchten die Walschützer auch die Aufweichung des Washingtoner Artenschutzabkommens, das bislang den Handel mit Walfleisch weltweit verbietet.

Einen Ausweg aus der Krise erhoffen sich Artenschützer nun von einem Plan, der vor kurzem noch als Tabubruch gegolten hätte. Bereits 1994 entstand in der IWC die Idee eines Bewirtschaftungsplans für Wale, der Quoten für eine nachhaltige Nutzung vorsieht. In London soll nun erneut über Kontrollmechanismen verhandelt werden, die eine Überwachung solcher Fangquoten möglich machen könnten. DNA-Analysen des Walfleisches oder internationale Beobachter an Bord der Fangschiffe sind angedacht, um illegalen Fang und Handel auszuschließen.

Ein guter Bewirtschaftungsplan, so die Einsicht vieler Walschützer, könnte erfolgreicher sein als ein schlechtes Moratorium. »Gelingt es uns, das System wasserdicht zu gestalten, geht es den Walen unterm Strich besser«, glaubt die Walexpertin Petra Deimer, Mitglied der deutschen IWC-Delegation. Zudem würden die Fangquoten, die vom wissenschaftlichen Beirat des IWC festgelegt werden, zunächst wahrscheinlich ohnehin auf Null gesetzt.

Auch steht in London die Einrichtung weiterer Walschutzzonen auf der Tagesordnung. Der Versuch Australiens und Neuseelands, ein südpazifisches Schutzgebiet durchzusetzen, war im vergangenen Jahr gescheitert. Diesmal rechnen sich die Walschützer jedoch bessere Chancen aus. Brasilien hat zudem ein weiteres Schutzgebiet im Südatlantik vorgeschlagen.

Fingerspitzengefühl ist allerdings gefragt, um Japaner und Norweger nicht endgültig aus der Walfangkommission zu treiben. »Alles, was nach der IWC kommt, wird schlechter«, warnt Ministerin Künast. Dass in diesem Jahr wichtige Entscheidungen fallen, glaubt indes niemand: Dafür ist in der IWC eine Dreiviertelmehrheit nötig.

Im nächsten Jahr allerdings könnte die Auseinandersetzung ihren Höhepunkt erreichen. Auf der Tagung des Washingtoner Artenschutzabkommens droht die Aufhebung des Handelsverbots für das Fleisch einzelner Walarten. Auch die IWC-Tagung 2002 lasse nichts Gutes erwarten, fürchtet Künast: »Die nächste Sitzung findet in Japan statt.« PHILIP BETHGE

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