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BILDUNG Im Sattel zum Abitur

In Neustadt an der Dosse können Kinder ab der siebten Klasse Reiten als Unterrichtsfach wählen. Das Modell motiviert zum Lernen - wie zahlreiche Pferde-AG an anderen Schulen.
aus DER SPIEGEL 41/2003

Wer von euch beiden ist hier der Boss?«, schreit Hendrik Falk über den Platz. »Na, icke«!, ruft Antonia von oben herab - und kämpft. Unter ihr machen 600 Kilo, was sie wollen: Will die 14-Jährige traben, gehen sie Schritt, will sie rechts rum, ziehen sie links.

»Zeig Ratzeburg, was du von ihm erwartest!«, ruft Falk. »Was tun die Schenkel, was die Zügel?« Er formt die Hände zum Trichter: »Cle-ver rei-ten!«

Mit einem Mal stimmt alles. Beim Leichttraben hebt und senkt sich der Körper des Mädchens, am Himmel ziehen weiße Wolken bis zum Horizont, die Dahlien blühen leuchtend rot, Kastanien und Linden stehen zu Alleen gereiht, und die Herbstsonne strahlt auf lauter schwarze und braune Köpfe - Pferdeköpfe.

»Na, Antonia, geht doch!«, brüllt Falk in die Idylle und wendet sich den anderen zu: »Josephin, Jennifer, prima. Jetzt lobt die Pferde, lo-ben. Wer nicht lobt, kriegt nichts zurück.« Der blonde Mann mit den blauen Augen grinst: »Hier gibt's Lebenslehren gratis.«

Und reichlich Stoff für Mädchenträume. In Neustadt an der Dosse, einem kleinen Ort im einsamen Brandenburger Land, können die Schüler der Gesamtschule ab der siebten Klasse Reiten als Unterrichtsfach wählen. Statt eine zweite Fremdsprache oder eine Naturwissenschaft zu lernen, striegeln, satteln und galoppieren sie drei Stunden pro Woche im angrenzenden Landgestüt. Eine vierte Stunde ist den theoretischen Fragen des Pferdefreunds gewidmet: Welches Getreide ergibt welches Futter? Wie funktioniert der Pferdekörper? Wie heißen die Hindernisse eines Parcours? Im Zeugnis steht »Reitsport« - und wem Volten, Traben, Trensen und Treiben dann immer noch nichts sagen, der muss im schlimmsten Fall das Schuljahr wiederholen. »Das Fach ist genauso versetzungsrelevant wie Mathe oder Deutsch«, erklärt Direktor Lothar Linke mit entschlossener Stimme.

»Wir haben unser Leben lang auf so etwas gewartet«, sagt Vivien mit allem Nachdruck, zu dem eine 14-Jährige fähig ist, und ordnet ihren Pferdeschwanz unter der Kappe. Sport, Kunst, Physik, Mathe und Deutsch hat sie an diesem Tag schon hinter sich; nun freut sie sich auf die nächsten drei Pflichtstunden: Reiten. 67 Schüler der Klassen sieben, acht und neun nehmen an dem einzigartigen Modellversuch in der »Stadt der Pferde« teil, so Neustadts offizieller Titel - die meisten sind Mädchen. Zwei Lehrerinnen mit Trainerlizenz unterstützen den erfahrenen Gestütslehrer Falk beim Unterrichten.

