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Marine Helden im Schlick

Das Wrack eines handgetriebenen U-Boots, das vor 131 Jahren ein Kriegsschiff versenkte, wurde vor der US-Ostküste geortet.
aus DER SPIEGEL 21/1995

Mit Balken, Tauen und Ketten hatten die Südstaatler die Meerenge vor Charleston verbarrikadiert. 50 Minuten lang feuerten sie aus 149 schweren und 100 leichten Geschützen, als Nordstaaten-Konteradmiral Samuel Du Pont mit seiner Flotte von gepanzerten Holzschiffen ("Ironsides") gegen den Hafen anrannte.

Als der Angriff auf Charleston mißlang, verlegten sich die Unionierten auf eine Seeblockade. Doch die Demütigung der Angreifer war damit noch nicht komplett. Zehn Monate nach dem ersten Seeduell wurde die Schmach besiegelt: Am 17. Februar 1864 stach die Geheimwaffe der Südstaatler in See.

An jenem Februarabend kletterten neun Männer durch die beiden Einstiegsluken eines zwölf Meter langen Eisenrohrs, das einen Durchmesser von _(* Oben: zeitgenössisches Gemälde aus dem ) _(Museum of the Confederacy in Richmond ) _((Virginia); unten: ) _(Rekonstruktionszeichnung des ) _(amerikanischen Artillerie-Ingenieurs W. ) _(Alexander, 40 Jahre nach dem Sinken der ) _("Hunley«. ) anderthalb Metern hatte. Acht Mann stellten sich an die - hier noch im wahren Wortsinn - »Kurbelwelle«, die nahezu die gesamte Länge des Rohres füllte (siehe Abbildung).

Der neunte Mann stand gebückt im Bug und fungierte als Kapitän. Er flutete zwei Ballasttanks, die vorn und achtern angebracht waren: Das Gefährt tauchte unter. Frischluft strömte durch ein Rohr, das über die Wasseroberfläche ragte. Beim Licht einiger Kerzen (deren Verlöschen auch Sauerstoffmangel signalisieren sollte) begannen die Männer, die mit der Kurbelwelle verbundene Schiffsschraube zu drehen.

Mit einer Geschwindigkeit von vier Knoten pro Stunde verließ das nach seinem Erfinder Horace Lawson Hunley benannte U-Boot »CSS Hunley« seinen geheimen Liegeplatz und nahm Kurs auf die Nordstaaten-Fregatte »Housatonic«, die - als Teil der Blockadeflotte - vier Kilometer vor der Küste dümpelte.

Bei seiner Ankunft am Ziel tauchte das Mini-U-Boot so weit auf, daß der Kapitän ein »Spierentorpedo« ins Heck der Housatonic rammen konnte. An der Spitze des sechs Meter langen Speers befand sich eine Ladung von 41 Kilogramm Schwarzpulver. Sie wurde per Reißleine gezündet, nachdem die Hunley-Besatzung sich in schweißtreibender Rückwärtsfahrt 60 Meter von der Fregatte fortgekurbelt hatte.

Die Housatonic sank innerhalb von fünf Minuten. Fünf Besatzungsmitglieder kamen bei dem ersten erfolgreichen Angriff eines U-Boots auf ein Kriegsschiff ums Leben.

Aber auch für die mutigen Südstaaten-Mariner wurde es eine Kamikaze-Fahrt: Das U-Boot sank - wie die Militärs an Land vermuteten - infolge des Explosionsschocks. Wahrscheinlich hätten sich Nieten gelockert, oder Wasser sei durch die nicht rechtzeitig geschlossenen Luken hereingeschwappt.

Seit Anfang dieses Monats, gut 131 Jahre nach dem Heldentod der Kurbler, ist der Untergang der Hunley wieder ein Rätsel.

In fünf Meter Wassertiefe vor der Küste von South Carolina, bedeckt von einer meterdicken Schlickschicht und überkrustet von Muscheln und Korallen, haben Taucher das Wrack des Neun-Mann-U-Boots ausfindig gemacht. »Das Boot ist völlig intakt und in bemerkenswert gutem Zustand«, meldete Mitentdecker Ralph Wilbanks. Er gehört zu dem Team des Unterwasserarchäologen Mark Newell, der vor nunmehr 23 Jahren die Suche nach der Hunley aufnahm.

Mitbeteiligt an dem Erfolg ist auch der amerikanische Bestsellerautor Clive Cussler ("Raise the Titanic"), der seit 15 Jahren die Gruppe um Newell unterstützt und die magnetischen Sonden finanzierte, mit deren Hilfe die Hunley nun geortet wurde.

Während Cussler mit dem Auffinden der Hunley seine Rolle als Forscher und Mäzen als beendet ansieht, will Newell alles daransetzen, das »nationale Kriegsgrab« zu öffnen. Die Bergungskosten in Höhe von 200 000 Dollar solle die Stadt Charleston bereitstellen und als Beitrag für das Geschichtsbewußtsein der Südstaaten verbuchen.

»Das kleine Schiff«, sagt Newell, sei »eine Ikone für den Süden. Auch haben wir neun hochherzige Männer in dem Boot« - die ersten von Zigtausenden U-Boot-Helden unterm Schlick. Y

* Oben: zeitgenössisches Gemälde aus dem Museum of the Confederacyin Richmond (Virginia); unten: Rekonstruktionszeichnung desamerikanischen Artillerie-Ingenieurs W. Alexander, 40 Jahre nach demSinken der »Hunley«.

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