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Strahlenschäden HIROSCHIMA IM BIRKENWALD

Von Christiane Kohl
aus DER SPIEGEL 42/1993

Viele Jahre hat Walentina Martjuschowa, 64, nicht davon sprechen dürfen. »Aber ich wußte schon lange, was los war«, sagt die Bäuerin.

Damals, 1955, als die Miliz sie und ihre Familie aus ihrem Heimatdorf vertrieb, da sei ihr noch nicht recht klar gewesen, weshalb, erinnert sich die Frau und rückt ihr Kopftuch zurecht. Zwei Jahre später aber, nach dem großen Knall, konnte ihr keiner mehr was vormachen: »Ich habe doch gesehen, was passiert ist.«

Rauch war aufgestiegen am Horizont. »Eine riesengroße Wolke«, sagt Walentina und bildet einen pilzförmigen Halbkreis mit ihren Händen. Sie war mit den Kühen draußen auf dem Feld gewesen damals, nicht weit von dem Dorf, in dem sie zu jener Zeit schon nicht mehr leben durfte.

Zwei Stunden nach dem Knall waren Militärs gekommen, hatten die Bauern von den Feldern getrieben und mitsamt ihrem Vieh ins Dorf gejagt. Dort mußten sich alle ausziehen, »die Kleider wurden gleich verbrannt«. Dann sei ihnen befohlen worden, die Kühe abzuwaschen, erzählt die Alte und schüttelt dabei mißbilligend den Kopf: »Stellen Sie sich vor, mit Seife.«

Die Bäuerin Martjuschowa aus dem Tetschatal hat eine der schlimmsten Tragödien in der Geschichte der Atomtechnik miterlebt - und die durchlebt sie noch immer.

Walentinas Heimat am Südrand des Uralgebirges, 70 Kilometer von der russischen Stadt Tscheljabinsk entfernt, ist Schauplatz eines makabren Strahlenkrimis.

Nirgendwo sonst in der Welt wurden Menschen so lange und so nachhaltig mit radioaktiver Strahlung traktiert; nirgendwo sonst haben Mediziner derart akribisch die gesundheitlichen Folgen beobachtet - doch den betroffenen Menschen erzählten sie nichts davon.

Das Drama spielt in einer Landschaft, die so friedlich wirkt wie aus dem Bilderbuch. Da schlängelt sich die Tetscha, ein mäßig breiter Strom, zwischen sanftwellenden Hügeln. Weiß-grün leuchten die Birkenwäldchen, gelb blühen die Sonnenblumenfelder, und saftig grün liegen die Wiesen unten am Fluß.

Bei Musljumowo, einer alten Tatarensiedlung mit schmucken Holzhäuschen, weiden Kühe am Flußufer. Schafe stampfen durch den Morast, knarrend zieht ein Pferdekarren durchs Dorf. Etwas weiter weg wäscht eine Hausfrau ihren Teppich im Flußwasser. Ein paar Ziegen klettern zwischen Geröll und Mauerresten herum, die zu einer ehemaligen Wassermühle gehören. Nichts scheint die ländliche Idylle zu stören.

Vor dem verfallenen Backsteinbau gibt der Geigerzähler ein heftiges Knattern von sich - das Wasser, das die Ruine umspült, ist hochgradig verseucht. Auch der Uferschlamm gibt hundertmal mehr radioaktive Strahlung ab, als in dieser Region der Erde die natürliche Hintergrundbelastung ausmacht.

Die vielen Mücken, die über der Strömung tanzen, sind kleine Nukleargeschosse. Fledermäuse, die nachts bei den nahe gelegenen Seen herumflattern und Insekten vertilgen, gelten als total kontaminiert. Selbst Kuhfladen sind (mit einer 50fach erhöhten Aktivität) ernst zu nehmende Strahlenquellen - die so beschaulich wirkende Flußlandschaft ist ein lebensgefährlicher Ort.

Schuld daran ist eine alte Atomfabrik, die etwa 80 Kilometer flußaufwärts liegt und bis heute auf keiner Landkarte verzeichnet ist: das einstmals streng geheim arbeitende Bombenkombinat Majak (zu deutsch: »Leuchtturm").

