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Archäologie HÖHLENWUNDER IM KARST

Rhinozerosse in Angriffsstellung, Löwen, Pferde und Auerochsen in wildem Lauf - »nur noch staunen« konnten französische Höhlenforscher, als sie durch Zufall einen Felsdom mit prähistorischen Wandmalereien entdeckten. Seit 20 000 Jahren hatte kein Mensch mehr die steinzeitliche Bildergalerie betreten.
aus DER SPIEGEL 5/1995

Jean-Marie Chauvet, 42, Höhlenforscher aus Leidenschaft, hat in den Grotten des südostfranzösischen Ardeche-Tals schon ungezählte spannende Stunden verbracht. Ein »unbeschreibliches Glücksgefühl, das man sicher nur einmal im Leben hat«, ist dem eher bescheidenen, zurückhaltenden Speläologen nun bei seiner jüngsten Expedition widerfahren.

Auf einem Streifzug durch die Karstlandschaft um das Dorf Vallon-Pontd'Arc hat Chauvet einen Schatz entdeckt, der von Kennern als »Jahrhundertfund« gefeiert wird: unterirdische Gänge und Hallen mit Hunderten von roten und schwarzen Tierabbildungen, mit Abdrücken von Händen und abstrakten Gravierungen.

Ganze Herden von Rentieren, Wildpferden, Wisenten, Auerochsen, Raubkatzen und Rhinozerossen sprangen Chauvet und seinen beiden Begleitern »regelrecht von den Wänden entgegen«, als sie am 18. Dezember vergangenen Jahres erstmals in die Kalkhöhle eindrangen.

Die steinzeitliche Bildergalerie, seit schätzungsweise 20 000 Jahren von keinem Menschen mehr betreten, sei in ihrer Pracht und Vielfalt einzig der berühmten Höhle von Lascaux vergleichbar, sagt Jean Clottes, Prähistoriker und Höhlenmalerei-Experte im Pariser Kulturministerium. Andererseits sei, angesichts so grandioser Kunst, jeder Vergleich müßig: »Mißt man etwa van Gogh oder Monet an Leonardo da Vinci?«

Clottes ist, außer den Entdeckern, der einzige, der bislang Zutritt zu der neuen Fundstätte hatte: Anders als frühere spektakuläre Höhlen soll das unterirdische »prähistorische Museum« (Chauvet) bei Vallon-Pont-d'Arc unversehrt bleiben - abgeschottet gegen zudringliche Speläologen und schaulustige Touristen.

Denn der Kontakt mit neugierigen Eindringlingen bringt, erfahrungsgemäß, unweigerlich den Verfall des steinzeitlichen Erbes mit sich: Die Schweißwolken und Ausdünstungen der Besuchermassen drohten schon Anfang der sechziger Jahre die 1940 entdeckten Höhlenbilder bei Lascaux im südwestfranzösischen Departement Dordogne zu ruinieren.

Dort werden heute nur noch fünf Besucher täglich eingelassen, die übrigen (pro Jahr rund 350 000) müssen sich mit Reproduktionen auf einer nachgestellten Felsenszenerie begnügen. In der Pyrenäenhöhle von Niaux zertrampelten Touristen den lehmigen Höhlenboden mitsamt seinen wertvollen Spuren. Der unterseeische Eingang zur Grotte von Cassis bei Marseille wurde deshalb, bald nach der Entdeckung 1991, mit Felsbrocken und einem in Beton gegossenen Gitter verschlossen.

Zum Schutz der uralten Hinterlassenschaften in der pittoresken Ardeche-Region, die wie ein Käse von Kavernen durchlöchert ist und als klassischer Fundort gilt, war Chauvet, als behördlicher Denkmalpfleger, auch am Tag der Entdeckung auf Patrouille. Ein merkwürdiger Luftzug aus dem Kalkfelsen alarmierte den Höhlenkundler und seine Archäologenfreunde Eliette Brunel-Deschamps und Christian Hillaire.

Einen ganzen Tag brauchten die drei, um sich einen Eingang freizulegen. Dann robbten sie durch einen Tunnel bis zu einem Schacht, warfen ihre Strickleiter aus und gelangten so in die Grotte, ein urzeitliches Palais aus breiten Gängen und riesigen Sälen, die bis zu 70 mal 40 Metern messen.

Beim Anblick der farbigen Kolossalgemälde seien sie »närrisch vor Freude« und in einem »ästhetischen Schock« gewesen, sagt Hillaire. Dennoch bremsten die drei ihren Enthusiasmus: »Als wir im Lehmboden die deutlichen Abdrücke von Bärentatzen mitsamt den Ballen sahen«, berichtet Chauvet, »zogen wir die Schuhe aus und gingen nur auf einem Tropfstein-Pfad voran, der archäologisch ohne Wert war.« Das übrige Bodengelände deckten sie mit Plastikfolien ab.

Die Umsicht des Trios, dessen Sensationsfund erst einen Monat später, am 18. Januar, in Paris durch Kulturminister Jacques Toubon persönlich bekanntgegeben wurde, hat für die Wissenschaft wohl einzigartige Voraussetzungen geschaffen. Die »Chauvet-Höhle« bietet den Gelehrten ein künstlerisch reiches Steinzeit-Ambiente, das mit allen Spuren von Mensch und Tier makellos erhalten ist: »Wir erwarten viel«, kommentiert Gerhard Bosinski, Altsteinzeit-Forscher am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz. Denn immer noch rätseln die Wissenschaftler über Funktion und Bedeutung der prähistorischen Bilderhöhlen.

