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BIOWAFFEN »Ich tippe auf Rechtsradikale«

Sicherheitsexperte Oliver Thränert über Krankheitserreger in der Hand von Attentätern, die Zusammenarbeit von Terroristen und Schurkenstaaten und die Gefahren eines neuen Wettrüstens
aus DER SPIEGEL 43/2001

Thränert, 42, ist Experte für ABC-Waffen am »Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit« der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Herr Thränert, Sie stehen in Kontakt mit der Bundesregierung. Raten Sie dem Kanzler, in Zukunft mit Latexhandschuhen Papiere zu blättern und seinen Dienstsitz mit »Fuchs«-Spürpanzern sichern zu lassen?

Thränert: Panzer brauchen wir derzeit nicht, denn das große Szenario einer flächendeckenden Attacke mit Krankheitserregern ist nicht wahrscheinlich. Allerdings gilt für die Poststellen der Bundesministerien derzeit tatsächlich die Empfehlung, Briefe und Pakete nur mit Gummihandschuhen zu berühren.

SPIEGEL: In den USA starb ein Mensch an Milzbrand, mindestens fünf weitere sind an der Seuche erkrankt. Erleben wir gerade einen Biokrieg?

Thränert: Krieg kann man nicht sagen. Ich würde es als eine begrenzte Bedrohung durch Terroristen oder Kriminelle bezeichnen, die sich mit biologischen Kampfstoffen ausgerüstet haben.

SPIEGEL: In einem Berliner Möbelhaus wurden auf Grund eines falschen B-Waffen-Alarms 700 Kunden und Angestellte stundenlang festgehalten. Bundesweit wurden einige Briefzentren der Post vorübergehend geschlossen. Sind die Reaktionen angemessen?

Thränert: Die Reaktion trägt hysterische Züge, weil Seuchen im kollektiven Gedächtnis als undefinierbare und schlecht einzuschätzende Bedrohung verankert sind. Jeder kennt die Pest und denkt sich: Hilfe, da kommt die Seuche und rafft mich dahin! Es ist schlimm, dass ein Mensch gestorben ist und einige infiziert wurden. Aber ich sag mal: Wie viele Menschen sprengen sich an Silvester mit Feuerwerkskörpern ihren Arm weg?

SPIEGEL: Woher stammen die Milzbrandbakterien in den anonymen Briefsendungen?

Thränert: Das wissen wir leider noch nicht. Einerseits kann man Milzbranderreger aus gewöhnlicher Erde gewinnen. Das ist mühsam, aber mit einigem mikrobiologischen Wissen und wohl auch Glück lassen sich daraus gefährliche Stämme heranzüchten. Andererseits konnte man die Keime in mikrobiologischen Sammlungen recht einfach bestellen, wenn man sich als Arzt oder Forscher ausgab. Inzwischen wurden die Bestimmungen in den USA und in Deutschland allerdings verschärft.

SPIEGEL: Könnten die Milzbrandbakterien aus einem staatlichen Biolabor stammen?

Thränert: Ja. Dass Terroristen mit Schurkenstaaten zusammenarbeiten könnten, macht uns am meisten Sorgen. Der Irak hatte ja ein großes B-Waffenprogramm. Ich halte es allerdings für unwahrscheinlich, dass der irakische Diktator Saddam Hussein Terroristen mit Krankheitserregern versorgt. Käme das heraus, wäre ein gewaltiger Vergeltungsschlag der Amerikaner wohl unausweichlich. Aus dem Golf-Krieg wissen wir aber, dass Saddam mit seinem Regime vor allem eines will: politisch überleben. Wenn ich also Saddam wäre, würde ich Bin Laden keine B-Waffen geben.

SPIEGEL: Halten Sie es für denkbar, dass B-Waffen hinter Saddams Rücken von korrupten oder fundamentalistischen Beamten aus dem Irak geschmuggelt werden?

Thränert: Irak ist ein stark zentralistischer Staat. Dass sich auf unteren Ebenen Korruption abspielt, ist allerdings nicht ganz auszuschließen.

