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BILDUNG »I am ball spieling«

In welchem Alter lernen Kinder am leichtesten Englisch oder Französisch? In baden-württembergischen Grundschulen untersuchen Linguisten den Frühstart in die Fremdsprache.
aus DER SPIEGEL 18/2004

In Elke Kadens Grundschulklasse steht so ziemlich alles auf dem Kopf. Die sechs Clown-Zeichnungen hängen falsch rum an der Tafel, ebenso das Bild vom Weihnachtsmann. »Look, the clown is upside down«, ruft Lehrerin Kaden bei einem Bild, »look, Santa Claus is upside down«, beim nächsten.

Ein Film dieser Englisch-Stunde, in der 22 Sechs- und Siebenjährige die Bedeutung von »upside down« ohne deutsche Übersetzung kapieren sollen, flimmert später als digitale Aufzeichnung über den Computer-Bildschirm von Erika Werlen im Tübinger Institut für Erziehungswissenschaft: Schulleiterin Kaden und ihre Zöglinge sind Gegenstand einer Langzeitstudie.

Seit fast drei Jahren filmen Werlen und ihre Mitarbeiter jeden Donnerstag Kadens Englisch-Unterricht an der Grundschule im schwäbischen Dottingen; in sieben weiteren Lehranstalten haben sie ihre Kameras aufgestellt. Jede einzelne Stunde wird Wort für Wort protokolliert und ausgewertet.

Linguistin Werlen erforscht eine der jüngsten Großreformen in der Grundschulpädagogik: die Einführung von Fremdsprachenunterricht für die ganz Kleinen.

Im vereinten Europa verliert den Anschluss, wer sich nur einsprachig verständigen kann. Aus diesem Grund verordneten die deutschen Bildungsminister ihren Grundschulen die erste Fremdsprache als neues Pflichtfach.

Inzwischen wachsen die Kinder fast überall zwischen Kiel und Konstanz mit englischen Liedern oder französischen Abzählreimen auf. Als Letzte führen im Sommer Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz den Sprachunterricht ab Klasse drei flächendeckend ein (siehe Grafik).

Noch weiter geht jetzt Baden-Württemberg. Seit dem laufenden Schuljahr brechen dort sogar schon die Erstklässler in neue Sprachwelten auf. Was vor drei Jahren als Schulversuch an 470 Grundschulen begann, ist mittlerweile auf alle 2500 Primarschulen ausgeweitet worden. Die meisten Kinder lernen Englisch, entlang des Rheins wird Französisch parliert.

»Viel zu lange hat man frühes Lernen als Belastung der Kindheit angesehen«, erklärt Kultusministerin Annette Schavan (CDU), »man nimmt Kinder aber nur dann ernst, wenn man ihre natürlichen Lernpotenziale schon möglichst früh fördert.«

Für Linguistin Werlen und ihr Team bietet die wissenschaftliche Begleitung des deutschlandweit einmaligen Großversuchs die Chance, jene Prozesse zu enträtseln, mit denen sich Kinder eine fremde Sprache aneignen. Zwar sollen die Tübinger aus den Fallstudien vor allem Vorschläge für Bildungsstandards und Kriterien für die Notengebung entwickeln; doch die Videos geben auch Einblicke in erstaunlich raffinierte Lernstrategien, mit denen sich schon Sechsjährige im fremden Idiom zurechtfinden.

Deutsch ist während der Englisch- und Französischstunden tabu - die Schüler müssen sich also schnell an die fremden Ausdrücke gewöhnen. »Immersives Lernen« nennen Didaktiker diese Methode: Die Kinder lernen keine Vokabel-Listen, sondern tauchen vollkommen in die andere Sprache ein.

Das fällt den meisten leichter, als Werlen erwartet hatte. »Die Schüler nehmen auch komplizierte Konstruktionen ganz selbstverständlich an«, berichtet die Professorin, »wir waren überrascht, wie schnell sie eigene Hypothesen über die Struktur der Sprache bilden.«

Die kindlichen Sprachtheorien offenbaren sich den Forschern immer dann, wenn die Probanden Fehler machen. »Mich interessieren vor allem Abweichungen von dem, was wir als richtig ansehen«, erklärt die Linguistin Stephanie Manz, die gerade an ihrer Promotion arbeitet. Wenn die Schüler etwa fehlerhafte Sätze formulierten wie »I am ball spieling«, dann zeige das, dass sie eine grammatische Regel verstanden hätten, auch wenn sie zur korrekten Anwendung noch nicht alle Wörter parat haben.

