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Hat hier ein Aids-Kranker gesessen?

SPIEGEL-Redakteur Rainer Paul über die Seuchen-Furcht in New York *
Von Rainer Paul
aus DER SPIEGEL 37/1985

Schön, daß ihr alle wieder da seid«, begrüßte Henry Stern, Chef der New Yorker Parkanlagen, am Montagabend letzter Woche knapp 200 000 Mitbürger. Die meisten von ihnen waren gut gebräunt und urlaubsgestärkt aus den Ferien zurückgekommen und hatten sich mit Kerzen, Wein und Picknickkörben auf der »großen Wiese« des Central Park eingefunden, um mit dem letzten Freiluftkonzert der Saison am amerikanischen »Labor Day« den Sommer ausklingen zu lassen.

Zubin Mehtas Philharmoniker spielten, am Schluß übertönt von den Böllern bunter Feuerwerksraketen. Die Tausendschaften jubelten Beifall, entließen Luftballons in die schwülwarme Nachtluft und gingen beschwingt nach Hause.

Am Tag danach begann wieder das »Rat Race«. Die New Yorker übernahmen ihre Stadt von den Sommertouristen, stopften sich in U-Bahnen, schimpften über die Schlaglöcher, drängelten sich zur Mittagszeit an den Hotdog-Ständen. Bars und Restaurants waren wieder übervoll.

Doch das bekannte nachsommerliche Ritual war diesmal überschattet. »Die Aids-Furcht erfaßt die Heterosexuellen. Die sozialen Verhaltensmuster ändern sich«, lautete die Schlagzeile, mit der die »New York Times« ihre zurückkehrenden Leser begrüßt und sich damit selbst revidiert hatte.

Noch Anfang letzten Monats hatte das Weltblatt vorsichtigen Optimismus für angebracht gehalten. »Unbarmherzig« steige zwar die Zahl der Aids-Opfer, auch liege der »Sieg über die tödliche Krankheit noch in weiter Ferne«, doch der bisherige Verlauf im Kampf gegen Aids sei »gar nicht so entmutigend«, kommentierte die Zeitung, die Wissenschaftler würden es schon schaffen, man solle »sie gewähren lassen«.

Der beruhigende Kommentar verfehlte seine Wirkung. Die Realität sieht anders aus. Zwischen Sommeranfang und Sommerende, zwischen »Memorial Day« am 30. Mai und »Labor Day« am 2. September, war die Anzahl der an Aids leidenden US-Bürger um über 25 Prozent angestiegen, wie das US-Seuchenzentrum (CDC) in Atlanta meldete. Mehr als jede dritte Neuerkrankung wurde in New York registriert.

»Vor zwei Jahren hat sich nicht eine einzige Frau für Aids interessiert«, sagt der Gynäkologe Donald Rubell, der seine Praxis an der noblen New Yorker Upper Eastside hat, »jetzt taucht Aids in fast jedem Gespräch mit sexuell aktiven Patientinnen auf.«

»Seit zwei Wochen«, seit bekannt ist, daß Aids-Viren auch in der Tränenflüssigkeit vorkommen, »hat es uns voll erwischt«, berichtet auch Augenarzt Dr. Sanjeev Nath über die neuerwachte Besorgnis von Patienten bei Hornhaut- und Star-Untersuchungen.

Der Kardiologe und Internist Dr. Ivicos Sotirakis ist »halbwegs beruhigt«, daß er einen »relativ alten Patientenstamm

betreut«. Für die Jüngeren hat Sotirakis seit einigen Monaten im Wartezimmer Broschüren und Photokopien einschlägiger Fachberichte ausgelegt, die über das Aids-Problem und mögliche Vorsichtsmaßnahmen Aufschluß geben.