SPIEGEL: Wer hat denn Ihrer Meinung nach die bakterienverseuchten Briefe verschicken lassen?

Thränert: Mein Tipp ist, dass es sich um Rechtsradikale in den USA handelt. Die gehen ja schon seit langem gegen die Regierung vor und sind jetzt möglicherweise auf den Terrorzug aufgesprungen.

SPIEGEL: Wie schwierig ist es, waffenfähiges Anthrax oder andere B-Waffen herzustellen? Geht das im Garagenlabor?

Thränert: Nein, nein. Man muss sich ja selber schützen können, und dazu braucht man Sicherheitsvorrichtungen. Was wir jetzt in den USA erleben, sind nur begrenzte Attacken auf einige wenige Menschen, die noch im Bereich des Möglichen für Terroristen liegen.

SPIEGEL: Ließe sich eine große B-Waffenfabrik heimlich errichten?

Thränert: Wenn man im großen Maßstab große Mengen an Kampfstoffen herstellt und sich darauf vorbereitet, diese über große Flächen zu verteilen, würde das auffallen.

SPIEGEL: Gibt es tatsächlich ehemalige sowjetische B-Waffen-Experten, die ihr Knowhow an Schurkenstaaten verkaufen?

Thränert: In der sowjetischen B-Waffenindustrie waren Tausende Menschen beschäftigt. Doch nur 100 bis 150 von ihnen verfügen über das entscheidende Wissen. Einige dieser Forscher gingen in den Westen, andere arbeiten in der zivilen Forschung. Es ist aber nicht völlig auszuschließen, dass manch einer sich von Staaten anheuern ließ, die B-Waffen herstellen wollen.

SPIEGEL: Welche Länder verfügen über B-Waffen?

Thränert: Offiziell wissen wir nur von drei Staaten: die Sowjetunion, Irak und Südafrika in Zeiten der Apartheid. Letzteres war aber sehr obskur: Der verantwortliche Wissenschaftler steht heute in Pretoria vor Gericht, weil er Staatsgelder veruntreut haben soll. Er hat nicht nur Mikroben erforscht, sondern mit dem Geld offenbar auch Ecstasy hergestellt, das er dann auf dem Schwarzmarkt verkaufte. Ansonsten wären da noch die üblichen Verdächtigen: Nordkorea, Libyen, Syrien.

SPIEGEL: Würden solche Staaten B-Waffen einsetzen?

Thränert: Ich glaube nicht. Saddam Hussein hat im Golf-Krieg weder seine biologischen noch chemischen Waffen eingesetzt - offenbar weil er Angst hatte, dass die Amerikaner dies mit Atomraketen vergelten.

SPIEGEL: Wie sieht es aus, wenn B-Kampfstoffe in die Hände von Terroristen gelangen?

Thränert: Verdeckt operierende Terroristen müssen keine direkte Vergeltung fürchten und könnten B-Waffen deshalb entschlossener einsetzen. Das ist ein Riesenproblem. Andererseits brauchen Terroristen die Hilfe eines Staats, und der müsste wiederum mit militärischer Vergeltung rechnen.

SPIEGEL: Sie haben schon früh gesagt, die Anwendung von Milzbrand passe »nicht in die Signatur des Osama Bin Laden«. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Thränert: Was die Terroristen am 11. September in New York gemacht haben, war das ganz große Ding. Der konkret vorbereitete Schlag hatte ja Ereignischarakter; es war ein Event, das von CNN live übertragen wurde. Dazu kam das - aus Sicht der Attentäter - Heroische: Ich sprenge mich jetzt in die Luft und fliege dann direkt zu den Jungfrauen, die im Jenseits auf mich warten. Diese Denkart bringe ich nicht mit heimlichen, dreckigen B-Waffen-Attacken in Verbindung, deren Ausgang ja überdies ungewiss wäre. Denn Bakterien sind ja stark von Wind und Wetter abhängig. Wenn ich Terrorist wäre, würde ich etwas machen, wo ich weiß: Das macht bum!

SPIEGEL: Das klingt so, dass Terroristen vor Attacken auf Atomkraftwerke nicht zurückschrecken würden.

