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UMWELT Heroischer Geist

China baut die größte Wasserumleitung aller Zeiten: Um den trockenen Norden zu versorgen, sollen Fluten aus dem Yangtze bergauf gepumpt werden.
aus DER SPIEGEL 24/2004

Dicht an dicht tuckern Frachtschiffe mit wehenden roten Fahnen über den Kaiserkanal. Zwischen ihnen schaukeln Barken, die den Binnenschiffern frisches Gemüse und Obst verkaufen.

Schon bald könnte der wichtige Verkehrsweg in Ostchina eine noch bedeutendere Rolle spielen: Das Meisterwerk mittelalterlicher Ingenieurskunst soll künftig nicht nur Waren und Menschen transportieren - sondern auch Wasser.

Der Kaiserkanal in der Provinz Jiangsu ist Teil eines gigantischen Bauvorhabens der chinesischen Regierung, das alle bisherigen in den Schatten stellt: Um den trockenen Norden zu versorgen, soll Wasser aus dem Yangtze herangeschafft werden. Über drei Routen - eine östliche, eine mittlere und eine westliche - sollen seine Fluten die Städte und Industriegebiete um Peking sowie die nordwestliche Steppenprovinz Gansu und die autonomen Regionen Ningxia und die Innere Mongolei versorgen (siehe Grafik).

Ab Mitte dieses Jahrhunderts könnten jährlich bis zu 44,8 Milliarden Kubikmeter Wasser über 1000 Kilometer durch ein kompliziertes System von Röhren, Kanälen, Flüssen, Seen und Auffangbecken in den Norden fließen - meist bergauf. Das entspricht der gesamten Wassermenge im Gelben Fluss in guten Zeiten. Geschätzte Kosten des »Süd-Nord-Wasserumleitungsprojekts": umgerechnet 60 Milliarden Euro.

Die Arbeiten an der östlichen Route, die in die Millionenstadt Tianjin führt, laufen bereits auf vollen Touren. Eine große Pumpstation mit vier Turbinen, die es in den Kanal drücken soll, ist in der Provinz Jiangsu in Bau.

Auch an der mittleren Trasse wird schon gearbeitet. Um die Wassermassen nach Norden fließen zu lassen, müssen die Techniker den Danjiangkou-See auf 170 Meter über dem Meeresspiegel aufstauen. Fünf Städte werden in den Fluten versinken, mindestens 250 000 Menschen müssen umgesiedelt werden. Durch einen rund 1200 Kilometer langen Kanal soll das Wasser dann Richtung Peking rauschen.

»Technisch ist das alles machbar«, behauptet Chefingenieur Xu Junren, der für das östliche Teilstück in Jiangsu verantwortlich ist. Wasser bergauf fließen zu lassen und damit die Natur zu überwinden ist so ganz nach dem Geschmack von Chinas Kommunistischer Partei (KP). Mit diesem Mammutvorhaben kann sie visionäre Größe demonstrieren und den »heroischen Geist des Volkes« (KP-Organ »Volkszeitung") beschwören.

Der enorme Aufwand, argumentieren die Funktionäre, sei mehr als gerechtfertigt. Im trockenen Norden leben mittlerweile 550 Millionen Menschen, die zwei Drittel der Felder Chinas bewirtschaften, einen wichtigen Teil der Schwerindustrie betreiben - aber nur ein Fünftel des Wassers besitzen.

400 von über 600 Städten des Nordens leiden unter dramatischem Wassermangel, viele von ihnen rationieren bereits das knappe Gut. Jedes Jahr gehen deshalb Landwirtschaft und Industrie zwölf Milliarden Euro verloren. Auf dem Lande ziehen protestierende Bauern vor die Parteibüros, weil ihnen die Behörden den Hahn zudrehen.

Beunruhigend ist die Lage selbst in Peking, obwohl die Hauptstadt bevorzugt versorgt wird. Jeder Einwohner hat im Jahr nur rund 300 Kubikmeter Wasservorrat zur Verfügung, weit weniger als andere Chinesen (Pro-Kopf-Ressource in Deutschland: 2158 Kubikmeter). Die Grundwasserkavernen der Metropole sind fast leer, die Erde sackt ab.

Das Wasser aus dem Süden, so das Kalkül, soll den wirtschaftlichen Aufschwung der Region retten. Doch Umweltschützer fürchten schwere Schäden für das ökologische Gleichgewicht, wenn dem Yangtze, dem drittlängsten Fluss der Erde, zu viel Wasser abgezapft wird. Flüsse und Seen könnten nicht mehr ausreichend gespeist werden, das Meer womöglich in das Yangtze-Delta drücken. »Es ist nicht klar, ob der Yangtze solche Veränderungen aushalten kann«, sagt der Pekinger Ökologe Yang Dongping.

Kritiker bezweifeln zudem, dass sich die Wasserumleitung am Ende wirklich rechnen wird. Pro Kubikmeter Wasser dürfte der Transport rund zwei bis drei Yuan (20 bis 30 Cent) kosten, schätzt Chefingenieur Xu. Der Energiebedarf ist enorm: An einem einzigen Tag brauchen die Pumpen allein an der östlichen Trasse sieben Millionen Kilowattstunden Strom.

Kanäle, Rohre und Pumpen müssen überdies ständig gewartet und geschützt werden. Gleichwohl wird nur die Hälfte des Wassers den Norden erreichen, fürchtet sogar Chefingenieur Xu. Der Rest dürfte auf dem weiten Weg verrinnen, verdunsten oder von Bauern abgezweigt werden.

Ebenso schwer wiegt die Sorge, dass es nicht gelingen könnte, das Wasser ausreichend zu säubern. Allein in Jiangsu sind 26 Kläranlagen geplant. Doch die Erfahrung hat gezeigt, dass die nicht immer so funktionieren wie sie sollen.

Chefingenieur Xu: »Mit der Sauberkeit des Wassers steht oder fällt das ganze Projekt.« ANDREAS LORENZ

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