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VERHALTENSFORSCHUNG Hilfloses Gekicher

Warum ist Kitzeln schrecklich und schön zugleich? Neue Theorien versuchen eine der seltsamsten Verhaltensweisen des Menschen zu erklären.
aus DER SPIEGEL 39/1999

Hexen und Kobolde kitzelten einst das Vieh im Stall, um es zu ärgern. Wenn Liebende einander »in die Hände« killern, so weiß der Volksmund, erhöht das die Liebesleidenschaft. Aus Siebenbürgen wiederum stammt der Rat, bei Säuglingen nicht zu viel killekille zu machen - sonst werde der Sprössling später »stottern«.

Kaum eine menschliche Verhaltensweise ist so sonderbar wie das Kitzeln. Wie kann es sein, dass sich ein Kitzel-Opfer gleichzeitig quält und halb totlacht? Warum ist es unmöglich, sich selbst zu kitzeln? Und schließlich: Welcher biologische Sinn steckt hinter dem masochistischen Gegacker?

Seit kurzem glauben Forscher dem Geheimnis auf der Spur zu sein. Mit eigens konstruierten Kitzel-Maschinen lösen sie bei festgeschnallten Versuchspersonen immer neue Lachsalven aus. Minutiös zeichnen sie dabei die Hirnaktivität und die Dauer der Heiterkeit auf, um das Rätsel zu lösen.

»Ursprünglich ist das Kitzeln dazu da, etwas Fremdes auf dem Körper zu entdecken«, sagt Robert Provine, Psychologe an der University of Maryland. Haarige Spinnen und giftige Skorpione hat der Forscher dabei im Sinn. Schon dem primitiven Säuger krabbelten diese hin und wieder den Nacken hinauf und mussten zwecks Lebensrettung schnellstmöglich entfernt werden.

Den sanften Druck von Spinnenbeinen zählen die Forscher dabei zum »leichten Kitzeln«, »Knismesis« genannt. Um »starkes Kitzeln« ("Gargalesis") auszulösen, bedarf es dagegen heftigerer Reize. Geeignet sind etwa zeitlich gut gewählte Attacken, bei denen sich Zeigefinger neckisch in zarte Körperseiten bohren.

Blitzschnell und unbewusst ist die Reaktion auf derartige Übergriffe. In kaum kontrollierbaren Spasmen windet sich der Gekitzelte. Zwerchfell und Eingeweide wogen im Schüttelkrampf. Ein Stakkato glucksenden Juchzens entweicht der Kehle. Erst kürzlich konnten britische Wissenschaftler nachweisen, dass diese Reaktion reflexartig abläuft. Gleichzeitig fanden sie heraus, warum es nicht zum Lachen ist, sich selbst zu kitzeln.

Die Forscher schnallten als kitzelig eingestufte Probanden auf eine Liege, reizten ihre Handinnenflächen mit einem kleinen Schwämmchen und zeichneten dabei die Hirnströme der Testpersonen auf.

Erwartungsgemäß kicherten die Freiwilligen zunächst leise vor sich hin. Gleichzeitig regten sich Hirnzellen, die Berührungsreize verarbeiten. Kitzelten sich die Probanden jedoch selbst, kam kein Juchzer mehr über ihre Lippen. Das Kleinhirn hatte die Kontrolle im Kopf übernommen und den Körper gleichsam vorgewarnt. »Der Kitzel-Reiz kommt nicht mehr als Überraschung«, erläutert der Londoner Neurologe Christopher Frith.

