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ANTHROPOLOGIE Heißhunger auf Dreck

Bei verblüffend vielen Völkern ist es Sitte, Erde zu essen. Doch warum? Nun soll eine neue Studie klären, ob Lehm Schwangere vor Vergiftungen schützen kann.
aus DER SPIEGEL 50/2007

Die Bewohner der ostafrikanischen Insel Pemba freuen sich, wenn eine junge Frau aus ihrer Mitte anfängt, Erde zu essen. Denn das zusätzliche Gericht verrät: Die Gute erwartet ein Baby.

»Die tägliche Ration besteht aus ungefähr 25 Gramm Dreck«, sagt Sera Young. Die brünette Anthropologin, die in diesen Tagen von der Cornell University an die University of California in Berkeley wechselt, hat sich ganz der Erforschung der Geophagie verschrieben, der Sitte, Erde zu essen.

Auf allen Kontinenten, mit Ausnahme Antarktikas, lassen sich Menschen Kreide, Lehm oder Mergel munden. Doch erst allmählich beginnen Young, 30, und andere Forscher zu verstehen, welche Macht sie dabei treibt: Wer sich Lehm aus der Natur, aber auch »Heilerde« aus der Apotheke besorgt und futtert, der folgt offenbar einem archaischen Verlangen, das im Laufe der Evolution geprägt worden ist.

Denn nicht nur Menschen, sondern auch Papageien, Rinder, Ratten, Elefanten und Schimpansen verordnen sich mitunter eine Portion Dreck. Selbst der Urmensch war dieser Leidenschaft verfallen: In einer Ausgrabungsstätte in Afrika fand sich Lehmpulver, das vor zwei Millionen Jahren offenbar als Marschverpflegung diente. Die Frage ist nur: Warum?

In ihren Feldstudien auf der zu Tansania gehörenden Insel Pemba hat die Anthropologin Young beobachtet, dass es vor allem schwangere Frauen sind, die vom Heißhunger auf Erde befallen werden. »Es ist wie eine Sucht, für die es sogar ein eigenes Wort gibt: vileo«, so die Forscherin.

Allerdings fegen die Schwangeren ihr Mahl nicht einfach von der Straße. Vielmehr treiben sie großen Aufwand, um an die rechte Sorte zu kommen. Sie kratzen Lehm aus besonderen Brunnen oder holen ihn von bestimmten Stellen außerhalb des Dorfs. »Der Dreck«, so Sera Young, »darf nicht schmutzig sein.«

Dass Erdesser wählerisch sind, war schon Alexander von Humboldt aufgefallen, als er sich vor 200 Jahren im heutigen Venezuela umtat. Die dort heimischen Otomaken-Indianer, notierte der Naturforscher, bevorzugten jene angeschwemmten Schichten, welche »die fetteste, am feinsten anzufühlende Erde enthalten«.

Da die Indianer diesen Dreck in »unglaublicher Masse« verschlangen und ihn für schlechte Zeiten in Form getrockneter Tonkugeln vorhielten, deutete Humboldt die Geophagie als Notbehelf gegen knurrende Mägen. Tatsächlich essen Menschen in mageren Zeiten besonders häufig Erde, wie 2004 auf Haiti: Slumbewohner bekamen Fladen gereicht, die aus Butter, Salz, Wasser und Dreck gebacken waren.

Allerdings erklärt die Hunger-Hypothese nicht das ganze Phänomen, denn Erde steht auch auf dem Speiseplan wohlgenährter Menschen. Viele Forscher glauben deshalb, sie wirke wie eine Naturarznei: Schließlich enthält Lehm Magnesium, Natrium, Kalzium, Kalium, Eisen und dazu jede Menge Silikate. Bei schlimmem Durchfall, so die Überlegung, können einige Löffelchen davon dem Körper verlorengegangene Mineralstoffe zuführen.

Der britische Bodenkundler Peter Hooda hat jedoch Hinweise dafür gefunden, dass der Lehm dem Körper ganz im Gegenteil mehr nimmt, als er ihm gibt. Zu diesem überraschenden Schluss waren der Gelehrte und seine Mitarbeiter gekommen, nachdem sie das Aufeinandertreffen von Dreck und Verdauungstrakt im Labor nachgestellt hatten: Sie verrührten Lehm, Magensäure sowie Nährstoffe, ließen die entstandene Pampe bei Körpertemperatur ordentlich ziehen und analysierten dann die Zusammensetzung.

Dabei zeigte sich, dass sich viele Nährstoffe fest an mikroskopisch kleine Strukturen aus dem Lehm hefteten. Dadurch sank der Gehalt an verfügbarem Eisen, Zink und Kupfer in dem Schlammbad merklich. Das passt zu dem, was Young auf Pemba beobachtet hat: Viele Lehm-Liebhaberinnen waren anämisch und hatten auffällig wenig Eisen im Blut.

In bestimmten Lebenslagen jedoch, vermutet die Anthropologin, dürfte gerade die auslaugende Wirkung des Drecks vorteilhaft sein. »Dreck hilft möglicherweise, Giftstoffe aus dem Körper zu entfernen.« Dafür spricht, was Young auch nach Sichtung von mehr als 2700 einschlägigen Fällen in der Literatur aufgefallen ist: Kleine Kinder und schwangere Frauen - also Menschen, für die Vergiftungen besonders problematisch werden können - verleiben sich den betreffenden Bodenschatz besonders häufig ein.

Bisher galt das Schwangerschaftserbrechen als evolutionär verdrahteter Mechanismus, um das ungeborene Kind vor schädlichen Stoffen aus der Nahrung zu schützen - kommt jetzt mit der Geophagie eine zweite Strategie hinzu?

Um diese Vermutung weiter zu erhärten, lässt Young gegenwärtig 30 lehmige Kostproben aus Pemba, Kirgisien, Indonesien und anderen Gegenden am Macaulay Institute im schottischen Aberdeen daraufhin untersuchen, inwiefern sie das chemische Potential besitzen, mit giftigen Nahrungsstoffen aufzuräumen.

Die Analyse könnte wissenschaftlich bestätigen, was sich viele Erdesser schon immer gesagt haben: Dreck reinigt den Magen. JÖRG BLECH

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