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ARCHÄOLOGIE Helden auf dem Prüfstand

In einem Museum in Kassel steht ein unechter Herakles, Berlin zeigt eine ominöse Wachsbüste, angeblich von Leonardo da Vinci: Archäologen beklagen eine Welle von Fälschungen auf dem Kunstmarkt. Mit Metallfraß und künstlicher Patina ahmen die Betrüger antike Statuen nach.
aus DER SPIEGEL 3/2008

Fiebrige Spannung lag auf dem vollbesetzten Saal von Sotheby's in New York, als am 7. Juni 2007 Helfer mit weißen Handschuhen eine grazile, rund einen Meter große Bronzestatue hereinrollten. »Artemis mit Hirsch« stand auf dem Loszettel: eine Darstellung der Jagdgöttin.

Aus versilberten Augen blickt das junge Mädchen. Keck fällt sein Gewand zum Knie herab. »Das schönste Bildwerk, welches das Altertum überlebt hat«, schwärmte ein Sprecher des Auktionshauses. Dann hob ein fulminanter Bieterkampf an.

Ein Herr aus dem Scheichtum Katar stieg ein, bedrängt von einem unbekannten Anzugträger. Mit jedem Handzeichen stieg der Preis um 100 000 Dollar. Bei zwölf Millionen geriet das Duell ins Stocken, als sich von der hinteren Reihe plötzlich ein neuer Interessent einschaltete.

Endlich, bei 25,5 Millionen Dollar (mit Aufgeld 28,6 Millionen), fiel krachend der Hammer. Den Zuschlag erhielt Giuseppe Eskenazi, 68, Kunsthändler aus London, der den Schatz - für einen nichtgenannten Kunden - umgehend per Luftfracht nach Europa bringen ließ.

Noch nie wurde so viel Geld für eine römische Plastik bezahlt. Selbst Sotheby's nannte die Versteigerung »absolut erstaunlich«.

Doch der neue Besitzer, Gerüchten zufolge ein Russe, könnte bald enttäuscht sein. In einem Gutachten, das dem SPIEGEL vorliegt, hegt der Hallenser Archäologe Stefan Lehmann Zweifel an dem Objekt. Ihn stören das »ausdruckslose Gesicht und die scheinbar perfekte Erhaltung« der Statue. Auf den ersten Blick erinnere sie an ein »klassizistisches Werk aus der Zeit um 1800«.

Der Verfasser des Handbuchs »Die griechische Plastik«, Josef Floren aus Münster, ist ebenfalls irritiert. Die »kastenförmige Basis«, auf der die Göttin stehe, wirke »neuzeitlich«. Zudem wundert ihn die ungewöhnliche Tracht der jungen Bronze-Frau: »Über ihrer Schulter liegt eine Art Schal oder Schleiertuch. So lief in Rom niemand herum.«

Bahnt sich da ein Millionenskandal an?

Der Verdacht würde passen. Seit einiger Zeit schon beklagen Fachleute einen Anstieg von Falsifikaten. Geschickt verlöten die Betrüger Hohlbronzen, sie formen klassische Gesichter und ahmen die Gusstechniken des Hellenismus nach. Patina wird mit ätzenden Säuren erzeugt.

Anfang 2005 wanderte der Londoner Kunstgroßhändler Robin Symes wegen einer anderen Sache für sieben Monate ins Gefängnis. Der Mann, der sich im Rolls-Royce chauffieren ließ, folgte dem Kalender des Jetsets: im Februar Gstaad, im März die Bahamas, im Frühjahr in die Beauty-Klinik nach Montreux, den Sommer über in Griechenland.

Zwischendurch versorgte Symes seine Kunden mit antiken Pretiosen. Im Moment seiner Verhaftung verfügte er über 33 Depots - gefüllt mit Schätzen im Wert von 180 Millionen Euro. Seine Magazine galten als eine der Hauptschleusen für gefälschte Ware.

Auch die Kopistenbande um Shaun Greenhalgh, 46, aus Großbritannien erhielt im vorigen November Gefängnisstrafen. Die Gruppe hatte den Torso einer ägyptischen Prinzessin nachgeäfft und behauptet, er stamme aus Amarna, dem Königssitz des Pharaos Echnaton.

Gestoppt hat das die Welle aus Gaukelwerk nicht.

Am liebsten wird das goldene Altertum kopiert. Formvollendete Athleten säumten einst die Sportstätten und Heiligtümer. Die Bildhauer Griechenlands und Roms arbeiteten überwiegend in Marmor und Bronze. Das meiste zerbrach oder geriet in die Schmelzöfen.