Die Meisterwerke von Vallon-Pontd'Arc entstanden wahrscheinlich vor rund 17 000 bis 20 000 Jahren, in der relativ kurzen altsteinzeitlichen Kulturstufe des »Solutreen«, die nach der Fundstelle La Solutre in Südwestfrankreich benannt wurde. Während Eismassen, die sich von Skandinavien und den Alpen voranwälzten, die Regionen des heutigen Deutschland zur Polarwüste machten, fanden steinzeitliche Großwildjäger in Frankreichs milderem Süden ein Refugium.

Die Sippen, so Bosinski, »wohnten jeweils für längere Zeit in dorfartigen Siedlungen und lebten von Tierherden, die die prärieartige Graslandschaft durchzogen«. Pferde und Rentiere, Nashörner, Mammute und Wisente wurden mit Wurfspeeren und Speerschleudern erlegt; bis zu 35 Zentimeter lange, fein gearbeitete Flintsteinklingen in Blattform künden vom Geschick der Solutreen-Leute, die, mit Schönheitssinn begabt, für ihre Werkzeuge auch verschiedenfarbiges Quarzgestein und Jaspis verwandten.

Von »überraschender Güte und hervorragend gut erkennbar«, so urteilt Joachim Hahn von der Universität Tübingen, sind auch die (bislang nur in einem Film gezeigten) Tierporträts, mit denen die Steinzeitjäger die Wände der Chauvet-Grotte schmückten: Die Farben und Konturen sind außerordentlich klar - »da kann man nur mit offenem Mund staunen«.

Der Tübinger Archäologe und »Höhlenausgräber« (Hahn über Hahn), der sich auf eigenem Territorium bislang mit altsteinzeitlichen Farbspuren begnügen mußte, schließt wie seine französischen Kollegen eine Fälschung aus - obwohl in der Dordogne wie auch in Spanien gelegentlich schon falsche Steinzeitmaler am Werk waren.

Die teils ausgemalten, teils nur in Umrissen abgebildeten Tiere der Ardeche-Höhle seien »von großer Frische, wenngleich nicht ganz so voluminös und schwungvoll wie diejenigen von Lascaux«, meint Hahn. Das Bestiarium umfaßt dafür Tiere, die in anderen europäischen Höhlen selten oder gar nicht vorkommen:

50 Rhinozerosse, einen Uhu, unterschiedliche Katzentiere. Mit rötlichen oder schwarzen Mineralfarben sind außerdem, im stürmischen Lauf oder einander angriffslustig gegenüberstehend, Pferde, Auerochsen, Löwen, Steinböcke, Hirsche und auch eine Hyäne wiedergegeben - insgesamt 300 Tiere wurden bislang an den Höhlenwänden gezählt. Elemente der Landschaft, in der das Wild lebte, fehlen wie in anderen Grotten auch hier gänzlich.

»Ich war hier« - das könnten nach Hahns Auslegung die ockerfarbenen Abdrücke von Händen bekunden. Manchen der steinzeitlichen Hände fehlen einzelne Finger oder Fingerglieder - Verstümmelung, bedeutsames oder scherzhaftes Versteckspiel? Im Experiment versucht der Forscher nachzuvollziehen, wie solche auch andernorts gefundenen Abbildungen zustande gekommen sind.

Den Sinn herauszufinden ist ebenso schwierig wie bei den roten Punkten, die auf die Ardeche-Karstwände gemalt sind: Handelt es sich um abstrakte Symbole, um Zeichen für Bilder, die noch folgen sollten, oder sind die Punkte schon mit Schrift in Verbindung zu bringen? Auch hier hinterließen die Maler einen Code - »den Schlüssel dazu«, so Archäologe Hahn, »haben wir nicht«.

So ist bislang auch im dunkeln geblieben, welchem Zweck üppig ausgestattete Plätze wie die Chauvet-Grotte überhaupt dienten: Waren sie gemeinsames Heiligtum verschiedener Jägergruppen, ein Ort, in dem Initiationsriten begangen wurden, eine Stätte für Magie und Mythos? Von Kulthandlungen könnte ein Bärenschädel zeugen, der auf einem altarähnlichen Gesteinsblock liegt. Große Hoffnungen bei ihren mühevollen Versuchen, die Vorstellungswelt der Steinzeitmenschen zu erhellen, setzen die Archäologen nun in die Erforschung des intakten Höhlenbodens.

Nachdem die Höhle vor Klimaveränderungen durch eindringende Luftzüge geschützt worden ist, sollen Fußabdrücke, Tierknochen, Reste von Werkzeugen und Fackeln geborgen, fotografisch und zeichnerisch dokumentiert und analysiert werden: »Arbeit für viele, viele Jahre«, sagt Chauvet.

Während Bürgermeister Jean-Pierre Ageron sein 2000-Seelen-Dorf bereits als zweites Lascaux sieht, hat der Präfekt der Region strenge Maßnahmen zur Spurensicherung getroffen. Rund um die Uhr wachen Gendarmen vor der Fundstätte, den Eingang verschließt eine Stahltür mit der Aufschrift: »Unter Denkmalschutz - der Kulturminister«. Y

[Grafiktext]

Bedeut. steinzeitliche Fundstätten in Südfrankreich u. Nordspanien

[GrafiktextEnde]

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