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Im Schlaf, jeder ein Dichter

Kafka, Schnitzler, Adorno - viele Schriftsteller ließen sich von Freud inspirieren, der mit den Träumen auch für die Literatur neue Welten erschloss.
aus SPIEGEL Wissen 4/2009

Es regnete Glückwünsche und Blumen, »als sei die Rolle der Sexualität plötzlich von Sr. Majestät amtlich anerkannt, die Bedeutung des Traumes vom Ministerrat bestätigt«, spottete Sigmund Freud im März 1902. Zweieinhalb Jahre nach Erscheinen seines Opus magnum war er endlich zum Professor ernannt worden, wenn auch nur zum außerordentlichen unter den ordentlichen. Die gebildete Öffentlichkeit hatte auf sein »Schmerzenskind«, wie er es nannte, die »Erstlingsfrucht« seiner neuen Technik des freien Assoziierens, nicht gerade gewartet. Eben mal 600 Exemplare hatte der Verleger zum 4. November 1899 von der »Traumdeutung« drucken lassen, sie immerhin hübsch symbolisch auf 1900 vordatiert - vermutlich ohne zu ahnen, dass dieses Werk ein Jahrhundert revolutionieren sollte.

Seine »via regia zur Kenntnis des Unbewußten« sollte die Traumdeutung sein, aber der Königsweg war, einem modernen Roman gleich, ziemlich holperig. Gewiss, man konnte sich an die schmale Spur theoretischer Erklärungen über den Traum als Wunscherfüllung halten. Aber man musste die verschlungenen Pfade mitgehen, die von der Gegenwart, Freuds beruflicher und persönlicher Laufbahn im katholischen, antisemitischen Wien, zurückführten in Jugend und früheste Kindheit und sogar hinunter auf die Stufen eines »uralten Menschtums« zum vatermörderischen Ödipus; hinein in das Spiegelkabinett des Dr. Freud, eines ehrgeizigen, zornigen, rachsüchtigen Mannes, eines von Liebe und Hass zerquälten Kindes.

Wer Freud folgte durch die Irrungen und Wirrungen seiner Selbstanalyse, der sollte sich am Ende in einen »großen Vorraum« gebeten fühlen, »in dem sich die seelischen Regungen wie Einzelwesen tummeln«. An diesen schließt sich ein »zweiter, engerer, eine Art Salon« an, wo auch das Bewusstsein seinen Ort hat: »Aber an der Schwelle zwischen beiden Räumlichkeiten walte ein Wächter seines Amtes, der die einzelnen Seelenregungen mustert, zensuriert und sie nicht in den Salon lässt, wenn sie sein Missfallen erregen.« In die Anarchie des Traums, befand Karl Kraus, habe Freud eine Verfassung eingeführt: »Aber es geht darin zu wie in Österreich.«

Mit seinem Werk, und das war das eigentliche Skandalon, riss Freud die Grenzen zwischen Psychopathologie und »Normalpsychologie« ein, er hatte, wie er mit dem Wort Friedrich Hebbels stolz bekundete, »am Schlaf der Welt gerührt«. Gefolgschaft fand er in den Salons und Kaffeehäusern.

Arthur Schnitzler notierte im März 1900 einen absurden »Exhibitionstraum«, worin er »in Uniform mit Civilhosen (wie im Traumdeutungs-Buch von Freud gelesen), aber doch unentdeckt von Kaiser Wilhelm II. (dem ich begegne) von einem Thor (unter den Linden) ins andre« geht. Erstaunt vernahm Freud schon 1899 in einer Aufführung von Schnitzlers »Paracelsus« die Worte: »Es fließen ineinander Traum und Wachen, Wahrheit und Lüge. Sicherheit ist nirgends.« Dennoch bleibt Freud skeptisch gegen jene egozentrischen, modernen Tagträumer, in deren Helden man doch immer mühelos »Seine Majestät das Ich« erkenne.

Warum sich überhaupt mit diesen Rätseln beschäftigen, fragte der Philosoph Ludwig Wittgenstein. »Warum soll der Traum geheimnisvoller sein als der Tisch?« Sicher ist die Psychoanalyse nicht allgegenwärtig in der Literatur der Moderne. Aber Freud prägte, wie der britische Dichter W. H. Auden schrieb, ein »allumfassendes Meinungsklima«.

