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Wissenschaft + Technik Heilungschance ...

Der CDU-Abgeordnete Friedbert Pflüger, Volkswirt und Staatsrechtler, plädiert für den Import embryonaler Stammzellen.
aus DER SPIEGEL 5/2002

Pflüger, 46, war in den achtziger Jahren Sprecher von Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Er ist Mitglied im CDU-Bundesvorstand und leitet den Europa-Ausschuss des Bundestags.

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SPIEGEL: Wiegt die Menschenwürde eines Embryos weniger schwer als die eines auf Heilung hoffenden Kranken?

Pflüger: Ein Embryo ist schützenswertes menschliches Leben. Aber der unsichtbare, im Kühlbehälter lagernde, bei einer künstlichen Befruchtung übrig gebliebene Embryo ist kein Mensch. Uns geht es darum, einige wenige embryonale Stammzellen zu nutzen, die nie mehr Mensch werden können. Ziel ist, der Wissenschaft die Möglichkeit zu geben, kranken Menschen, die an Parkinson, Multipler Sklerose oder Querschnittlähmung leiden, zu helfen.

SPIEGEL: Erforderlichenfalls, heißt es in Ihrem Antrag, sollen auch in Deutschland eigene Stammzelllinien etabliert werden. Dann müssten auch hier Embryonen für die Forschung getötet werden.

Pflüger: Ich will nicht, dass Embryonen eigens zu Forschungszwecken hergestellt werden, sondern es geht um solche Embryonen, die etwa bei der künstlichen Befruchtung übrig geblieben sind. Gerade angesichts der Erfahrungen des Nationalsozialismus müssen wir mit menschlichem Leben sehr vorsichtig umgehen. Ich habe großen Respekt vor denen, die sagen, wir dürfen nicht alles, was wir können. Aber wir müssen uns auch fragen: Dürfen wir unterlassen, was wir können? Den vollkommenen Lebensschutz auf verwaiste Embryonen auszuweiten, das ist so erhaben, dass es ein Schwerkranker kaum als menschlich empfinden kann.

SPIEGEL: Für Therapien werden bisher nur ethisch unproblematische adulte Stammzellen eingesetzt. Und Forschen lässt sich auch mit Embryonalzellen von Tieren. Warum bestehen Sie auf Stammzellen vom Menschen?

Pflüger: Weil mir die Mehrheit der Wissenschaftler sagt, wir könnten das volle Potenzial der adulten Stammzellen erst dann zur Geltung bringen, wenn wir Vergleichsmöglichkeiten haben mit humanen embryonalen Stammzellen. Dafür brauchen wir jetzt eine begrenzte Forschung an einigen wenigen Stammzelllinien.

SPIEGEL: Wer sagt, dass es die erhofften Therapieerfolge nur geben wird, wenn embryonale Zellen eingesetzt werden?

Pflüger: Letztlich wissen wir das alle nicht. Es ist eine schwere Abwägung. Für mich ist nicht die Frage von Arbeitsplätzen am Forschungsstandort Deutschland entscheidend. Vielmehr geht es vor allem um die Frage, ob ich es ethisch rechtfertigen kann, leidenden Menschen eine Heilungschance zu verweigern. Ich habe mich für die Heilungschance des Menschen entschieden.

SPIEGEL: Wann beginnt für Sie menschliches Leben?

Pflüger: Mit der Verschmelzung von Ei und Samenzelle.

SPIEGEL: Aber ...

Pflüger: ...es ist menschliches Leben, es ist noch kein Mensch. Es ist nicht geboren, und es hat keine Mutter. Auch dieses menschliche Leben verdient unseren Schutz, wir dürfen damit nicht leichtfertig umgehen. Ich verstehe alle, die sagen, man müsse Dammbrüche verhindern. Aber haben die dann auch den Willen und die Kraft, später den Import von Medikamenten zu verbieten, die auf Grund embryonaler Stammzellenforschung im Ausland entwickelt worden sind?

SPIEGEL: Ihr Antrag ist für eine Partei, die das C im Namen führt, sensibler als für andere. Fürchten Sie eine Entfremdung der Partei von den Kirchen?

Pflüger: Überhaupt nicht. Aus den Kirchen gibt es ganz unterschiedliche Stellungnahmen. Ich komme aus ethischer Überzeugung, auch aus christlicher Verantwortung zu meiner Entscheidung. INTERVIEW: CHRISTOPH SCHULT

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