Tagesgespräch ist die unheimliche Krankheit in New York fast überall. In den »In«-Restaurants an der Columbus Avenue mitten im »Yuppie-Country«, in den neuen Bars am unteren Broadway wird zunächst über Dwight Gooden, den neuen Star des lokalen Baseball-Clubs der »Mets«, oder über die jüngste Klassik-Mode des Designers Ralph Lauren parliert - es ist wie ein pflichtgemäßes Vorspiel, ehe das Hauptthema hochpoppt.

Sie schätze sich »glücklich«, sagt eine TWA-Stewardeß, das sie »verheiratet und über 30« sei, und kommt dann gleich zur Kernfrage der »unsicheren Situation": »Wäre ich Single, zehn Jahre jünger und müßte rausgehen, um mir einen Partner zu suchen, ich wüßte nicht, was tun.«

»Ich würde Nonne werden, dabei bin ich Jüdin«, sagt ihre Nachbarin an der Restaurant-Bar des »Caramba«, wo »das beste mexikanische Essen East of the West« und die größte Margarita New Yorks namens »Ridiculous« ("lächerlich") serviert werden. Das »Caramba« ist gegenwärtig, wie auch das gegenüberliegende »Lui«, eine der bestbesuchten Single-Kneipen, knüppelvoll vom frühen Abend bis nach Mitternacht.

Doch »so ruckzuck wie früher«, hat ein Barkeeper im »Lui« beobachtet, geht das Anbandeln nicht mehr: »Niemand ist mehr sicher. Aids wird zu einer Seuche.«

Ob die Epidemie tatsächlich noch immer und hauptsächlich in den Hochrisikogruppen der homosexuell aktiven Gays und der Drogenspritzer zunimmt, »nicht aber ähnlich geometrische Zuwachsraten unter den Heterosexuellen« aufweist, wie der Chef der New Yorker Gesundheitsbehörde Dr. David Sencer verkündete, ist mehr als strittig.

Bei der Schwulen-Hilfe »Gay Men's Health Crisis« (GMHC), die immerhin die Homo-Szene, das Leiden der an Aids-Sterbenden und die gesamte Schwulenproblematik hautnah erfährt, wird darauf verwiesen, daß die »Safer Sex«-Appelle zu greifen beginnen.

Die neun in New York verbliebenen Schwulenbadehäuser (drei schlossen im Laufe des vergangenen Jahres) geben Kondome und »Safer Sex«-Broschüren aus, die etwa vom »Faust-Fick« abraten ("Selbst bei allen Vorsichtsmaßnahmen zu gefährlich"), auf die besondere Infektionsgefahr »bei analem und oralem Sex« hinweisen und vor dem Gebrauch von »Straßen-Drogen, Alkohol und Marihuana« warnen, weil diese Sex-Hilfsmittel »das Immunsystem schwächen« könnten.

»Viele Gays haben ihr Sex-Leben verändert«, glaubt Dr. Emery Hetrick,

Psychiater am New York University Medical Center, immer mehr begnügten sich »mit nur einem Partner«.

Andere Homosexuelle, kein Zweifel, haben die Aids-Angst verdrängt. »Safe Sex ist langweiliger Sex«, sagt ein Homo im »Badlands« an der Christopher Street. Er fällt nach Dr. Hetrick in die Gruppe der »Fatalisten«, die »in die Badehäuser gehen und wohl wissen, daß sie andere anstecken«. Sie hätten »so viel in ihre Sexualität investiert, daß jede Verhaltensänderung in eine hoffnungslose Verzweiflung« münden würde. Gegenüber der »Badlands«-Bar, auf den Piers am Hudson, sonnen sich die Schwulen-Paare. Einzelne suchen und finden hier Partner für schnelle Sex-Kontakte - so als gäbe es kein Aids-Problem.