Der moderne Markt aber will ständig neue Ware. Broker und Hedgefonds-Verwalter handeln mit Aegyptiaca und hellenistischen Götzen, als wären es Tabakballen an der Rohstoffbörse.

Lange erzielten nur impressionistische Gemälde Rekordpreise - jetzt gerät auch Antikes in den Höhenrausch. Chinesen und russische Gasputins greifen zu. Während die Frauen von Scheich Saud al- Thani aus Katar im Schleier herumlaufen, ersteigerte sich der Ölmilliardär eine nackte römische Venus für über zwölf Millionen Euro.

Das Interesse habe eine nie da gewesene geografische Verbreitung erreicht, erklärt der Christie's-Direktor Edward Dolman. Sein Unternehmen hat mittlerweile Niederlassungen in Shanghai, Peking und Mumbai.

Vorläufiger Höhepunkt des Spekulationswahnsinns war die letzte Versteigerung der Wintersaison bei Sotheby's am

5. Dezember. Eine acht Zentimeter große stehende Löwin aus Kalkstein, ausgegraben nahe Bagdad und 5000 Jahre alt, bot das Auktionshaus an. Das Stück brachte 57,2 Millionen Dollar.

Angesichts dieser Summen können die Nachahmer von langer Hand planen. Mindestens »eine Million Euro Vorschubfinanzierung«, rechnet der Basler Händler Christoph Leon, sei für das Abkupfern einer lebensgroßen Bronzestatue nötig.

Aufwendige Herkunftslegenden werden ersonnen, um die Aphroditen und Apollons unverdächtig in den Markt einzuführen. »Zwei Ateliers in Südeuropa« seien derzeit besonders aktiv, sagt ein Kenner, »das eine liegt in Italien, das andere in Spanien«.

Ihren arglistig erstellten Tand zu veräußern fällt den Gaunern nicht schwer. Bildungsferne Globalisierungsgewinner, die die Welt der Ästhetik als Wertanlage oder Statussymbol nutzen, lassen sich leicht betrügen.

Echten Liebhabern geht es allerdings kaum besser: Der studierte Semitist und Multimillionär Elie Borowski (1913 bis 2003) kaufte sich im Lauf seines Lebens eine ungeheure Privatkollektion aus antiken Gläsern, Rollsiegeln und römischen Figuren zusammen (die er dem Bible Lands Museum in Jerusalem vermachte).

Leider wurde der feingeistige Sammler häufig übers Ohr gehauen: »Jede zweite Statuette aus der Borowski-Sammlung ist gefälscht«, glaubt der Experte Floren.

Und selbst staatliche Museen sind vor Schwindel nicht gefeit. Beispiel: Im Jahr 1979 wurde der Antikensammlung Kassel ein vergoldeter Herakles angeboten. Aufgeregt reiste die Direktion in die Schweiz und sah sich die Statue in einer Bank in Zürich an. Mit geschulterter Keule und einem Löwenfell stand der Halbgott da.

Fasziniert schnappten die Museumsleiter zu - ein Fehlgriff. Aber erst ein Vierteljahrhundert später, im Jahr 2003, gestand die Direktion die Blamage ein. Man war betrogen worden.

Derlei Pleiten öffentlich bestallter Kuratoren hängen auch mit dem Druck zusammen, unter dem sie stehen. Folterwerkzeug der Maya oder Hockmumien aus den Anden müssen sie aufbieten, um erfolgreich Besucher anzulocken. Zweifel an der Provenienz der Funde werden verdrängt.

Das Ergebnis sind Skandale wie jüngst im Hamburger Völkerkundemuseum. Dort defilierten bis Mitte Dezember 10 000 Gäste an chinesischen Terrakottakriegern vorbei - angeblich ein Weltereignis. In Wahrheit waren es frisch gebrannte Ton-Männeken, kaum teurer als Blumentöpfe.

»Werch ein Illtum«, hämte die »Berliner Morgenpost«. Doch statt zu spotten, sollte die Hauptstadtpresse lieber vor der eigenen Tür kehren. Denn auch auf der Spreeinsel werden Zuschauer getäuscht - sogar mit Vorsatz. Im Bode-Museum im

Zentrum Berlins steht eine etwa 75 Zentimeter hohe Wachsbüste, genannt »Flora«. Nach der Wiedereröffnung des Hauses im vorvergangenen Jahr erhielt die Dame einen Ehrenplatz im Studiensaal, Raum 220.

