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UNTERHALTUNG High und fidel

Tragbare Kassettenspieler, »Walkmen«, sind jetzt auch in der Bundesrepublik große Mode. Allein die deutsche Sony-Filiale will ihr »unglaubliches Ding« 1981 über 100 000-mal verkaufen.
aus DER SPIEGEL 24/1981

Kaum hatte die Boeing 747 des Lufthansa-Fluges 481 in Mexiko-City abgehoben, da stülpte sich Marcia Haydée, Stuttgarts gefeierte Ballettdirektorin, die Dinger über die Ohren und schloß die Augen.

Abgeschirmt von Düsenlärm, Geschirrgeklapper aus der Bordküche und dem Schnarchen der Passagiere, gab sich die von einer Mexiko-Tournee ermüdete Primaballerina fast zwölf Flugstunden lang den Einflüsterungen eines modischen Gespielen hin: dem »Walkman«, gefertigt von dem japanischen Elektronik-Giganten Sony.

Kaum ein Prominenter der internationalen Wohlklangsbranche, der nicht längst den handlichen Kassettenspieler mit den leichten Kopfhörern und dem glasklaren Schmeichel-Sound unauffällig bei sich trägt oder offen zur Schau stellt.

Technik-Freak Herbert von Karajan war als einer der ersten ganz Ohr für die tragbare Musikbox. Avantgarde-Komponist und »Ring«-Dirigent Pierre Boulez lauschte beim Gang über Bayreuths Grünen Hügel dem Ritt der Walküren aus dem elektronischen Gehäuse.

Udo Jürgens und die Bee Gees hängen an dem Klang-Kästchen ebenso süchtig wie der deutsche Rock-Paniker Udo Lindenberg und der britische Schmalzier Cliff Richard - Schrittmacher sie alle einer Mode, die die japanische Geräte-Industrie, bislang von deutscher Konkurrenz unbehelligt, nun auch in der Bundesrepublik mit Macht durchsetzen will.

In Fernost und in den USA gehören die oft auch »Soundabouts« genannten Musikmacher bereits zum guten Ton vor allem bei jüngeren Leuten. Auf der Tokioter Einkaufsstraße Ginza oder an malaysischen Stränden, im New Yorker Central Park oder auf dem Campus von Princeton sind sie bei einer Generation, die sich offenbar auf Schritt und Tritt beschallen lassen will, längst selbstverständliche Accessoires - Volksempfänger in modischem Design und pfiffig in der Handhabe, am Hosengürtel, mit Schulterriemen oder am Silberkettchen um den Hals zu tragen.

Dank dieser Portables, die Kassetten fast so rein und opulent wiedergeben wie die schweren Geräte im heimischen Rack, fühlt sich die Konserven-Kundschaft endlich völlig unabhängig von Antenne, Steckdose und vorfabrizierten Radio-Programmen.

Beim Jogging und Skaterollern, Radeln und Schmusen, Bummeln und Dösen läßt sich jederzeit Musik nach Wahl in der gewünschten Lautstärke einschalten. Über einen Zweit-Kopfhörer kann, wenn gewünscht, ein Partner vom selben »Walkman« synchron mitlauschen.

Nach dem Willen des Marktführers Sony, dessen Boß Akio Morita den »Walkman« auf einem anfangs skeptischen Markt durchgeboxt hat ("Trend der 80er Jahre"), soll es demnächst auch auf der Kölner Domplatte, der Schwabinger Ludwigstraße und dem Hamburger Jungfernstieg von »Walkmen« nur so wimmeln.

»Na klar, Walkman!« schlägt der Konzern derzeit in Anzeigenkampagnen und Straßenaktionen den deutschen Konsumenten sein »unglaubliches Ding« um die Ohren. Eine ganze Fabrik hat das Unternehmen inzwischen für die Produktion von »Walkmen« umgerüstet: Die monatliche Fertigung stieg von 45 000 (mit Wartelisten in den einschlägigen Läden) auf 200 000 Stück.

Allein die deutsche Sony-Filiale in Köln hat von dem seit Anfang Mai ausgelieferten, silbrigen »Walkman 2«, der noch um ein Drittel leichter (280 Gramm) und auch kleiner ist als sein plumperer schwarzer Vorgänger, innerhalb von vier Wochen 30 000 Exemplare abgesetzt. Zudem wird die neue Version in den meisten Geschäften mit einem Preis zwischen 300 und 370 Mark angeboten, billiger als »Walkman 1«. Bundesdeutsches »Walkman«-Plansoll für 1981: 110 000 Stück.

Sony steht auf dem Markt nicht mehr allein. Andere japanische Unternehmen wie Toshiba und Aiwa haben ähnlich handliches und leistungsfähiges Spiel-Zeug auf den weltweit empfänglichen Markt nachgeschoben. Kleinere Firmen stoßen mit billigen Plastik-Varianten und geschmälertem Hör-Komfort nach; National Panasonic dagegen rüstet sein »Stereomobil« gleich noch mit einem UKW-Empfänger aus.

Dem deutschen Handel kommt die konzertierte Aktion aus dem fernen Osten sehr gelegen. Da sich TV-Geräte und großformatige HiFi-Anlagen derzeit nur schleppend verkaufen, bringen wenigstens die elektronischen Promenaden-Begleiter ein wenig Schwung in den Laden.

Doch so verblüffend sauber und seidig die Minis klingen - die unglaublichen Dinger haben auch ihre Tücken.

Radler und Autofahrer, die mit aufgesetzten Kopfhörern seelenruhig durch das großstädtische Verkehrsgewühl steuern, fühlen sich high und fidel und nehmen akustische Warnsignale anderer Verkehrsteilnehmer nicht mehr wahr - Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung, woran letzte Woche ein Auto-Club erinnerte.

Auch Skiläufer, die mit einem donnernden »Stereomobil« zu Tal wedelten, überhörten auf der Piste alle Alarmrufe von Mitläufern. »Leute mit Earphones im Ohr«, mahnte der Deutsche Skiverband, »gefährden bei der Abfahrt sich und andere.«

Selbst die Intim-Berieselung daheim, solo oder zu zweit, kann böse Folgen haben. Genau wie beim Musikgenuß aus konventionellen Kopfhörern muß der Kassetten-Fan, der sich wieder und wieder Pink Floyds »Wall« fortissimo aufs Trommelfell bersten läßt, mit Hörschäden rechnen.

Psychologen befürchten überdies, daß bei dem einsiedlerischen Rückzug auf eine scheinbar von der Umwelt akustisch unverschmutzte Ohrenweide auch die letzten Reste zwischenmenschlicher Kommunikation absterben könnten.

Dem Alptraum von Millionen musikversunkenen Trappisten versucht die Industrie neuerdings mit technischen Finessen vorzubeugen: Manche Mini-Spieler sind mit einem eingebauten Mikrophon ausgestattet, über das Außenstehende den Kassetten-Hörer ansprechen können.

Eine orangefarbene Taste soll bei Sony dem Übel abhelfen: Wenn man draufdrückt, wird die Musik gedämpft, und man kann die Stimme des Partners hören.

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