Dann sind da noch die Homosexuellen, die ganz sicher gehen wollen. »Immer mehr Homosexuelle«, weiß Gynäkologe Rubell, »schlafen mit Frauen«, ohne sicher zu sein, ob sie selber noch Aids-frei sind oder nicht. Diese Sex-Wechsler würden zu einem unkalkulierbaren Faktor, sie nämlich seien es, die das Virus in die heterosexuelle Gemeinde einbrächten, fürchtet Rubell. Und dann? »Es wird schlimm kommen.«

Aids, orakelte die Illustrierte »Life«, könne »das Amerika des späten 20. Jahrhunderts in eine verängstigte und veränderte Gesellschaft« umformen. In New York, das mit 33 Prozent aller in den USA gemeldeten Aids-Fälle nun auch noch zur Aids-Metropole aufsteigt, sind Ansätze zu solchem Wandel schon zu erkennen.

Daß nach allem, was Mediziner bisher wissen, Aids keine wie Schnupfen ansteckende Krankheit ist und nicht durch normalen Alltagskontakt übertragen werden kann, kümmerte die Eltern in einem New Yorker Schulbezirk wenig. Sie glaubten der (irrigen) Aussage eines Nachbarschaftsdoktors, daß »einige Tropfen Urin auf dem Toilettenrand« (aus der Blase eines Aids-Kranken) schon einen möglichen Infektionsherd darstellen. Die Eltern forderten, aidskranke oder aids-infizierte Kinder müßten vom Schulbesuch ausgeschlossen werden.

Da in New Yorks Krankenhäusern für Aids-Patienten die Betten auf den Isolierstationen knapp werden, wollte Oberbürgermeister Edward Koch zehn schwerkranke Aids-Opfer in einem Altenpflegeheim unterbringen. Die Nachbarschaft geriet in Panik.

Zur Beruhigung schickte die GMHC-Hilfe sachkundige Mitarbeiter, die den Pflegestab des Heimes aufzuklären und die Bewohner zu beruhigen suchten. »Es gab welche, die fürchteten, sich aus 200 Meter Entfernung anzustecken«, berichtet GMHC-Direktor Richard Dunne. Die Aufklärungsaktion verlief erfolglos. Letzte Woche rückte Koch von seinem Vorhaben wieder ab. Er will in wenigen Wochen wieder zum Bürgermeister gewählt werden.

Mit massivem Protest mußte sich auch die katholische Kirche auseinandersetzen. John Kardinal O'Connor hatte geplant, in einem ehemaligen Kloster auf der New Yorker Westside wohnungslosen Aids-Kranken Unterkunft und Pflege zu gewähren. Gegen die Wahl des Standortes (wo derzeit schon Alkoholiker und Drogensüchtige betreut werden) lief die Gemeinde der »Holy Name of Jesus Church« Sturm. Sie erreichte, daß der Kardinal einen Rückzieher machte.

»Wir haben kleine Heiligenfiguren in unseren Autos und an unseren Wohnungstüren«, predigte Pastor Kenneth Smith vorletzten Sonntag. »Aber dort sind sie nicht sehr wichtig. Wir müssen den Bedürftigen helfen. Wo immer ein Aids-Opfer ist, ist auch Jesus.« Die Reaktion der Gemeinde schwankte zwischen Betroffenheit und Tränen.

Kardinal O'Connor sucht nun für beide Aids-Betreuungsheime einen Ersatzstandort. Ist der gefunden und von der Nachbarschaft akzeptiert, sind vorerst keine weiteren Schwierigkeiten zu befürchten: Um die Aids-Patienten werden sich die Schwestern des Mutter-Teresa-Ordens kümmern. Die laufenden Pflegekosten übernimmt die Stadt.

Doch die Angst vor der unheimlichen Seuche kann auch durch solche Mildtätigkeiten nicht mehr verscheucht werden. Sie wurzelt schon zu tief.

»Hat ein Aids-Patient hier zuletzt gesessen?« lautete die Frage, die zynische Grafitti-Sprüher jüngst auf einen New Yorker U-Bahn-Sitz gemalt hatten. Der Waggon war mit Fahrgästen dicht gefüllt. Niemand setzte sich auf den markierten freien Platz.

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