Bei Führungen wird die barbusige Lächlerin als große Geheimnisvolle beschrieben. Ihr Ursprung sei auf »rätselhafte« Weise mit einem Genie der Renaissance verbunden: »Ob sie aus dem Umkreis von Leonardo da Vinci stammt, ist die spannende Frage, die heute immer noch unbeantwortet bleibt.«

Schiere Augenwischerei. In Wahrheit ist der Fall »Flora« längst geklärt. Er gehört zu den verrücktesten Schwindeleien, die je den Kunstbetrieb erschütterten.

Rückblick: Im Jahr 1909 reiste Direktor Wilhelm Bode undercover nach England, um die Wachsdame für 185 000 Goldmark einem Schacherer abzukaufen. Verzückt kehrte er heim und erklärte das Stück zur zweiten Mona Lisa.

Die Kollegen aus London konnten darüber nur lachen. Umgehend legten sie drei eidesstattliche Erklärungen vor, die bewiesen, dass die Büste 1846 im Atelier des Bossierers Richard Lucas erstellt worden war. Prüfungen ergaben, dass sie aus Cetaceum besteht - Wachs aus dem Kopf von Pottwalen. Zu Leonardos Zeiten kostete die Masse doppelt so viel wie Gold.

Bode war angeschmiert worden.

Doch der stellte sich taub. Die Sache wuchs sich zum Politikum aus. Der Kaiser stellte sich schützend vor den Betrogenen und erstickte so alle Zweifel. Noch 1966, in der neueröffneten Skulpturensammlung in Berlin-Dahlem, galt das rissige Werk als »originäre Schöpfung« Leonardos von »ungetrübter klassischer Klarheit und Harmonie«.

1986 krachte es zwar endgültig: Chemische Analysen erbrachten, dass die Büste synthetisches Stearin enthält, hergestellt im 19. Jahrhundert. Doch selbst diese Botschaft konnte »Flora« nicht stürzen. »Sowohl Leonardo da Vinci bzw. seinem Umkreis zugeschrieben als auch als Fälschung des 19. Jahrhunderts betrachtet«, steht heute verschwafelt auf der Erklärtafel neben der Büste.

Das Internet-Lexikon Wikipedia behauptet sogar: »Kein Forscher« zweifle heute noch an der Echtheit des Werks.

Der reine Irrsinn.

Doch so geht es stets, es wird vertuscht und geleugnet. Eine »gefährliche Entwicklung« sei da in Gange, meint der Experte Leon: Das Geschick der Mogler nehme ständig zu, immer mehr faule Eier würden in die staatlichen Schatzhäuser eingeschleust. »Aber alle verleugnen das Problem, vor allem wenn sie selber Opfer der Fälscher-Mafia wurden.«

Fällt mithin ein dunkler Schleier auf die Welt der klassischen Schönheit? Gesellen sich zum kalten Marmor der echten Laokoons und Aphroditen immer mehr auf alt getrimmte Fratzen, die keiner mehr zu erkennen vermag?

Zwar dringen Restauratoren heute zwecks Echtheitsprüfung mit Endoskopen in die hohlen Metallfiguren ein. Sie untersuchen Lötstellen und röntgen Fußzapfen.

Nur: Auch Banditen lesen Fachblätter. »Die Klassische Archäologie und die Naturwissenschaften verhalten sich zu den Fälscherwerkstätten wie beim Wettlauf zwischen Hase und Igel«, klagt Lehmann. »Unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse werden sofort abgeguckt, von den Fälschern wahrgenommen und für ihre Betrugsabsichten praktisch umgesetzt.«

Bei Statuen aus Stein lassen sich Original und Nachahmung kaum mehr unterscheiden. Zahneisen und Schaber wie vor 2000 Jahren verwenden die Replikateure, sie beschaffen sich Marmor aus Brüchen, die schon im Altertum ausgebeutet wurden. Die Folge: heilloser Streit.

Beim »Kouros« aus dem Getty Museum in Malibu, einer angeblich 2500 Jahre alten Statue eines archaischen griechischen Jünglings, tobt er besonders hart. Ein vom Eigner finanziertes Gutachten bescheinigt dem Steinbild eine Verwitterung, wie sie nur in Jahrtausenden wachse. Gleichwohl glaubt in Europa kaum ein Fachmann an die Echtheit der Plastik.

