Zur Ausgabe
Artikel 60 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

MEDIZIN Harter Stoß

Wann sollen sterbende Klinik-Patienten ins Leben zurückgeholt werden, wann nicht? US-Ärzte suchten nach wissenschaftlichen Kriterien für die schwierige Entscheidung. *
aus DER SPIEGEL 39/1983

Die Erinnerungen an den Aufenthalt in der Grenzstation waren unerfreulich. Sie hätten zunächst einen »harten Stoß« auf der Brust gefühlt, berichteten Patienten. Dann beschrieben sie den beängstigenden »Ausdruck von Entsetzen« in den Augen von Schwestern und Ärzten, die Unbeteiligte aus dem Raum wiesen. Nur ein einziger Patient erlebte seinen Herzstillstand als »friedlich": »Es wäre ein leichter Tod gewesen.«

Beim Erwachen auf der Intensivabteilung fühlten sich alle Patienten wund in der Brust - »als ob man mir die Seele aus dem Leib geprügelt hätte«, meinte einer. Das Schlimmste der Tage zwischen Schläuchen und Meßgeräten sei der »Verlust der Unabhängigkeit« gewesen.

Wie es ihnen in der Zone zwischen Leben und Tod erging, schilderten die Geretteten einem Ärzteteam des Beth Israel Hospital in Boston (US-Staat Massachusetts). Unter Leitung von Dr. Susanna Bedell wollten die Mediziner eine schwierige, vieldiskutierte Frage beantworten: Für wen ist die maschinelle Wiederbelebung sinnvoll, wessen Sterben wird unnötig verlängert?

Die Überlebenden zählten zu einer Gruppe von insgesamt 294 Patienten, deren Herz und Lunge bereits versagt hatten. Bei allen waren Wiederbelebungsversuche - Herzmassage, Elektroschocks

und künstliche Beatmung - vorgenommen worden. Um den Wert der Maßnahmen für die Kranken und die »Qualität ihres Überlebens« zu ermitteln, werteten die US-Ärzte Vorgeschichte und Verlauf der Therapie aus.

Bei der Bostoner Untersuchung ging es durchweg um schwerkranke Klinik-Patienten, die schon vorher behandelt worden waren. »Weit größere Chancen«, durch ärztlichen Eingriff ins Leben zurückzukehren, haben Unfall-Patienten, vor allem junge, so erläutert Ulrich Linden, Leitender Oberarzt am Berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhaus Hamburg. Für bereits kranke, »vorgeschädigte« Patienten seien die Aussichten »sehr viel schlechter« - das zeigte sich auch bei der Bostoner Studie.

Von den Schwerkranken, die in Boston reanimiert wurden, war ein halbes Jahr nach der Entlassung aus dem Krankenhaus nur noch jeder zehnte am Leben. Je länger die Wiederbelebung gedauert hatte, desto schlechter waren die Aussichten für den Patienten: Nur fünf Prozent überstanden die künstliche Stimulation von Herz und Kreislauf, wenn sie länger als 15 Minuten gedauert hatte. Wiederbelebungsversuche von mehr als einer halben Stunde erwiesen sich in allen Fällen als vergebens.

Das Alter der Kranken hatte offensichtlich keinen Einfluß auf die Prognose. Hingegen zeigte sich, daß bei fortgeschrittenem Krebs, schwerer Lungenentzündung oder auch schwerem Nierenversagen kaum Hoffnung auf dauerhafte Wiederbelebung besteht.

In welchem Fall sollen Ärzte das Leben von Patienten künstlich aufrechterhalten, wann sollen sie darauf verzichten? Immer wieder waren aufsehenerregende Schicksale Anlaß, den Sinn von künstlicher Lebensverlängerung und Intensivbehandlung zu diskutieren - etwa das qualvolle, sich über drei Monate hinziehende Sterben des Marschalls Tito 1980 oder die nun seit achteinhalb Jahren andauernde Bewußtlosigkeit der »reanimierten« Amerikanerin Karen Ann Quinlan; auf Betreiben der Eltern und durch Gerichtsbeschluß war die jetzt 29jährige 1976 von der Maschine getrennt worden, atmete jedoch weiter.