In dem Betrieb wurde, 40 Jahre lang, hochgiftiges Plutonium für russische Atomsprengköpfe hergestellt. Schon der Stoff für Stalins erste Bombe, darauf sind die Kombinatsbosse noch immer stolz, kam von Majak. Auf den Schutz von Arbeitern und Anwohnern nahmen die Bombenproduzenten keinerlei Rücksicht - ihre ehrgeizigen Aufrüstungspläne gingen vor.

Heute ist das Kombinatsgelände, eine Stunde von der Millionenstadt Tscheljabinsk entfernt, selbst eine gefährliche Zeitbombe: Ein schier unglaublicher Vorrat an Nuklearmaterial hat sich angesammelt. So sind dort, nur notdürftig gesichert in Betonbehältern, allein 23 Tonnen Plutonium deponiert - schon ein Gramm dieses giftigen Metalls kann, über die Luft verbreitet und von Menschen inhaliert, viele tausend Lungenkrebsfälle auslösen.

In einen nahe gelegenen See, der zur Abfallhalde umfunktioniert wurde, haben die russischen Atompioniere überdies solche Mengen an Spaltstoffen wie Strontium 90 und Cäsium 137 hineingeschüttet, daß eine vermutlich einmalige Konzentration an Radionukliden aufgehäuft wurde. Der amerikanische Physiker Thomas Cochran hält das Ufer des Karatschai Sees für den »am höchsten verstrahlten Ort der Welt«.

Die Aktivität der Spaltprodukte, die im Karatschai See oder in einem der bald 200 anderen Lagerstätten für radioaktive Abfälle auf dem Majak-Areal angesammelt wurden, läßt sich in der gültigen Maßeinheit Becquerel kaum mehr ausdrücken: Dort lagern 36 Trillionen Becquerel (oder rund 980 Millionen Curie) teils unter freiem Himmel, fast das Hundertfache der Strahlenaktivität, die bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl freigesetzt wurde.

Verschanzt hinter hohen Zäunen, entzieht sich die russische Atomfabrik noch immer jeglicher behördlichen Aufsicht. Alexander Aklejew, 35, Chef des Ural-Forschungszentrums für Strahlenmedizin in Tscheljabinsk, dessen Meßtrupps die radioaktive Belastung in der Region kontrollieren sollen, weist auf einen großen grauen Fleck auf seiner buntgescheckten Überwachungskarte: »Was auf dem Gebiet von Majak geschieht, darüber wissen wir nichts.«

Die Auswirkungen auf die Menschen haben die Strahlenmediziner genauestens studiert. Handschriftlich auf rauhe Papierbögen gekritzelt, ist das Elend der Leute in vielen tausend Krankenblättern festgehalten. Vergilbt und zerfleddert wie alte Grundstücksakten lagern die Mappen im Keller des Strahlenzentrums.

Hinter den bröckligen Fassaden des Institutsgebäudes waren etwa 28 000 Menschen, ohne daß sie wußten, warum, jahrzehntelang immer wieder untersucht worden. Physiker hatten das Strontium in ihren Zähnen gemessen und mit einer altertümlichen Apparatur, die wie eine Zeitmaschine aus einem alten Gruselfilm aussieht, den Strahlenpegel festgestellt; Mediziner führten Buch über die Krankheiten.

Einige der Patienten sind noch am Leben, wie die Bäuerin Martjuschowa, die immer so furchtbare Knochenschmerzen hat. Viele sind schon gestorben, an Leukämie, mysteriösen Infektionskrankheiten oder auch an der rätselhaften Immunkrankheit, der die Ärzte, wegen der Ähnlichkeit der Symptome, später den Namen Tscheljabinsk-Aids gaben.

Chefärztin Mira Kossenko, 57, hat die Schicksale der Strahlenkranken verfolgt. »Die Leukämietoten«, sagt sie, »habe ich alle mit begraben.«

Zu Zeiten des Sowjetreiches war der Datenschatz in Tscheljabinsk ein Staatsgeheimnis. Jetzt interessieren sich Wissenschaftler in aller Welt dafür. Der verstaubte Aktenberg gilt ihnen als »potentielle Goldmine«, wie der amerikanische Biophysiker Marvin Goldman formulierte.

Den Forschern könnten die ausgebleichten Krankenzettel Auskunft geben über bislang noch nicht beobachtete Zusammenhänge zwischen radioaktiven Strahlen und bestimmten Krankheitsbildern. In Tscheljabinsk finden sich daher neuerdings Expertendelegationen aus zahlreichen Ländern ein.