Thränert: Unsere Reaktoren sind gegen auf sie stürzende Großflugzeuge nicht zu hundert Prozent geschützt. Aber da gibt es ein gutes Gegenmittel, und zwar: absolute Kontrolle. Wir dürfen es einfach nicht mehr zulassen, dass diese Leute in unsere Flugzeuge steigen.

SPIEGEL: Muss Deutschland auch beim Schutz vor B-Waffen mehr tun?

Thränert: Mit Sicherheit! Das allerwichtigste ist, die medizinische Ausbildung zu verbessern. Die durch B-Waffen ausgelösten Krankheiten treten im normalen Berufsleben eines Arztes ja überhaupt nicht auf. Ärzte und Studenten müssen lernen, Fälle von Milzbrand, Pest oder Botulismus frühzeitig zu erkennen. Wichtig ist auch, neuartige Detektoren zu entwickeln, die Mikroben in Echtzeit erkennen.

SPIEGEL: An solchen Systemen forscht ja die Bundeswehr. Hat sie genug getan bei der B-Waffenforschung?

Thränert: Tja, etliche Naturwissenschaftler und viele Menschen empörten sich bis vor kurzem noch über jede Forschung an B-Waffen in Deutschland, weil man Erreger, die man etwa für die Entwicklung von Impfstoffen entwickelt, möglicherweise auch offensiv einsetzen könnte. Jetzt kommt der umgekehrte Vorwurf: Warum hat die Bundeswehr nicht viel mehr gemacht?

SPIEGEL: Egal, ob Schurkenstaat oder Demokratie, erst durch staatliche Programme kommt das Wissen in die Welt, um Biowaffen herzustellen?

Thränert: Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Am Anfang ist defensives und offensives Grundlagenwissen eng verwoben. Aber irgendwann trennen sich die Wege. Der eine sucht den Impfstoff, der andere will den Keim immer tödlicher machen.

SPIEGEL: Auch die USA erforschen Krankheitserreger. Glauben Sie, dass die Milzbrandattacken nun ein neues Wettrüsten auslösen?

Thränert: Diese Gefahr sehe ich ganz und gar nicht, auch wenn manche Experten dieses Horrorszenario derzeit genüsslich unters Volk bringen.

SPIEGEL: Denkbar ist doch, dass der amerikanische Präsident Bush nach den Milzbrandattacken die Forschung umso entschlossener vorantreibt.

Thränert: Einspruch! Was die Amerikaner bisher gemacht haben, ist reine Schutzforschung.

SPIEGEL: Aber in ihren geheimen Projekten haben die Amerikaner Attrappen von kleinen B-Bomben gebaut, eine B-Waffenfabrik in Nevadas Wüste hergestellt und beabsichtigen, Bakterien gentechnisch zu verändern. All das ließe sich auch für offensive Zwecke einsetzen.

Thränert: So geheim sind die Projekte nicht, teilweise kooperieren die Amerikaner sogar mit den Russen. Und bei all diesen Projekten geht es den Amerikanern darum herauszufinden: Was ist für Schurkenstaaten und auch Terroristen möglich? Und wie können wir uns dagegen schützen? Das ist ein völlig legitimes Vorgehen.

SPIEGEL: Nach der Biowaffen-Konvention, die auch die USA unterzeichnet haben, ist es verboten, B-Waffen herzustellen ...

Thränert: ... und ausdrücklich erlaubt, Schutzforschung zu betreiben. Allerdings lässt sich die Trennlinie dazwischen nicht immer deutlich ziehen. Da hängt vieles vom Ansporn des jeweiligen Staates ab. Die Amerikaner bauten die B-Waffenfabrik auf, um herauszufinden: Was können sich Terroristen auf dem freien Markt so zusammenkaufen? Ich gehe davon aus, die USA machen das zu Schutzzwecken. Aber ich gebe zu: Wenn die Iraner die gleiche Fabrik gebaut hätten, dann würde wir ihnen wahrscheinlich vorwerfen, dass sie gegen die Konvention verstoßen haben.

INTERVIEW: JÖRG BLECH, RAFAELA VON BREDOW

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