So konnte auch Thomas Mann behaupten, zumindest »Der Tod in Venedig« sei unter dem unmittelbaren Einfluss Freuds entstanden. Doch Aschenbachs dionysischer Todestraum, da seine Seele nur mehr Schauplatz ist für »Unzucht und Raserei des Unterganges«, scheint ebenso wie der berühmte Schneetraum aus dem »Zauberberg« mehr von der Lektüre Schopenhauers und Nietzsches geprägt: »Man träumt nicht nur aus eigener Seele, ... man träumt anonym und gemeinsam, wenn auch auf eigene Art.«

Karl Kraus dichtete, wie immer bösartiger, in seinem »Traumstück« von 1923 über die »Psychoanalen": »Man färbt jetzt die Bäume, wir töten die Träume ... Zu Hilfe! ... haltet mir vom Traum die Diebe!« Der Autor Wieland Herzfelde, einer der Gründer des Malik-Verlags, veröffentlichte seine eigenen »Tragigrotesken der Nacht«, mit Illustrationen von George Grosz. Er schickte das Buch, von den meisten als schlichte Donquichotterie aufgenommen, an einige Freudianer mit der Bemerkung, einer der Träume sei frei erfunden. Ob sie, als Spezialisten, erkannten, welcher? Nein, das ließe sich nicht feststellen, denn auch die Phantasie folge den Gesetzen des Traums. Träfe das zu, so Herzfelde, »wäre jeder, wenn er schläft, ein Dichter«.

In der Nacht vom 22. auf den 23. September 1912 hatte Franz Kafka die Erzählung »Das Urteil« geschrieben: Dazu kamen viele Gefühle, und »Gedanken an Freud natürlich«. Schon in jungen Jahren hatte er den Wunsch, »eine Ansicht des Lebens zu gewinnen, ... in der das Leben zwar sein natürliches schweres Fallen und Steigen bewahre, aber gleichzeitig mit nicht minderer Deutlichkeit als ein Nichts, als ein Traum, als ein Schweben erkannt werde«. In der Kurzerzählung »Ein Traum« findet sich der Schläfer Josef K. auf dem Friedhof wieder, sieht einen Künstler seine Grabinschrift fertigen und sinkt schließlich in das für ihn bestimmte Erdloch - »entzückt von diesem Anblick erwachte er«.

In Paris, im Dämmer seines luxuriösen Krankenzimmers, »abgeschieden von der Welt, unbeweglich wie eine Eule«, entwirft zu jener Zeit ein anderer Schlafloser, Marcel Proust, ein ganzes Leben, nicht wie es gewesen ist, sondern wie es ihm die Erinnerung suggeriert. Der Erzähler Marcel liegt im Bett und gibt sich seinen Reverien hin, »mühelos in eine für immer abgelaufene Phase aus meinem kindlichen Urzustand zurückgekehrt«. Seine Orientierungslosigkeit musste ihn, in einer Sekunde gleichsam, »Jahrhunderte der Zivilisation« durchlaufen lassen, »und aus vagen Bildern von Petroleumlampen und Hemden mit offenen Kragen setzte sich allmählich mein Ich in seinen originalen Zügen wieder zusammen«.

In Wien aber wagte es der Professor Freud in seinen Vorlesungen zu dozieren, zwei große Kränkungen habe die Menschheit bisher erfahren, die erste, mit dem Namen Kopernikus verknüpft, dass unsere Erde nicht Mittelpunkt des Weltalls ist, die zweite durch Darwin. »Die dritte und empfindlichste Kränkung aber«, so Freud, »soll die menschliche Größensucht durch die heutige psychologische Forschung erfahren, welche dem Ich nachweisen will, dass es nicht einmal Herr im eigenen Hause, sondern auf kärgliche Nachrichten angewiesen bleibt von dem, was unbewusst in seinem Seelenleben vorgeht.«

Das hatte der Traum erwiesen, der perverse, inzestuöse, todeswütige Traum, den alle Menschen, auch die »normalen«, träumen. Was bedeutete also der Monolog einer Kleinbürgerin, Molly Bloom, die tagträumend ihren erotischen Phantasien nachgibt: »ich glaube er hat sie direkt ein bisschen fester gemacht indem dass er sie immer so lange gesaugt hat ich bin richtig durstig geworden davon Titten nennt er sie«. Einen Verteidiger seines »Ulysses« fand der Autor ausgerechnet in Bertolt Brecht: »Wenn Joyce denselben Monolog in die Sprechstunde eines Psychoanalytikers verlegt hätte, wäre alles in Ordnung gewesen.« Tucholsky formulierte bündiger: »James Joyce hat eine Tür aufgestoßen; ich glaube, dass sie nach Freud nur noch angelehnt war.«