Eine deutsche Wissenschaftlergruppe, angeführt von dem Leiter des Münchner Instituts für Strahlenhygiene, Werner Burkart, 47, startete jetzt sogar ein umfangreiches Meßprogramm im Südural. »Die Exzesse gegenüber Mensch und Natur, die in Tscheljabinsk passierten«, sagt der Strahlenbiologe Burkart, seien »nur mit Hiroschima vergleichbar«.

Unter strengster Geheimhaltung war, im Juni 1948, auf dem Majak-Gelände die erste sowjetische Charge Plutonium angebrütet worden. Bald wurde unweit der Brutreaktoren eine eigene Wohnstadt gebaut. Das Produktionsgelände erhielt (nach der Postleitzahl) den Decknamen Tscheljabinsk-40; die Atomsiedlung, noch heute von 70 000 Menschen bewohnt, firmierte als Tscheljabinsk-65. Eine zweite Geheimstadt mit Laboratorien und Konstruktionsbüros, die ein Stück weiter nördlich liegt, wurde Tscheljabinsk-70 genannt (siehe Grafik).

Im ehemaligen Sowjetreich gab es insgesamt elf solcher Geisterstädte, in denen, hinter Kontrollposten, Stacheldraht und hohen Betonmauern, die Entwicklung von Atomsprengköpfen vorangetrieben wurde. Die Hauptstadt der Bombenbauer war der Nuklearkomplex im Südural - mit Tscheljabinsk-70 als Hirn und Tscheljabinsk-40 (oder auch: Majak) als Herz der Kernwaffenproduktion.

Anfangs, in den Jahren 1948 bis 1952, waren die radioaktiven Abfälle von Majak einfach in die Tetscha gespült worden. Die Menschen, die in den Dörfern flußabwärts wohnten und ihr Trinkwasser aus dem Strom schöpften, wurden nicht mal über die Gefahr informiert. »Was soll sein?« Die Bäuerin Martjuschowa zupft an ihrem buntgeblümten Kopftuch: »Wir haben das Wasser getrunken.«

Sie lebte damals noch in Metlino, dem der Bombenfabrik nächstgelegenen Dorf. Eine junge Mutter war sie, ihre Tochter Alexandra war noch ein Baby. Heute ist Alexandra eine Frau von 43 Jahren, ständig fühlt sie sich matt, die Haare fallen ihr aus, seit drei Jahren bezieht die gelernte Schneiderin eine Invalidenrente.

Vom Dorf Metlino sind nur noch ein paar Ruinen und der Stumpf einer alten russischen Kirche zu sehen. Seit den ersten Tagen des Nuklearbetriebs ist die nähere Umgebung des Produktionsgeländes so verseucht, daß sie auf Dauer unbewohnbar bleiben wird. Wer sich heute nur einen Vormittag lang dort aufhält, bekommt (mit 5 Rem) etwa so viel Strahlung ab, wie ein westdeutscher Kernkraftarbeiter sich binnen eines Jahres zuziehen darf.

Bereits im Laufe der fünfziger Jahre waren Metlino und etwa 20 andere Ortschaften am Fluß von der Miliz geräumt worden, auch Walentina und ihre Familie wurden seinerzeit evakuiert. Aus Gründen, die niemand erklären kann, blieben jedoch einige Dörfer wie die Tatarensiedlung Musljumowo bis heute bewohnt, obgleich sie ebenfalls stark belastet waren.

Und Leute wie Walentina mit ihren Kühen zog es immer wieder zu den saftigen Wiesen am Fluß zurück - von der Strahlengefahr am Ufer wußten sie ja nichts. So hat die Bäuerin Martjuschowa am 29. September 1957 beim Dorf Metlino auch jenen gewaltigen Atomunfall aus nächster Nähe beobachtet, den russische Regierungsstellen noch 30 Jahre später geheimhielten.

In einem unterirdischen Abfallager des Majak-Kombinats war eine Kühlwasserleitung leck geworden, die einen Behälter mit Nuklearmüll umspülen sollte. Das Gemisch aus verschiedenen Radionukliden in dem Tank erhitzte sich und explodierte. Bis zu 300 Kilometer weit reichte die radioaktive Spur. Der Strahlenregen verseuchte rund 23 000 Quadratkilometer Wiesen und Ackerland.

