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BILDUNG Im Buggy zum Sprachkurs

Dreijährige üben Rhetorik und Ökonomie, Babys brabbeln englische Abzählreime: Internationale Anbieter von Vorschulbildung entdecken den deutschen Markt.
aus DER SPIEGEL 19/2007

Samstags um zehn steht für Tim seit ein paar Wochen Mathematik auf dem Programm. Für 25 Euro pro Stunde erläutert Pädagogin Ulrike Körsmeier ihm und seinen sechs Mitschülern die Grundlagen der Geometrie. Das Ungewöhnliche des Unterrichts in einer schicken Berliner Altbauwohnung: Tim ist erst zwei.

In Hamburg-Rahlstedt rollen Finja, Melissa, Fabienne und Leon jeden Mittwoch Punkt drei Uhr in ihren Buggys zum Englischkurs. Sie sprechen noch nicht viel in der fremden Sprache, aber das ist kein Grund zur Sorge, denn auch ihr Deutsch ist dürftig: Die vier Knirpse sind knapp über ein Jahr alt.

Damit sind sie keineswegs besonders früh dran. Die privaten »Helen Doron«-Sprachschulen bieten seit kurzem auch Kurse für Säuglinge ab drei Monate an. Im Rahlstedter Learning Center laufen diese »Baby's Best Start«-Lektionen zwar noch nicht, aber nur aus Platzmangel: Die drei buntgestrichenen Unterrichtsräume sind bereits durchgehend ausgebucht.

Maliwan Wenzel, Leons Mutter, kommt aus Thailand, ihr Mann ist Deutscher, der Kleine wächst ohnehin zweisprachig auf. Warum dann noch Frühenglisch? »Englisch ist wichtig«, sagt Wenzel.

So denken viele Eltern. Die Klagen über die Mängel des deutschen Bildungssystems haben selbst die Eltern der Allerkleinsten verunsichert. Längst verzeichnen nicht mehr nur private Schulen Zulauf: Auch das Geschäft mit der Elementarbildung kommt mächtig in Schwung. »Die Eltern haben Angst, dass ihre Kinder nicht angemessen gefördert werden«, sagt der Frühpädagoge Wassilios Fthenakis, »deshalb kaufen sie schon für die Kleinsten Bildung zu.«

Das Rahlstedter »Helen Doron«-Center etwa führt eine Warteliste mit 90 Kindern. Und auch andernorts wächst die Nachfrage schneller als das Angebot: Fast 800 »Helen Doron«-Lehrkräfte unterrichten derzeit 23 000 Kinder zwischen Säuglingsalter und 14 Jahren; im Vorjahr waren es noch 14 000 Schüler. »Deutschland ist für uns im Moment der am schnellsten wachsende Markt«, sagt Richard Powell, Deutschland-Chef der britischen Sprachschulkette. Die Familien zahlen rund 40 Euro im Monat plus einmalig 75 Euro für Lernmaterial.

Den Eltern des kleinen Tim aus Berlin reicht bloßes Englisch nicht. Ihr Sohn ist einer der ersten Kunden des US-Unternehmens »Fastrackids«, das im Januar seine erste Deutschland-Dependance eröffnet hat. Schon gibt es genug Anmeldungen für eine zweite Klasse, Filialen in Hamburg und Düsseldorf sind geplant.

Der Bildungskonzern bietet seinen drei- bis sechsjährigen Schülern ein Curriculum, das ein wenig nach gymnasialer Oberstufe klingt: In zwölf Blöcken von jeweils zwei Monaten stehen Mathematik, Kommunikation, Astronomie, Ökonomie und sogar »Lebensstrategien« auf dem Lehrplan.

Der Unterricht kommt dann aber doch eher bunt und kindgerecht daher. In Mathe zum Beispiel kriegen die sieben Kleinen via Smartboard - einer interaktiven Tafel mit Lautsprecher - Besuch von verschiedenen geometrischen Figuren. »Hallo, ich bin ein Kreis, es ist so schön, euch kennenzulernen«, quakt es da.

Dann dürfen die Kinder, die wie auch die Pädagogen in blaue Fastrackids-Poloshirts gekleidet sind, auf bunten Bildern alles finden, was aussieht wie ein Kreis. Patschen sie mit der Hand auf etwas Rundes, ertönt eine lustige Melodie.

In Astronomie werden die Kleinen später Planeten über das Smartboard schieben, in Geologie basteln sie einen Vulkan, und in Biologie schauen sie, was passiert, wenn man eine Blume nicht gießt. »Zwischen drei und sechs Jahren sind Kinder besonders aufnahmefähig«, erklärt Angelika Mensler-Bielka von Fastrackids, »dieses Zeitfenster wollen viele Eltern nutzen.«

So wie Astrid Nelke-Mayenknecht, Mutter von Tim: »In anderen Ländern wird viel mehr Wert auf frühkindliche Bildung gelegt«, sagt die PR-Beraterin. Englisch lernt Tim schon im englischen Kindergarten: »Das hier ist noch mal was anderes«, findet die Mutter.

»Der Druck auf die Eltern wächst, nur ja keine Chancen auszulassen«, konstatiert Bildungsforscher Fthenakis. »Aber kleine Kinder lernen immer situationsbedingt, solche Programme müssen auch etwas mit ihrem Alltag zu tun haben.«

Andererseits, so Fthenakis, böten private Lernstätten oftmals das, was die staatlichen lange versäumt haben. »Der öffentliche Sektor hat sich nicht angemessen entwickelt«, kritisiert Fthenakis. Die Diskussion um Kita-Bildungspläne und die Reform der Erzieherinnen-Ausbildung kämen in Deutschland erst allmählich in Gang. »Vielen Eltern geht das zu langsam«, meint auch Hans Rudolf Leu, Kleinkindforscher am Deutschen Jugendinstitut in München.

So sehen Leu und Fthenakis den Boom der Privaten vor allem als Nachteil für jene, die sich Frühenglisch und Baby-Mathe nicht leisten können: »Die Schere im System wird sich weiter öffnen, wenn der öffentliche Bereich nicht schnell aufholt«, glaubt Fthenakis. So könnte, wer von seinen Eltern nicht zum privaten »Baby-Tuning« angemeldet wurde, schon bei der Einschulung hinterherhinken.

Fastrackids-Schüler Tim ist für das staatliche Bildungssystem ohnehin schon verloren. Unter Lehrermangel und Stundenausfall solle er später nicht leiden, findet Mutter Nelke-Mayenknecht: »Eine öffentliche Schule kommt für uns nicht in Frage.« JULIA KOCH

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