In Triest schrieb Italo Svevo, einst von Joyce im Englischen unterrichtet, Freud-Kenner und -Übersetzer, den Roman »Zenos Gewissen«, die Geschichte eines Hypochonders, dessen Lebensinhalt in dem erfolglosen Versuch besteht, sich das Rauchen abzugewöhnen. Also begibt er sich in psychoanalytische Behandlung. Aber dieser Zeno Cosini, von seinem Arzt aufgefordert, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben, langweilt sich in der Kur der Selbsterforschung, eine Gaukelei nur für hysterische alte Weiber. Fort also mit Träumen oder Erinnerungen. »Fort mit diesen Spielereien, wenn ich nicht im Irrenhaus enden will.«

Auch der Dr. med. Schnitzler mäkelt in Wien über den »Traumgott«, der sich mit seiner Symbolik keine sonderliche Mühe gab, ihn immer wieder vom Fliegen oder von Hunden, sogar von Freud selbst phantasieren ließ. Aber inzwischen von seinem »Collegen« zum »psychologischen Tiefenforscher« und »Doppelgänger« geadelt, der durch Intuition all das wisse, was er in mühseliger Arbeit am Menschen entdeckt hatte, schreibt Schnitzler Mitte der zwanziger Jahre die »Traumnovelle«, die Stanley Kubrick zu seinem letzten Film »Eyes Wide Shut« inspirierte, ein raffiniertes Spiel um Wirklichkeit und Imagination.

Wie eine Reise ans Ende der Nacht inszeniert der Autor das Abenteuer des Arztes Fridolin, seine allmähliche Entfernung von Realität und Routine, mitten hinein in eine Orgie, einer schwarzen Messe gleich. Seine Frau Albertine träumt zur gleichen Zeit von Flucht, Verführung, Folter des Ehemanns. Am Ende findet das Paar wieder zusammen: »Kein Traum ist völlig Traum«, sagt er. »Nun sind wir wohl erwacht«, sagt sie, »für lange.«

Schon als junger Assistent an einem psychiatrischen Krankenhaus hatte André Breton sein Erweckungserlebnis: »Um dieselbe Zeit, als ich wahrnahm, wie Apollinaire mit den Bestien des Orpheus über den Boulevard Saint-Germain schlenderte, entdeckte ich, dass jemand ganz für sich allein die Nacht der Ideen, dort, wo sie am dichtesten ist, durchbrochen hatte: Sigmund Freud.«

Aber er war enttäuscht, als er den alten Magier 1921 in Wien besuchte, der so gar nicht auf die leidige Frage antworten wollte, warum sexuelle Probleme in seinen eigenen Träumen keine Rolle spielten. Hatte Freud nicht das Recht, der unvermeidlichen Exhibition eine Grenze zu setzen? Nein, Bretons Forderung nach einem reinen psychischen Automatismus, nach dem vom Verstand nicht zensierten Selbstausdruck, wie er es in seinem ersten »Manifest des Surrealismus« formulierte, war weit radikaler: Er glaubte an die »künftige Auflösung der scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität ... Surrealität«. Als die »vague de rêves«, die Manie des Träumens - oder, wie Walter Benjamin sagte, der »Traumkitsch«, der gerade »Richtweg ins Banale« - in Paris um sich griff, befestigte der Dichter Saint-Pol-Roux angeblich vor dem Schlafengehen ein Schild an seiner Tür: »Le poète travaille.«

Widerwillig akzeptierte Freud seine Rolle als »Schutzpatron« der Surrealisten, auch wenn er sie für »absolute (sagen wir 95 % wie beim Alkohol) Narren« hielt. Und beinahe versöhnte ihn 1938, schon im Londoner Exil, der Besuch Salvador Dalís; vielleicht wäre es sogar interessant, die Entstehung eines solchen Bildes analytisch zu erforschen. Dalí hatte während seines Besuchs Skizzen angefertigt, dabei erschien ihm der Kopf des Todgeweihten einer Schnecke gleich, sein Gehirn eine Spirale, mit einer Nadel herauszuziehen.