Noch einmal, zehn Jahre später, wehte eine größere radioaktive Wolke von der Bombenfabrik aus übers Land. Damals hatte der Wind strahlende Teilchen von den mittlerweile ausgetrockneten Uferbänken des Karatschai Sees fortgewirbelt - wiederum war das Umland weiträumig kontaminiert.

Ein ums andere Mal wurden so bald eine halbe Million Menschen in der Uralregion durch die Dauerkatastrophe Majak verstrahlt. Am schlimmsten traf es die Bewohner des Tetschatals. Sie hatten die gefährlichen Radionuklide Tag für Tag nichtsahnend mit der Milch und dem Trinkwasser, mit dem Fleisch und dem Gemüse aufgenommen.

Mit jeder Mahlzeit wurde die in den Körper eingebaute Strahlendosis höher. So haben sich die Bäuerin Martjuschowa und mit ihr viele tausend andere im Laufe der Zeit vermutlich das größte Strahlenquantum einverleibt, das Menschen überhaupt verkraften können, ohne gleich tot umzufallen: zwischen zehn- und hundertmal mehr, als selbst die Anwohner von Tschernobyl während des Reaktorunglücks abbekommen haben.

In den Krankenzimmern im Strahleninstitut liegen sie nun matt auf ihren Betten. Da sitzt Fanja, 56, aus Musljumowo und starrt vor sich hin. Die ehemalige Straßenbahnlenkerin hat ständig Kopfschmerzen, ihre Augen sind gerötet, immer fühlt sie sich matt. Der Bettnachbarin Sanja, 64, machen das Herz, der Blutdruck und die Nieren Probleme. Nebenan liegt die Feldarbeiterin Gulfida, 54, die in einem von dem Atomunfall 1957 stark heimgesuchten Dorf gelebt hat. Unter Tränen berichtet sie, drei ihrer fünf Kinder seien noch im Kindesalter gestorben.

Wenn es Abend wird in der Strahlenklinik, gehen die Krankenschwestern herum und sammeln die Matratzen ein - wegen der schrecklichen Schmerzen, die fast alle Patienten plagen: Jeder Knochen tut den Leuten weh, und diese Schmerzen werden merkwürdigerweise um so schlimmer, je weicher die Kranken gebettet sind.

Auch die Bäuerin Walentina Martjuschowa zieht es vor, auf einer Holzkiste zu sitzen statt auf einem Polsterstuhl. Sonst, sagt sie, »kann ich die Schmerzen kaum ertragen«.

Viele Jahre wurden die Betroffenen im unklaren gelassen über ihre Leiden. Die Forscher jedoch hatten bald ein ausgeklügeltes Beobachtungssystem entwickelt. »Die Tragödie ist passiert«, erläutert Institutschef Aklejew die Denkweise der Strahlenfahnder, »jetzt muß man alles tun, um aus ihr zu lernen.«

Die russischen Forscher pflügten Felder um und kontrollierten, wie die Ackerpflanzen wuchsen. Sie beobachteten das Verhalten von Wildtieren und richteten spezielle Ställe ein, wo Kühe mit verstrahltem Heu gefüttert wurden. Einige private Bauern, so auch Walentina Martjuschowa, mußten ihr Vieh unter Beobachtung halten und ständig Milchproben abliefern.

Allzulang hatte die Bäuerin damit allerdings nicht zu tun. »Bald nach dem Unfall«, erzählt Walentina, »schwollen bei den Kühen die Gelenke an.« Einige Zeit später waren sie tot.

Mit den bestrahlten Ratten ist es kaum anders. Eingepfercht in Plexiglaskästen, krabbeln in einem abseits gelegenen Gebäude des Strahlenzentrums ganze Horden herum. Hier stellt Strahlenforscher Walentin Koritni, 55, mittels Tierversuchen die Strahlenbelastungen nach, denen die Menschen in der Region ausgesetzt waren: Experimente »wie im richtigen Leben«, sagt Koritni.

Er läßt einige Ratten nur kurz, aber heftig bestrahlen (Koritni: »Schon 15 Minuten sind tödlich"), andere schwächer, jedoch über einen längeren Zeitraum. In einem dunklen Kellerraum, in dem es bestialisch stinkt, fiepsen mehrere tausend Tiere, die ihr ganzes Rattenleben unter einem Cäsiumstrahler verbringen müssen.