»Unsere Reitschüler lernen in allen Fächern motivierter als die anderen«, bemerkt der Direktor, der sich noch vor ein paar Jahren kaum in die Nähe der kraftvollen Tiere wagte. Heute sitzt er obendrauf, und zum Pferde-Unterricht fallen ihm nur große Worte ein: Die Schüler lernen Disziplin, Selbstvertrauen, Geduld, Ordnung, Teamgeist, Selbständigkeit, Verantwortung, Gesundheit. »Wir kommen gut an die Kinder ran, weil wir die Tiere als Lehrmeister nutzen. Pferde funktionieren nur, wenn die Schüler ordentlich mit ihnen umgehen und ihr Wissen über sie intelligent einsetzen.« Kritikern, die meinen, die lieben Kleinen sollten besser Klassiker lesen, entgegnet Linke, der Unterricht im Stall mache viele überhaupt erst wieder beschulbar: »Sie bekommen endlich wieder Lust auf Unterricht.«

Auch anderswo erkennen Lehrer die erzieherischen Qualitäten der klassischen Helden des Jungmädchen-Romans. Allerdings bieten die meisten Schulen die folgenreiche Begegnung zwischen Mensch und Pferd bislang nur als Arbeitsgemeinschaft an: Bei der »Deutschen Reiterlichen Vereinigung«, die auch Unterrichtsmaterialien herausgibt, sind derzeit einige hundert Schulen registriert - viele liegen in Bayern, Baden-Württemberg, Westfalen und Niedersachsen. Und im »Pferdeland Niedersachsen« (Eigenwerbung) gehört Reiten seit Mitte 1998 zum normalen Schulsport wie Fußball oder Geräteturnen.

»Gerade sozial schwache Kinder lernen im Umgang mit dem Partner Pferd soziales Verhalten, schließlich müssen sie sich auf ein Lebewesen einstellen«, erklärt Ministerpräsident Christian Wulff (CDU). »Dadurch gewinnen sie Selbstvertrauen und schätzen sich besser ein.« Der Reitunterricht trainiere zudem Körper und Geist. »Er schult Haltung, Gleichgewicht und Sinne - aber auch Konzentration, Beweglichkeit und Kondition.«

Der Landesvater muss es wissen. Seine neunjährige Tochter Annalena startet in dieser Woche als eine von rund 2000 Mädchen und Jungen beim »Schulwettbewerb Reiten Weser-Ems«.

Pferdeland hilft Pferdestadt: Als die Neustädter den Lehrplan für das neue Fach erarbeiten mussten, unterstützte sie ein Schulreitsport-Fachmann der Universität Lüneburg. Ein Jahr lang bastelte der Kreis um Rektor Linke an dem Antrag, dann stimmte das brandenburgische Bildungsministerium dem Curriculum zu. Seither verteilen die Pädagogen der Gesamtschule Noten für richtigen Sitz, Aufhalftern und Gangart.

»In der Theoriestunde stelle ich meist fächerübergreifende Aufgaben«, berichtet Christiane Uhle, die außer Reiten Sport und Geografie unterrichtet. »Wenn die Kinder den Körper des Pferdes mit dem des Menschen vergleichen, ist das im Grunde Biologie; wenn sie die Boxengröße errechnen, machen wir Mathe; und wenn sie berühmte Reitheere aus dem Lexikon suchen, Geschichte.«

Was nach ausgefeilter Pädagogik aussieht, erwuchs anfangs drohender Not: Direktor Linke gingen die Schüler aus. Nach dem »Wendeknick«, dem Geburtenrückgang in den neuen Ländern nach 1990, wurden von Sommer zu Sommer weniger Kinder in seiner Schule angemeldet. In Brandenburg leben heute nur noch rund halb so viele Grundschüler wie kurz nach der Wiedervereinigung.

»Deshalb schließen wohl über kurz oder lang die Hälfte der Schulen.« Linke hat die Lage nüchtern bedacht und beschlossen, seine zu retten: »Wir brauchten ein besonderes Profil, da boten sich die Pferde an«, sagt er. »Der nächste Schritt müsste sein, Reiten auch als Abiturfach anzubieten.«

Nie hätte der Direktor es früher für möglich gehalten, sich einmal mit solchen Managerüberlegungen herumzuschlagen. Heute sagt er: »Schule ist ein Konkurrenzunternehmen. Man muss ständig immer mehr bieten.« Linke leitet nicht die einzige Anstalt mit dem besonderen Etwas. Andere können in dem strukturschwachen Flächenland nur bestehen, weil sie Golf anbieten oder Akrobatik.

