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ARCHÄOLOGIE Henny aus der Höhle

In Schwaben ist die weltweit älteste Menschenfigur aufgetaucht. Wurde der jähe Kreativitätsschub des Homo sapiens vom Konflikt mit den Neandertalern ausgelöst?
aus DER SPIEGEL 21/2009

Warum im Europa der Steinzeit ein zünftiger Kult um dicke Frauen grassierte, gehört zu den großen Rätseln der Archäologie. Von Russland bis Südfrankreich stellten die Bewohner des Gravettien (vor rund 25 000 Jahren) Statuetten mit übervollen Brüsten und Hüften her. Mehr als 200 dieser »Venus-Figuren« sind bekannt.

Als »Muttergöttin« und »Fruchtbarkeitssymbol« wurden die Figuren gedeutet, man sah in ihnen Schmeichelsteine von Fett-Anbetern, Spielzeug oder paläolithische Pin-up-Girls.

Nun ist eine Art Prototyp des erstaunlichen paneuropäischen Venuskults zum Vorschein gekommen ist: In einer Felsgrotte auf der Schwäbischen Alb lag die 5,97 Zentimeter hohe Figurine aus Elfenbein. Sie hat abstehende Brüste und eine auffällig große Vulva. Füße und Kopf fehlen. Über der Schulter befindet sich eine Öse - ein Anhänger.

Einen »Klassiker der Ewigkeit« nennt der Tübinger Urgeschichtler Nicholas Conard seinen Fund. Intern, bei den Mitarbeitern, heißt das Idol »Henny« - wegen seiner Ähnlichkeit mit einem Brathähnchen.

Aber auch sie staunen. Die Schnitzerei lag drei Meter tief, an der Grenze der Kulturschicht V b. Diese ist etwa 40 000 Jahre alt, die Venus damit die »früheste Wiedergabe eines Menschen« (Conard).

Zu der Zeit vollzog sich in Europa eine Revolution: Der anatomisch moderne Homo sapiens stieß ins Zentrum des Kontinents vor. Ein Trupp zog entlang der Donau Richtung Frankreich, wo er vor 36 000 Jahren die Chauvet-Höhle mit Bildern ausmalte (siehe Grafik).

Ein seltsamer Schöpfungsrausch erfasste die Neusiedler. Sie fertigten filigrane Knochenwaffen und Tierplastiken, erfanden Musik und Malerei. Und sie bestatteten systematisch ihre Verstorbenen.

Die Schwäbische Alb diente dabei als ein »Innovationszentrum« (Conard). Bereits bei früheren Grabungen kamen in den Grotten der Gegend Plastiken von Mammuts und Löwen zutage. Auch die ältesten Musikinstrumente der Welt stammen von dort - es sind Flöten aus Schwanenknochen oder Elfenbein.

Die jetzt entdeckte Venus belegt, dass die Urschwaben auch beim Herstellen von Menschenstatuen vorn lagen. Die Region sei der »Geburtsort der Bildhauerei«, heißt es im Fachblatt »Nature«.

Als ein Atelier diente der »Hohle Fels«, in dem die eiszeitlichen Jägersippen im Winter Schutz suchten. Wer die Höhle betritt, muss zuerst einen 29 Meter langen Felsschlauch durchschreiten. Dahinter öffnet sich eine düstere Halle.

Im Licht blakender Feuer, zwischen Knochen und schnarchenden Verwandten mag der Künstler zur Tat geschritten sein. Energisch betonte er die Gesäßfalte und die Schamlippen seiner Schöpfung. Ritzungen, die quer über den Bauch verlaufen, deutet Conard als »Bänder oder Gürtel«. »Nach heutigen Maßstäben grenzt das Ganze an Pornografie«, urteilt der britische Urgeschichtler Paul Mellars.

Nur: Wie ist dieser Ausbruch an Kreativität zu erklären? Wer ein Abbild von sich fertigt, bespiegelt sich selbst, die Venus ist ein Hinweis auf Selbstreflexion. Auch der Totenkult setzt die Vorstellung von der Unverlöschlichkeit des Ich und damit abstraktes Denken voraus.

Bis heute ist der jähe Kulturschub ein ungelöstes Geheimnis des Aurignacien. Manche erklären ihn mit Mutationen. Die Leistung des Gehirns sei durch einen genetischen Sprung erhöht worden. Andere Forscher vermuten, dass der Aufstieg des Geistes auf einem Zusammentreffen einzigartiger sozialer und ökologischer Faktoren beruhte:

* Während des Vormarschs nach Europa gerieten die Einwanderer in gefährliche Wetter. Warme und extrem kalte Phasen wechselten sich schnell ab. Ergebnis: Klimastress.

* Zudem mussten sie einen alteingesessenen Gegner verdrängen, der ihnen Nahrung und Lebensraum streitig machte: den Neandertaler.

In dieser Konkurrenzsituation - bedroht von Frost, Hungertod und fremden Muskelschraten - lief der moderne Zweibeiner womöglich zur Höchstform auf. Er ersann Jagdtechniken, knüpfte soziale Netze und erkundete Handelsrouten.

Und er fertigte Bildnisse von sich selbst - so, als hätte er eine gezielte Abgrenzung seiner Art im Sinn.

Drastisch betonten die frühen Künstler dabei die Unterschiede der Geschlechter. Eine der ersten Darstellungen eines Körperteils, 36 000 Jahre alt, ist ein eregierter Penis. In der Fumane-Höhle (Norditalien) fand man eine noch ältere Zeichnung. Sie zeigt eine Person mit Hörnern am Kopf. Es könnte ein furchterregend verkleideter Schamane sein.

Gegen diesen Kult aus Kraft und Aggression heben sich deutlich die Urbilder des Weiblichen ab. Das bislang früheste Zeugnis dieser Art, die »Venus vom Galgenberg«, stellt wahrscheinlich eine Tänzerin mit einer seitlich hervorquellenden Brust dar.

Nun liegt eine noch weit ältere Dame vor - drall und erotisch auch sie, was wie ein Symbol für Wonne und Wohlleben, sattes Glück und sicheres Gebären scheint. Erschaffen hat sie ein Schnitzpionier, der angesichts des Klimachaos womöglich Hunger schob.

So gesehen könnte »Henny« ein Wunschbild sein, eine sehnsuchtsvoll angebetete Frau Schlaraffia, die sich leuchtend gegen das Elend der Zeit abhob, verkörpert vor allem durch jenen muskelbepackten Zweibeiner, der am Ende auf der Strecke blieb und ausstarb: unseren Bruder aus dem Neandertal.

MATTHIAS SCHULZ

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