Manchen Tierchen, deren Käfige in einem anderen Gebäudeteil an langen Gängen postiert sind, mixen Koritnis Mitarbeiter Strontium ins Futter, andere bekommen den radioaktiven Stoff ins Blut gespritzt. »Normalerweise«, erläutert Koritni das Ergebnis, »bekommen Ratten niemals Knochenkrebs.« Von seinen Experimentierratten hingegen erkranken stets etwa 70 Prozent an Knochenkrebs. »Eine späte Folge von Strontium«, sagt der Forscher, »bei den Ratten ist das völlig klar.«

Doch wie ist das bei den Menschen? In einem der Krankenzimmer oben im ersten Stock des Strahleninstituts liegt ein 16jähriges Mädchen im Sterben. Sonja hat Leukämie im letzten Stadium. »Ihre Familie kommt aus dem Strahlengebiet«, berichtet die Ärztin Kossenko, »ich habe den Eltern gesagt: Euer Kind stirbt, wir können nicht mehr helfen.«

Mira Kossenko ist eine erfahrene Spezialistin für Strahlenkrankheiten. Mit ihrer Truppe wurde sie seinerzeit nach Tschernobyl beordert, um die Unglücksopfer zu versorgen. Seit 26 Jahren arbeitet sie in Tscheljabinsk. Damals war die Säuglingssterblichkeit in diesem Gebiet auffällig hoch, und bei den Kindern grassierten Lungenentzündungen - beides Folgen der Strahlenunfälle, wie Kossenko meint.

Mit der Zeit beobachtete sie, wie sich die Rate der Leukämieerkrankungen unter den Bewohnern verdoppelte, und seit einigen Jahren, sagt die Ärztin, »sterben immer mehr Leute an anderen Krebsarten«. Vor allem taucht vermehrt Darmkrebs auf, aber auch Lungenkrebs, Hautkrebs und Knochenkrebs nahmen zu.

Aufgefallen ist den Medizinern im Laufe der Jahre auch die extrem hohe Anfälligkeit ihrer Patienten für bestimmte Infekte. So gibt es im Raum Tscheljabinsk beispielsweise relativ viele Fälle von Brucelloseerkrankungen, einer Bakterieninfektion, die von Tieren auf Menschen übertragen wird.

Seit vielen Jahren beobachten die Ärzte überdies bei den Bewohnern des Tetschatals eine Mischung von äußerst merkwürdigen Leiden, die mit einer generell geschwächten Immunabwehr der Menschen zusammenhängen. Seltsame Symptome gehören dazu: Das blutbildende rote Knochenmark arbeitet nicht, wie es soll, die Anzahl der Leukozyten im Blutbild stimmt nicht mehr. Das Herz klopft langsamer, der Blutdruck schwankt, Sinnesempfindungen und Reflexe der Menschen verändern sich, die Patienten klagen über Kopfschmerzen und Kraftlosigkeit und sind nicht mehr fähig zur Arbeit.

Insgesamt handelt es sich um etwa 15 Symptome. Treffen sie alle bei einem Patienten zusammen und ist eine extrem starke Strahlenbelastung belegt, lautet die Diagnose: chronische Strahlenkrankheit (später Strahlen-Aids genannt). Unter den alten Krankenakten im Archivkeller des Strahleninstituts werden rund 1000 solcher Fälle geführt - diese Leute sind mittlerweile alle gestorben.

Heute gibt es, offiziell wenigstens, keinen Fall von Strahlen-Aids mehr. Doch in dem düsteren Wartesaal des Strahleninstituts sitzen sie täglich zu Dutzenden und hoffen auf Hilfe: mit geduckten Köpfen, aus denen bedrückte Gesichter schauen. Auch die Bäuerin Walentina ist dabei. Mittlerweile hat sie ihr geblümtes Kopftuch abgenommen. »Schauen Sie«, sagt die Alte und streicht sich mit der Hand über den Kopf - ihr Schädel ist nahezu kahl.

Die Leiden Walentinas und der vielen anderen Bewohner des Tetschatals stellen für westliche Wissenschaftler »ein ganz neues Phänomen von Strahlenkrankheit dar«, wie Theodor Fliedner, 64, Chef des Instituts für Arbeits- und Sozialmedizin an der Universität Ulm, formuliert. »Mit der bislang in der Strahlenmedizin gültigen Konzeption«, so Fliedner, seien diese Krankheitsfunde »nicht abdeckbar«.

