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RAUSCHGIFT Höllische Angst

In der amerikanischen Drogenszene ist ein neues Rauschmittel aufgetaucht: »China White«. Schon die geringste Überdosis wirkt tödlich.
aus DER SPIEGEL 11/1981

Das einzige, woran der Fixer sich noch erinnern konnte, als er in der Intensivstation wieder zu sich kam, war die Nadel in seinem Arm; alles danach -- ein schwarzes Loch.

Er war einer von denen, die noch Glück gehabt hatten. Denn Kaliforniens neueste Droge, unter dem Namen »China White« im Handel, ist vor allem eines: tödlich.

»China White«, bisher verwendet als Deckname für besonders reines Heroin aus Burma, Thailand oder Laos, steht S.231 nun für ein weißgelbliches Pulver, das aus der Retorte stammt. In Aussehen, Anwendung und Wirkung ähnelt es dem Heroin, jedoch ist es in seiner Wirkung 80mal so stark. Wenige Milligramm erzeugen hochfliegende Euphorie -- aber schon bei minimaler Überdosierung drohen Atemlähmung, Koma und Tod.

Im letzten Sommer tauchte das falsche »China White« zum erstenmal in Kalifornien auf. Die Rauschgiftfahnder der amerikanischen Drogenkontrollbehörde fanden nicht den Stoff -- immer nur die Opfer, mehr als ein Dutzend Tote innerhalb weniger Wochen.

Im Dezember erst, nach mehr als einem halben Jahr intensiver Fahndung, hielten die Drogendetektive zwei winzige Proben des Super-Stoffs in der Hand, die eine 20, die andere 50 Milligramm schwer, weniger als das Gewicht einer Briefmarke. Die Proben waren bei Drogentoten gefunden worden.

Als die Chemiker der örtlichen Drogenbehörde in San Diego das weiße Pulver zu analysieren versuchten, konnten sie zwar feststellen, daß beide Proben zu je 99 Prozent aus Laktose (einer zur Streckung von Heroin benutzten Zuckerart) bestanden. Aber das restliche eine Prozent ließ sich weder unter dem Mikroskop noch mit dem Massenspektrometer identifizieren.

Nun setzte die Drogen-Kontrollbehörde ihre wissenschaftlichen »Bluthunde« auf die Fährte von »China White": Theodore Kram, Donald Cooper und Andrew Allen, drei hochqualifizierte Gerichtschemiker im Zentrallabor der Behörde in McLean (US-Staat Virginia).

Nach tagelangem »geistigen Puzzlespiel« (Chemiker Allen) gelang es, aus Mikrogrammengen des Pulvers, die Bestandteile des Suchtstoffes zu analysieren und ein Modell des mysteriösen Moleküls zu zeichnen. Es handelt sich um einen (durch eine Methylgruppe S.232 erweiterten) Abkömmling einer Substanz namens Fentanyl, die auch in der Bundesrepublik als Narkosemittel verwendet wird.

Auf der Suche nach neuen Betäubungsmitteln hatte ein Pharmakologe der University of Mississippi, Tom Riley, vor wenigen Jahren diesen Fentanyl-Abkömmlung gefunden. Die Verbindung wurde jedoch nie produziert oder sonst kommerziell genutzt, wohl aber vom Entdecker in der Chemie-Fachliteratur beschrieben.

Nun suchen Amerikas Drogenpolizisten nach der illegalen Produktionsstätte. Die Fahnder vermuten, daß ein ebenso belesener wie skrupelloser Chemiker das weiße Pulver in seinem Labor herstellt, vermutlich irgendwo im südlichen Kalifornien.

Kalifornien, so erläuterte Joseph Flanders von der US-Drogenkontrollbehörde, dient ohnehin als »Trendsetter und Experimentierfeld für alle möglichen neuen Drogen«. Bei dem synthetischen »China White« sei vor allem deshalb »höllische Angst« geboten, weil die Droge die Süchtigen zu tödlichem Irrtum verleiten kann: In der falschen Annahme, reines Heroin zu spritzen, gehen »China White«-Benutzer auf eine Reise ohne Wiederkehr.

Kaliforniens Drogenfahnder vermuten denn auch, daß die Zahl der Opfer in Wahrheit schon höher ist, als bisher angenommen: Solange sie die Wirkweise des neuen Rauschmittels nicht kannten, konnten die Ärzte zumeist auch bei einer Autopsie nicht feststellen, ob der Tod von einer Überdosis Heroin oder von »China White« herrührte.

S.231Im Zentrallabor der US-Drogenbehörde.*

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