Doch die Sache ist noch vertrackter: Angesichts der aktuellen Höchstpreise am Kunstmarkt geraten auch renommierte Fachleute in den Sog des großen Geldes. Drei bis fünf Prozent vom Schätzpreis einer Statue erhält der Gutachter. Wenige Zeilen können 500 000 Euro Honorar bringen.

Da wird mancher weich und drückt mögliche Zweifel an der Echtheit weg. Derzeit stehen zwei Schweizer Universitätsprofessoren im Verdacht, bewusst falsche Zertifikate ausgestellt zu haben. Namen will keiner nennen.

Kaum durchsichtiger sind die Vorgänge, die sich vor einiger Zeit in Stendal abspielten. Das dortige Winkelmann-Museum zeigte einen - bis dahin völlig unbekannten - Bronzekopf Alexanders des Großen. Was für eine Sensation! Die gesamte Fachwelt schaute erstaunt nach Sachsen-Anhalt.

Der Grund: Von dem griechischen Heerführer (der bis Indien marschierte und 323 vor Christus in Babylon starb) gibt es kaum sichere Abbilder. Es schien, als wäre der Genius in metallischer Form wiederauferstanden.

Nur: Wieso geschah das ausgerechnet in der ostdeutschen Provinz? Auf dem Markt würde die Figur mindestens zehn Millionen Dollar bringen.

Organisator der Schau war der Archäologe Max Kunze, 63, der zu DDR-Zeiten das Pergamonmuseum in Berlin leitete - der beste Museumsjob, den der Honecker-Staat zu vergeben hatte. Nach der Wende gab Kunze seinen Arbeitsplatz auf.

Obwohl die Leihgabe nur sieben Wochen in Stendal verblieb, wurde eine aufwendige deutsch-englische Broschüre erstellt. Darin lobt Kunze das grün schimmernde Exponat als eindrucksvoll und rückt es sogar in die Nähe des altgriechischen Meißelkönigs Lysipp.

Kollegen können sich über dieses Urteil nur wundern. »Das Stück ist niemals antik«, sagt Leon. Der Forscher Floren hält den mysteriösen Alexander ebenfalls für eine »sichere Fälschung«.

Auf SPIEGEL-Nachfrage räumte Kunze in der vergangenen Woche ein, den Metallkopf von Robin Symes erhalten zu haben - jenem dubiosen Händler, der bis zu seiner Verurteilung im Jahr 2005 ein weltumspannendes Antiquitätenimperium geleitet hatte.

Der ehemalige DDR-Obere und der Brite kennen sich schon lange. Bereits 1999 schrieb Kunze kurze Gutachten über vier angeblich hellenistische Bronzeporträts, die Symes einer betuchten Kundschaft in New York vorstellte. Kunze betont: »Ich erhielt dafür kein Honorar.«

»Von diesen Köpfen war keiner echt«, sagt Experte Leon. »Sie stammten alle aus einer spanischen Werkstatt, die mit hervorragendem Können Pseudoantiken produziert.«

Fachleute vermuten hinter dem Stendal-Deal ebenfalls ein abgekartetes Spiel. »Durch die Präsentation und die positive Begutachtung erhielt der Alexanderkopf einen Anstrich von Authentizität. Was in Europa schon mal ausgestellt war, ohne Anstoß zu erregen, lässt sich in den USA problemlos verkaufen«, erklärt ein Informant.

Der Experte Lehmann drückt es so aus: »Stendal diente als Waschanstalt.«

Der Beschuldigte weist derlei Vorwürfe zurück. Er hält die Alexanderbronze nach wie vor für römisch. Zwei weitere »renommierte Kollegen«, so Kunze, würden das ebenfalls so sehen. Leider sei das strittige Stück nunmehr »verschollen«.

Wie schade.

Immerhin räumt Kunze ein, in Zukunft die Finger von derlei Antiken-Shows zu lassen, die Sache sei zu heiß: »Da für ein Museum die Gefahr besteht, dass man von Kunsthändlern missbraucht werden kann, finden keine derartigen Ausstellungen mehr in Stendal statt.«

So läuft es stets im Reich des schönen Scheins. Der eine sagt hü, der andere hott. Ob ein Gutachter mit Absicht Fehlurteile fällt (vulgo: lügt) oder sich nur stilkritisch vertut, lässt sich vor einem Gericht kaum feststellen. Also ist Vorsicht geboten.

Wie heißt es schon bei Johann Wolfgang von Goethe: »Die Kunst ist lang, das Leben kurz, das Urteil schwierig.«

MATTHIAS SCHULZ

* Verkauf einer altorientalischen Kalksteinlöwin am 5. Dezember 2007.

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