Bis heute orientieren sich alle Forschungen nach gesundheitlichen Strahlenschäden an den Überlebenden der Atombombenexplosionen von Hiroschima und Nagasaki. Auf den bei ihnen erhobenen Krankheitsdaten basieren sämtliche Risikoberechnungen für den Strahlenschutz.

Doch Hiroschima, das war totale Bestrahlung innerhalb von ganz kurzer Zeit. In Tscheljabinsk hingegen wirken die radioaktiven Stoffe in kleineren Dosen auf die Menschen, aber chronisch über viele Jahre. Dabei bestrahlt das Strontium, das sich in immer größerer Menge anstelle von Kalzium in die Knochen einlagert, die Leute permanent von innen. Könnte es sein, daß sich, bedingt etwa durch den radioaktiven Dauerbeschuß der menschlichen Zellen, bei Langzeitbestrahlung auch ganz andere Krankheiten entwickeln?

Solchen Fragen möchte Strahlenbiologe Burkart in _(* Mit Tscheljabinsk-Krankenakten. ) Tscheljabinsk nachgehen. Der Münchner Forscher ermittelte deshalb erst mal, wieviel Strahlung die Menschen selber abgeben.

Schon die ersten Ergebnisse machten die Deutschen staunen. So ergaben Messungen bei einer Frau aus dem Dorf Musljumowo allein 4500 Becquerel Cäsium 137 in ihrem Unterleib, eine andere Bewohnerin wies sogar 130 000 Becquerel Strontium im Skelett auf. Zum Vergleich: In Deutschland sind Lebensmittel schon bei einer Belastung von 750 Becquerel pro Kilogramm formell »zum Verzehr nicht mehr geeignet«.

Dabei haben die deutschen Forscher die am stärksten belasteten Menschen in der Uralregion noch gar nicht testen dürfen: Die Arbeiter im einstigen Bombenkombinat Majak, die jahrzehntelang mit dem hochgefährlichen Plutonium hantierten, bleiben bislang im verborgenen. Für Strahlenforscher sind die Pforten der alten Atomstädte Tscheljabinsk-65 und -40 nach wie vor verschlossen. Burkart: »Es gibt da dunkle Mächte, die irgendwo ,njet'' sagen.«

In der Atomfabrik Majak wurde vor zweieinhalb Jahren der letzte von einstmals fünf Brutreaktoren für die Produktion von Plutonium abgeschaltet. Von der Öffentlichkeit abgeschirmt, arbeitet jedoch das Isotopen-Laboratorium weiter, desgleichen eine Wiederaufarbeitungsanlage, die für 400 Tonnen Atommaterial im Jahr ausgelegt ist.

Auf Diskretion bedacht, wie die Abnehmer von einst, ist auch die neue Kundschaft. Sie reicht vom russischen Verteidigungsministerium, für welches noch »einige intime Dienste« (Majak-Sprecher Jewgenij Ryschkow) wie die Zerlegung von Bombenladungen erledigt werden, bis zum einstigen Erzfeind Amerika, dessen Raumfahrtbehörde seit einiger Zeit Plutonium von Majak bezieht.

Unfälle ereignen sich nach wie vor. Erst kürzlich ist im Bereich der Isotopenherstellung eine Tanksäule mit Plutonium in die Luft gegangen. Schuld waren Bedienungsmängel und unzureichende Sicherheitseinrichtungen, wie Ryschkow einräumt: »So was wäre unter modernen Bedingungen nicht zulässig.«

Majak bleibt eine ständige Bedrohung. Unter dem Karatschai See sind nach Berichten russischer Umweltschützer bis in 100 Meter Tiefe rund vier Millionen Kubikmeter Grundwasservorkommen verseucht - das verstrahlte Wasser bewegt sich auf die Trinkwasserversorgung der Millionenstadt Tscheljabinsk zu.