Viele Forscher finden die Reflextheorie jedoch zu simpel, um das Mysterium zu erklären. Sie glauben an eine starke soziale Komponente. »Kitzeln gehört zu den ersten Verhaltensweisen, die Mutter und Kind aneinander binden«, sagt etwa Kitzelforscher Provine. »Und es ist ein wichtiger Teil der körperlichen Liebe.«

Sex und Kitzeln, Lust und Qual - spätestens seit Marquis de Sades Empfehlungen zur Sexualpraktik liegen sie nah beieinander. Die Internet-Seite »Joys of Abrasion« ("Freuden des Abriebs") etwa empfiehlt, die »Schleifmaschine in der Garage« zu lassen, weil es mit dem Kitzeln eine »wesentlich effektivere Methode gebe, den Partner zu erregen«. Und Michael Treasure vom »Leather Archives & Museum« in Chicago führt Interessenten gern durch eine Sammlung von »Objekten und Strukturen zum Stimulieren der Haut«.

Bestätigung für die Theorie des sozialen Kitzelns zieht Lach-Experte Provine auch aus Versuchen mit Schimpansen, die er im Dienst der Forschung zu fröhlichem Gelächter ("ein hechelndes Geräusch") animierte. »Affen sind ganz groß im Kitzeln«, berichtet Provine. Zusammen mit anderen Formen des Spiels wie Fangen oder Ringen werde beim Kitzeln das Sozialverhalten trainiert. Auch beim Menschen seien es fast immer »Partner, Freunde und Verwandte«, die sich kitzelten. »Man kitzelt nur, wen man liebt«, will der Psychologe beobachtet haben.

Mit einer Umfrage hat Provine auch versucht, seine These zu belegen. 70 Prozent der Befragten bestätigten, dass »andere mich kitzeln, weil sie Zuneigung zeigen wollen«. 64 Prozent allerdings beschrieben Kitzeln als oftmals unangenehm. Die Hälfte der Befragten erklärte gar, dass Kitzeln darauf ziele, andere zu ärgern.

Dieser Widerspruch ist es, der die Forscher am meisten verwirrt. Obwohl auf Kitzeln oft fröhliches Kichern folgt, entdecken Generationen von Kindern immer wieder neu, wie sie ihre Spielkameraden mit gut organisierten Kitzel-Attacken martern können. Im Mittelalter wurde der tätliche Angriff auf die Lachmuskeln sogar als Folter angewandt: Die gefesselten Füße wurden mit Salz bestreut, das eine Ziege sodann aufleckte. So mancher Unglückselige musste sich zu Tode lachen.

»Viele Menschen sind davon überzeugt, dass andere es toll finden, gekitzelt zu werden«, sagt die Psychologin Christine Harris von der University of California in San Diego. Bei den meisten löse Kitzeln jedoch sehr zwiespältige Gefühle aus. »Anhaltendes Kitzeln kann äußerst qualvoll sein«, sagt Harris und bekennt: »Ich hasse es, gekitzelt zu werden.«

Die Forscherin glaubt, dass die widersprüchlichen Gefühle beim Kitzeln Teil eines angeborenen Trainingsprogramms sein könnten, das den Menschen für den Zweikampf mit wilden Tieren oder mordlüsternen Artgenossen stählen soll: »Kitzelig sind vor allem solche Stellen des Körpers, die auch verwundbar sind.«

Das unangenehme Gefühl beim Kitzeln, argumentiert Harris, ermutige Kinder dazu, sich selbst zu verteidigen. Weil die Kleinen dabei aber zugleich so vergnügt lachten, würden die Eltern darin bestärkt, immer weiter zu kitzeln - so werde der Lerneffekt optimiert.

Mit der Theorie vom frühkindlichen Nahkampftraining ließe sich auch erklären, weshalb die stärker im Zweikampf engagierten Männer kitzeliger sind als Frauen. Die Anzahl der Rezeptoren, die in der Haut den Kitzel-Reiz registrieren, sei allerdings bei allen Menschen fast gleich, betont der Physiologe Robert Foreman von der University of Oklahoma.

Für besonders empfindliche Gemüter, die schon beim Gedanken ans Kitzeln in »hilfloses Gekicher« verfallen, hat Foreman deshalb nur eine Empfehlung parat: »Willensstärke«. PHILIP BETHGE

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