Die Entscheidung über das technische Eingreifen, das den »natürlichen« Tod abwendet, rührt an die ethischen Grundsätze der Medizin und bringt die Ärzte ins Dilemma. »Wir Ärzte trauen uns nicht zu sagen: So, jetzt ist Schluß, ich habe keine Chance mehr. Wir probieren es immer wieder«, gestand der Münsteraner Intensivmediziner Michael Wendt auf einem Anästhesiekongreß.

Menschen, die den Beginn ihres Sterbens erreicht hätten, aber doch am Sterben gehindert würden, seien »oft genug nur lebende Beweise für das ehrgeizige Streben von Therapeuten«, kritisiert Joachim Schara, Direktor des Instituts für Anästhesie der Städtischen Kliniken Wuppertal: »Man muß wieder sterben dürfen in unseren Krankenhäusern.«

Wie Schara würde auch der Hamburger Neurochirurg Professor Rudolf Kautzky »in eindeutig hoffnungslosen Fällen auf eine lebensverlängernde Behandlung verzichten«. So lauten auch die Empfehlungen der Bundesärztekammer.

Was aber solche hoffnungslosen Fälle sind, darüber sind sich die Mediziner in der Praxis keineswegs immer einig. Denn »das Teuflische ist«, so Kautzky, »daß oft keiner voraussagen kann, was am Ende daraus wird«.

Daß die Erfolge bei der Reanimation Schwerkranker relativ bescheiden sind, zeigte schon eine Studie am West-Berliner Klinikum Steglitz, deren Ergebnisse 1980 publiziert wurden. Verfolgt wurde das Schicksal von 550 Reanimations-Patienten. Die Erfolgschancen, so die Analyse, hängen entscheidend von der Grundkrankheit ab: Aussichtsreich ist der Einsatz von Beatmungsmaschinen bei Herzinfarkt; bei den meisten anderen Grundkrankheiten hingegen scheinen Wiederbelebungsversuche kaum gerechtfertigt.

Die Untersuchung am Beth Israel Hospital bestätigte die Vorbehalte gegen allzu breit eingesetzte apparative Lebensverlängerung bei Schwerkranken. Kaum einer der Patienten, die vorher an metastasierendem Krebs, akutem Schlaganfall oder Nierenversagen gelitten hatten, konnte durch die Reanimation am Leben erhalten werden. Noch schlechter waren die Aussichten bei Lungenentzündung: Keiner dieser Patienten überlebte nach der Prozedur.

Die Grundkrankheit, das überraschte die Wissenschaftler, war dabei für die Prognose entscheidender als das Alter der Männer und Frauen, die zwischen 18 und 101, im Durchschnitt 70 Jahre, alt waren. Die meisten Patienten hatten - im Zeitraum zwischen Januar 1981 und Juni 1982 - wegen Verengung der Herzkranzgefäße im Beth Israel Hospital gelegen, bevor sie zur Wiederbelebung auf die Intensivstation gebracht wurden.

Der maschinelle Einsatz brachte bei 128 von 294 Kranken Herz und Kreislauf wieder in Gang, doch 31 davon starben schon binnen 24 Stunden. 41 der reanimierten Patienten konnten aus dem Krankenhaus entlassen werden, aber nur 33, elf Prozent, waren ein halbes Jahr nach der Entlassung noch am Leben.

Tröstlich sei hingegen, so resümieren die Wissenschaftler jetzt im »New England Journal of Medicine«, ein anderes, unerwartetes Ergebnis: Wer starb, der starb schon in den ersten Tagen nach der Wiederbelebung: »Das endlose Sterben nach der kardiopulmonaren Wiederbelebung ist offensichtlich eher die Ausnahme als die Regel.«

Desgleichen sei das Schreckbild der modernen Medizin, der über Wochen und Monate in tiefer Bewußtlosigkeit dahinvegetierende Patient, in Wahrheit nur die »tragische Ausnahme": Wer die Reanimation überlebte, war in aller Regel auch geistig wieder gut beieinander.

Zur Ausgabe
Artikel 60 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.