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Präservative Hymenische Jauchzer

Britische Manneskraft, so haben Forscher vermessen, paßt nicht in die handelsüblichen Gummis.
aus DER SPIEGEL 42/1993

Diana im Würgegriff der postmaritalen Depression, Maggie wieder obenauf, giftmorchelig wie eh und je, dazu noch ein Bischof, der seine langjährig amtierende Gattin mit Spesenbräuten hinterging - die ganze Woche über gab es keine gute Nachricht für das Volk der Briten, das obendrein im Dauerregen schier ersoff.

Doch dann, am Freitag, kam endlich gute Kunde, zumindest für den männlichen Teil der Nation: Der Penis der Briten ist, wie jüngste Messungen in statu erectionis ergaben, länger und umfänglicher als bisher angenommen - ein hymnischer, geradezu hymenischer Jauchzer ging quer durch die abendlichen Nachrichtensendungen in Radio und TV.

Zu verdanken ist diese Erkenntnis dem Forscherfleiß von Dr. Stuart Tovey, dem Chef der genito-urinalen Abteilung des Londoner Guy's Hospital. Sie beruht auf einer Reihenuntersuchung von 300 »private members«, wie die Briten das Mannesteil nennen, mittels Schublehre und Maßband. Das Ergebnis, veröffentlicht am Freitag letzter Woche im British Medical Journal: Ein Viertel der Geschlechtsteile hatte eine Stärke von 7 Zentimetern, 20 Prozent paßten nicht in ein Kondom von herkömmlicher Abmessung (maximal 5,6 Zentimeter Breite). Die Hälfte der Probanden berichtete über Schwierigkeiten beim Anlegen der Fingerlinge - zu eng, zu kurz.

Die Studie kommt den Briten wie gerufen im gesamteuropäischen Streit um das EG-Standardkondom, der seit zwei Jahren wogt. Dabei geht es vor allem um die Größe der Präservative - jede Nation fordert immer noch einen Zentimeter mehr.

Den ersten, von 15 auf 16 Zentimeter, setzten die Briten durch, mit gutem Grund, wie sich jetzt herausstellt. Dann forderten die Skandinavier einen weiteren Zentimeter Zugabe, worauf die Franzosen nicht nachstehen wollten und auf 18 Zentimeter erhöhten - mit dem Argument, der Franzose sei nun mal ebenso stark gebaut wie der Amerikaner, bei dem sich der Penis zum stark luxurierenden Organgebilde entwickelt hat: Durchschnittslänge 17 Zentimeter - nur, die Quelle dieser Aussage zu finden, gleicht dem Unterfangen, eine fliegende Untertasse dingfest zu machen.

Dennoch setzte die Brüsseler Normenkommission schließlich die EN 600 auf 17 Zentimeter fest - die Meß-Latte, nach der sich alle Hersteller der »situativen Verhütungsmittel« nunmehr zu richten haben.

Die vorgeschriebene Wanddicke beträgt zwischen 0,04 und 0,08 Millimetern, das Gewicht darf 1,7 Gramm nicht überschreiten, stimulierende Noppen und zackenbarschähnliche Auswüchse sind erlaubt - außer in Irland, wo der Gesetzgeber auf dem Wege der Subsidiarität für einen Rest an christlicher Sittenzucht gesorgt hat: Dort darf der »ruisgean measan gaol«, die Haut der Frucht der Liebe, wie der Überzieher auf gälisch heißt, nur in der glatten Grauversion verkauft werden. Zum Packungsinhalt zählt häufig auch ein Zettel, dessen gewundener Diktion zu entnehmen ist, daß Eros ein Gott der strengen Ausschließlichkeit sei.

Dieser Ansicht war auch der Verband der dänischen Berufsfischer, weshalb er gegen eine EG-Direktive protestierte, nach der Fischerboote bei über achtstündiger Abwesenheit vom Heimathafen eine Hunderterpackung Präservative mit sich führen sollten.

Dabei hätten die Dänen stolz darauf sein können, was ihnen die Kommissare in Brüssel in sexualibus zutrauten: Um das Kontingent aufzubrauchen, hätten sich die Besatzungen kleinerer Kutter alle halbe Stunde einen neuen Pariser aufpöseln müssen.

Zwischendurch meldeten sich auch die Niederländer zu Wort. Sie monierten, daß nur ihre Kondome aus heimischer Fertigung wirklich berstfest seien, während die Japaner, die für ihren Binnenmarkt 14-Zentimeter-Präservative produzieren - für den Export aber jede andere gewünschte Größe -, auf ihre Innovationskraft auf dem Gebiet der Kondomologie verwiesen: Unlängst sei ihnen die Synthese einer Beschichtungssubstanz mit einem Gout von Hummer gelungen - Tester berichten, die Kondome mundeten wie Patentkleber mit Fischgeschmack. Solcherlei Kinkerlitz lehnt der Brite ab. Den Forschern am Londoner Guy's Hospital ging es vielmehr um den höheren medizinischen Nutzen: Nicht zu weite, sondern zu enge Präservative, so ein Ergebnis ihrer Studie, kämen häufiger ins Rutschen. »Diese unnötig erhöhte Versagerquote aber trägt«, so Urologe Tovey, »zum negativen Image der Kondome bei.« Y

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