»Der Traum ist schwarz wie der Tod«, dieses Wort Theodor W. Adornos ist der Sammlung seiner »Traumprotokolle« vorangestellt, entstanden von 1934 bis zu seinem Tod, 1969, und wie er betonte, gleich nach dem Erwachen niedergeschrieben. Das Verständnis der Träume hatte ihn, der in der Not im amerikanischen Exil sogar daran dachte, sich zum Analytiker ausbilden zu lassen, immer wieder beschäftigt.

So notiert er zwischen 1946 und 1947 in den »Minima Moralia": »Zwischen 'es träumte mir' und 'ich träumte' liegen die Weltenalter. Aber was ist wahrer? So wenig die Geister den Traum senden, so wenig ist es das Ich, das träumt.« Wer war also Herr im Haus des Traums? Er träumt von Hinrichtungen, Kreuzigungen, vom KZ. Er geht in Bordelle, hat zwei Frauen im Bett, doch am Vollzug hindert ihn stets, ganz nach Freud, die Traumzensur. Seine Frau Gretel tippt die wüsten Notizen der Nacht brav ab, auch die von der »unbeschreiblich schönen und eleganten Geliebten«, die ihn auffordert, sich eine »Schwanz-Wasch-Maschine« anzuschaffen.

»Das Haupt der Medusa anzublicken ist kein Gesellschaftsspiel«, hatte Freuds Schüler Hanns Sachs einst gewarnt. Seitdem nun mit Hilfe der Traumfabrik, der Seifenoper und der Werbung die Psychoanalyse bis in die letzten Sofaritzen gedrungen ist, scheint der Schrecken vor dem Abgrund des Ichs genommen, als handele es sich um einen Schnupfen.

Natürlich wurde nach 1945 noch immer groß geträumt, in Becketts absurdem Theater, in Harold Pinters Wirklichkeitsexperimenten, aber auch in Arno Schmidts Bargfeld oder bei Heiner Müller im mecklenburgischen Waren. Freuds Wiederauferstehung in Deutschland war keineswegs nur das Verdienst orthodoxer Analytiker oder politisierter Studenten. Der Schriftsteller Franz Fühmann beklagte öffentlich das »hartnäckige Ignorieren der großen psychologischen Erkenntnisse durch den Sozialismus« und arbeitete über viele Jahre an einem Traumbuch, »Unter den Paranyas«. Der schönste Traum darin handelt ausgerechnet von Sigmund Freud: Nach Neufundland wollte der Phantasierende schwimmen, und plötzlich erblickte er den Alten mit der Brille neben sich, und der beißt ihm immer fester in die Schulter und schreit: »Wo Es war, soll Ich sein.«

Arno Schmidt entwickelt nach der Freud-Lektüre seine »Traumflausn«, seine literarische Form für eine Wiedergabe des psychischen Vorgangs, die berüchtigte Etym-Theorie, die er (in einer Vorstufe) in seiner Karl-May-Studie und (vollendet) in dem Roman-Essay über Edgar Allan Poe, »Zettels Traum«, vorführt. So vermag er May zum Homosexuellen zu erklären, so liest er aus Wörtern oder Silben - pen für Penis, con für Cunt (Vagina) - eine Wahl des »Es«, der offiziellen Sprache des Bewusstseins entzogen, die Poe als impotenten, syphilitischen Voyeur entlarven soll.

Heiner Müller hatte schon früh begonnen, Freud zu lesen, wodurch der Außenseiter zum »Casanova« avancierte, bei sexuellen Problemen ein Ratgeber, ohne eine große Autorität in Schweinereien zu sein. Schon in seinen ersten Texten, nach dem Krieg verloren, entwirft er einen jugendlichen Helden vor dem Spiegel, der herauszufinden suchte, welchen Weg die Würmer durch sein Fleisch gehen würden: »Am Ende stand er im Keller und schnitt seinen Vater auf. Im Jahrhundert des Orest und der Elektra, das heraufkommt, wird Ödipus eine Komödie sein.« Seine Notate, bis an Lebensende geführt, sind Materialsammlungen, die nächtlichen Phantasien eines revolutionären Realisten, für den der Traum genauso zum Leben gehört wie der Alltag. Und die ganze Anstrengung des Schreibens war doch nur, »die Qualität der eignen Träume zu erreichen«.

Von Annette Meyhöfer erschien 2006 die Biografie »Eine Wissenschaft des Träumens - Sigmund Freud und seine Zeit«, BTB Verlag, München; 800 Seiten; 12 Euro.

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