Dem benachbarten Gestüt, zu dem vom Schulgebäude aus ein Trampelpfad führt, vorbei am Freiluftausschank »Zum feurigen Hengst«, brachte die Nachwendezeit ähnlich existenzielle Probleme. Dabei gehört die traditionsreiche Anlage mit etwa 420 Hektar Fläche zu den größten Gestüten in Deutschland. König Friedrich Wilhelm II. ließ es 1788 errichten: »Zum Besten des Landes« - er brauchte den Zuchtbetrieb, um an Pferde für seine Armee zu kommen. 1945 erlebte das Gestüt eine ernste Krise: Alle Tiere und sämtliche Ausrüstung gingen als Reparationszahlungen an die Sowjetunion. Nur ein abgemagerter Trakehnerhengst kehrte an die Dosse zurück - ein Offizier hatte ihn gegen drei Flaschen Schnaps eingetauscht. Kurz darauf hatte »Hexenschuss« erfolgreich die ersten vier Stuten gedeckt.

In der DDR ließen sich mit den edlen Pferden edle Devisen erzielen - die nach der Wiedervereinigung ausblieben. Linkes Schulprojekt sichert dem Gestüt nun einen Teil seiner Einnahmen. Das Amt Neustadt hat im vergangenen Jahr 51 000 Euro für den Reitunterricht der Schüler gezahlt.

Aus Brandenburg und Berlin, aus Sachsen-Anhalt, sogar aus Baden-Württemberg reisen manche Schüler inzwischen an. »Einige kommen, weil sie später Pferdewirt oder Tierarzt werden wollen«, erzählt Linke. Anfangs wohnten sie in Gastfamilien, doch seit zwei Monaten ist das ehemalige Herrenhaus im Ort zum Internat umgebaut. Im früheren Direktorenwohnsitz einer Spiegelfabrik leben nun 16 Auswärtige in Zwei-, Drei- und Vierbettzimmern zwischen Pferdepostern, Ponyfotos und Pferdebettwäsche. Ringsherum knarzen die Gänse in den Nutzgärten, für die Siebtklässler beginnt abends um neun die Nachtruhe, und drei Erzieherinnen führen Aufsicht. Der Investor, ein Unternehmer für Forst- und Landschaftsbau, stammt aus der Gegend. Frühstück, Mittag- und Abendessen liefert die benachbarte Kindertagesstätte: »Das Schulfach Reiten stützt auch die Region«, sagt Linke.

Mittlerweile wagen sich auch pferdebegeisterte Jungs in die Reitklassen. »Das ist nicht nur was für Mädchen«, erklärt Benjamin, ein selbstbewusster Siebtklässler - nach knapp zwei Monaten kann er ein Pferd zum Longieren vorbereiten und sitzt furchtlos auf. Seine Mitschüler, die mit Vorkenntnissen begonnen haben, sammeln sich in der großen Halle zum »Stationen-Training": Dressursitz am Holzpferd üben, Trabsitz auf der Stuhlkante perfektionieren - und anschließend langsames Wettkampfreiten. »Wer macht das Rennen im Schritt?«, trompetet Falk in einem Ton, als kommentierte er den Großen Preis von Aachen: »Treiben, treiben, benutz die Hüften, Sabrina, jawohl. And the winner is Maria.«

Nach dem Unterricht kontrolliert Lehrerin Uhle die Boxen: Ein Mädchen hat dort Putzzeug vergessen, ein anderes das Halfter so liegen lassen, dass sich Pferd Donko fast darin verfangen hätte. Uhle schafft Ordnung - und macht sich eine Notiz. Die nächste Reitstunde wird mit einem Gespräch zum Thema »Gewissenhaftigkeit« beginnen. KATJA THIMM

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