»Bislang glaubte man, dass Kinder erst ab etwa neun Jahren zu solchen Reflexionsleistungen fähig sind«, ergänzt Manz' Kollegin Jeanette Haunss. Jeder vermeintliche Fehler wie »ball spieling« sei daher ein Etappensieg im Lernprozess: »Die Kinder entwickeln eine Art Zwischensprache, die nach und nach verfeinert wird.«

In der »upside down«-Stunde von Elke Kaden etwa sagt Schüler Chris in schönster englischer Aussprache, der Weihnachtsmann mache einen »hand stand«. »Auch wenn es das Wort gar nicht gibt, wird dabei erkennbar, dass die Kinder bereits eigene Annahmen machen, wie Englisch funktionieren könnte«, erklärt Jeanette Haunss.

Genau das ist das Ziel des linguistischen Frühstarts. Denn zwei Wochenstunden Englisch oder Französisch führen noch nicht zu perfekter Zweisprachigkeit. »Die Schüler sollen bis zum Ende der Grundschule eine selbstbewusste und positive Haltung zum Sprachenlernen entwickeln«, sagt Wissenschaftlerin Werlen. Genau diese Offenheit lasse sich bei Sechsjährigen leichter wecken als bei pubertierenden Jugendlichen, die fürchten, sich mit einer falschen Aussprache zu blamieren.

Möglicherweise ist es aber nicht nur die Unbefangenheit, die den Kleinen das Englisch-Lernen erleichtert. Nach Ansicht vieler Neurowissenschaftler durchläuft jedes jüngere Kind eine für die Sprachentwicklung kritische Phase, in der das Gehirn die nötigen Verschaltungen für die Muttersprache anlegt. Kommt in dieser Zeit eine zweite Sprache dazu, lernen die Kinder diese ebenso gut. Wer hingegen erst nach der kritischen Zeit mit der Zweitsprache beginnt, so die Theorie, entlarvt sich durch Akzent und Syntax-Fehler zeitlebens als Fremdling.

An der Universität Basel versucht die Neuroanatomin Cordula Nitsch derzeit herauszufinden, wann genau sich das Sprachenfenster schließt. Zu diesem Zweck hat sie bereits verschiedene Personengruppen untersucht: Einige hatten sich bereits vor dem vierten Lebensjahr eine zweite Sprache angeeignet - etwa weil sie in einem zweisprachigen Elternhaus aufgewachsen waren. Eine dritte Sprache lernten sie nach dem neunten Lebensjahr. Die anderen beherrschten zwar auch drei Sprachen, hatten diese aber alle erst später zu lernen begonnen.

Nitsch bat ihre Versuchspersonen, in verschiedenen Sprachen von ihren Erlebnissen am Vortag zu berichten. Zugleich überwachte die Forscherin mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie die Gehirnaktivität ihrer Probanden. Ergebnis: Bei den zweisprachig Aufgewachsenen war für alle Sprachen dasselbe Netzwerk im so genannten Broca-Zentrum, einer Sprachregion der Großhirnrinde, aktiv. Die Testpersonen aus der zweiten Gruppe hingegen, die erst später in die Zweit- und Drittsprache eingestiegen waren, verarbeiteten jede Sprache in einem eigenen Teil des Broca-Zentrums.

»Ein neues, autonomes Netz aufzubauen bedeutet für das Gehirn eine größere Anstrengung, als wenn gleich in einer einzigen Region ein Zwei-Sprachen-Netz angelegt wird«, erläutert Nitsch. Der Befund könnte folglich erklären, warum es später wesentlich mehr Mühe bereitet, Englisch, Französisch oder Spanisch zu lernen.

Inzwischen testet Nitsch Freiwillige, die ihre Zweitsprache erst im Alter zwischen drei und fünf Jahren erworben haben. Wenn auch diese Menschen noch beide Sprachen im selben neuronalen Netzwerk unterbringen, so Nitsch, »wäre das ein Hinweis, dass es sich sogar lohnen würde, schon im Kindergarten mit Fremdsprachen zu beginnen«.

Ganz abrupt kommt die Fähigkeit zur Zweisprachigkeit ohnehin nicht abhanden, ist der Hamburger Romanist Jürgen Meisel überzeugt. »Die sensible Phase für den Spracherwerb klingt ab fünf Jahren allmählich ab«, glaubt der Wissenschaftler, der schon länger das Phänomen der Mehrsprachigkeit erforscht; »mit zehn Jahren ist sie aber garantiert vorbei.«

Auch Meisel plädiert daher für einen möglichst frühen Beginn: »Wenn man in der ersten Klasse beginnt, ist die natürliche Sprachfähigkeit noch besser nutzbar als in der dritten.«

Den Lernerfolg der baden-württembergischen Kinder befördert indes wohl noch ein anderer Faktor: Wer mit einem regionalen Dialekt aufwächst, bildet nach Ansicht von Linguisten ähnliche neuronale Netze aus wie echte Zweisprachler.

Zwar unterrichten Elke Kaden und ihre Dottinger Kollegen auf Hochdeutsch. Nach ihrer Muttersprache gefragt, antworteten jedoch mehr als die Hälfte ihrer Schüler: Schwäbisch. JULIA KOCH

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