Seit einiger Zeit wird versucht, den See von oben abzudichten. Da werden nach unten offene Betonklötze in den radioaktiven Schlick hineingeworfen - eine Sanierung »nicht für die Ewigkeit«, meint Institutschef Aklejew aus Tscheljabinsk: »Das wird später nur noch schwieriger, eine ordentliche Lösung zu finden.«

Auch am Tetscha droht neue Gefahr: Bei zwei künstlich angestauten Seen am Oberlauf des Flusses, die von radioaktiven Abfällen hoch belastet sind, steigt der Wasserpegel seit einiger Zeit beängstigend an - selbst Majak-Sprecher Ryschkow räumt ein, daß »ein Überlaufen der Dämme nicht ausgeschlossen ist«.

Doch die Majak-Manager haben andere Sorgen, sie müssen Aufträge hereinholen, sonst geht es ihnen schlecht. Die Kollegen aus der geheimen Schwesterstadt Tscheljabinsk-70 haben ihr Progamm bereits umgestellt - statt Bombenhüllen zu konstruieren wie einst, bauen sie jetzt Melkmaschinen. In der alten Plutoniumfabrik Majak hingegen setzen die Verantwortlichen weiter auf das Atom.

An einem der Strahlenseen sollen noch drei Schnelle Brüter hochgezogen werden, deren Weiterbau vor fünf Jahren gestoppt wurde. Darüber hinaus mühen sich die Majak-Manager ständig, neue Kunden für ihre Wiederaufarbeitungsanlage zu bekommen - sie führen mit Deutschen, Franzosen und Engländern Gespräche. Und sie hätten auch nichts dagegen, ein Abfallager für westlichen Atommüll aufzumachen.

Große Hoffnungen werden jetzt in eine Besucherdelegation gesetzt, die kürzlich aus der deutschen Provinz anreiste. Es waren Manager der Siemens-Brennelementewerke aus dem hessischen Hanau. Daheim haben sie nichts als Schwierigkeiten, weil der zuständige Umweltminister ihren skandalumwitterten alten Plutoniumbetrieb für zu unsicher hält und ein Neubau vom Gericht gestoppt wurde (SPIEGEL 41/1993).

In Tscheljabinsk hingegen wurden die Siemens-Vertreter fürstlich empfangen: Die Russen hoffen, daß sie für Siemens die Herstellung der in Deutschland geschmähten sogenannten Mischoxid-Brennelemente für Kernkraftwerke übernehmen können.

So machen sie in Majak schon wieder viele neue Pläne. Im Strahleninstitut weiß die Ärztin Kossenko hingegen kaum mehr weiter. Sie soll weniger Betten belegen, weil kaum noch Geld da ist. Kossenko: »Wir können ja nicht mal mehr Lebensmittel kaufen, um die Patienten zu ernähren.«

Auch die Bäuerin Walentina Martjuschowa ist der Verzweiflung nahe. Für all das Schlimme, das ihr widerfahren ist, hat sie bis heute keinen Rubel Entschädigung bekommen. In Tschernobyl, erklärt die Ärztin Kossenko, sei den Opfern wenigstens »Sarggeld« gezahlt worden, in Tscheljabinsk gibt es nicht mal das.

Ein paar Kilometer flußabwärts vom Abwasserrohr der Majak-Fabrik warnt ein Steinschild auf einer Tetschabrücke vor erhöhter Radioaktivität im Fluß. Auf der Wasseroberfläche dahinter spiegeln sich die Sonnenstrahlen, Seerosen blühen. Nachdenklich blinzelt Paul Goloschapow, 56, Chef der Strahlenmeßtrupps des Ural-Instituts, in die Sonne. »Es ist jetzt an der Natur«, sagt er, »die Folgen zu beseitigen.«

Der Mensch jedenfalls kann es nicht. Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Stalins Atomfabrik *

lag 2000 Kilometer östlich von Moskau, nahe der Industriestadt Tscheljabinsk. Die Gegend um den 1947 errichteten Nuklearkomplex »Majak«, in der es mehrere Atomunfälle gab, ist eine der am stärksten radioaktiv belasteten Regionen der Welt: Nirgendwo sonst wurden Menschen so lange und so nachhaltig mit radioaktiver Strahlung traktiert. Über die Leiden und das Sterben der Bewohner führten die russischen Ärzte detailliert Buch.

[Grafiktext]

_286_ Tscheljabinsk-70/40/65

_____ Verstrahlte Gewässer um russische Atomkraftwerke

[GrafiktextEnde]

* Mit Tscheljabinsk-Krankenakten.

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