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Medizin IM ZWEIFEL VERPILZT

Früher waren es Lähmungen und Krämpfe, heute zählen Schmerzen und Ermüdungszustände, aber auch Allergien und Asthma zu den vorherrschenden seelisch bedingten Beschwerden: Die psychosomatischen Ausdrucksformen sind der Mode unterworfen - der Zeitgeist bestimmt die Krankheitsbilder.
aus DER SPIEGEL 42/1994

Man schrieb den 31. Dezember 1879, als der Chirurg James Israel im jüdischen Krankenhaus zu Berlin »unter Chloroformnarcose mit allen antiseptischen Cauteles« eine Operation vornahm, die wie ein Wunder wirkte. Die Leidensgeschichte der 23jährigen Friseuse Bertha Perlmann aus dem Litauischen fand ein glückliches, wenn auch unnatürliches Ende.

Sechs Jahre war ihr, immer wenn sie menstruierte, ein schrecklicher Druck im Bauche, sie mußte sich erbrechen, derweil ihr das Herz in der Brust hämmerte: Ohne Zweifel, sie gehörte zu dem Heer der Hysterikerinnen und Neurotiker, das sich im letzten Jahrhundert auf ruhelose Wanderung durch die Arztpraxen begab und sich, von Generation zu Generation erneuert, noch heute da befindet.

Zu Fräulein Perlmanns Lebzeiten stand die abstruse Idee in hohem Ansehen, daß ein ganzes Bündel nervöser Beschwerden von den weiblichen Fortpflanzungsorganen herrührte. Woraus sich der Schluß ergab, mit Entfernung derselben müßten auch die Symptome verschwinden.

So empfahlen Königsberger Kapazitäten dem Fräulein, sich »behufs Vornahme der Castration« in die Hände des Freiburger Ordinarius für Frauenheilkunde Josef Hegar zu begeben. Eine feine Adresse.

Hegar war der Pionier, der im Juni 1872 einer 27jährigen Patientin wegen menstrueller Kreuzschmerzen die intakten Eierstöcke herausgeschnitten hatte. Daß sie ein paar Tage danach an Bauchfellentzündung starb, tat seinem Ruf keinen Abbruch. Als drei Wochen später der amerikanische Chirurg Robert Battey eine Hysterikerin, die seit 16 Jahren bettlägerig gewesen war, derselben Operation unterzog, verschwanden tatsächlich all ihre nervösen Phänomene. _(* Durch den französischen Neurologen ) _(Jean-Martin Charcot in der Pariser ) _(Salpetriere; Gemälde von Andre ) _(Brouillet, 1887. )

Die Kunde von den Wundern des »Batteyisierens« raste durch Amerika und Europa. Schneidelüsterne Ärzte und leidensgierige Patientinnen fanden zusammen und machten eine Mode aus den lebensgefährlichen Eingriffen, die so überflüssig waren, als wären reihenweise Ohren abgesäbelt worden.

Ohne weiteres wollte die Perlmann ihre Fruchtbarkeit nicht opfern und wankte in Berlin, während sie immer mehr ermattete und schließlich schon auf der Straße kotzte, von Koryphäe zu Koryphäe, die alle zur »Castration« rieten. Mit acht Gutachten erschien sie bei Israel, der sie gnädig unters Messer nahm. Nach der Operation waren all ihre Beschwerden wie weggeblasen.

»Dieses wäre zweifellos eine schöne Heilung schwerer Hysterie durch doppelseitige Ovarienexstirpation«, so führte Israel auf einer Ärztekonferenz aus, »wenn ich solche in der That vorgenommen hätte.« Er hatte der Patientin bloß einen einfachen Hautschnitt beigebracht: »Es handelte sich eben nur um eine mit allem Raffinement in Scene gesetzte Scheinoperation.«

Charismatische Ärzte wie dieser kommen selten vor, aber von Giganten der medizinischen Scharlatanerie und ihren Patienten mit bizarren Symptomen wimmelt eine »Geschichte der psychosomatischen Krankheiten«, die der Historiker Edward Shorter verfaßt hat**. In der ihm eigenen Dokumentationswut brillierte der Professor aus Toronto in den siebziger Jahren mit einer Sozialgeschichte über den Aufstieg und Zerfall der Familie (SPIEGEL 10/1978). Wie sich mit dem gesellschaftlichen Wandel in den vergangenen 200 Jahren die Leiden der Leute veränderten, führt er in seinem jüngsten Werk vor.

Es war offenbar schon immer so, daß sich der Mensch nicht alle Tage wohl fühlte und dafür eine Erklärung suchte. Der heutige Durchschnittstyp, so fand die US-Psychiaterin Donna Stewart heraus, verspürt alle vier Tage vier Symptome an sich. Nur wechselnde Minderheiten von 5 bis 14 Prozent hatten in einer beliebigen Periode von 14 Tagen kein Zipperlein vorzuweisen.

Für die Empfindungen in der Black Box Körper hält die Kultur (als eines ihrer Wesensmerkmale) Interpretationsschemata und Inszenierungsschablonen parat. Sie wirken als »Sinnstifter und Resonanzverstärker«, schreibt Shorter: »Andernfalls kann der Geist nicht verstehen, was der Körper sagen will.«

Jede Epoche, jede Kultur modelt sich ihren »Symptompool«, wie Shorter das kollektive Gedächtnis zum korrekten Verhalten bei Krankheit nennt. Die abendländische Sammlung enthält zum Beispiel nicht »Koro«, die Empfindung, daß sich der Penis in die Bauchhöhle einziehen und dort bleiben könnte; sie ängstigt nur asiatische Männer.

Während die Symptome organischer Krankheiten kaum einer kulturellen Gestaltung unterliegen und etwa ein Mensch mit einer Funktionsstörung der Leber im 14. Jahrhundert genauso gelb wurde wie im 20. Jahrhundert, zeigten sich die somatischen Ausdrucksformen der Psyche als äußerst variabel. Seit eh und je dürfte die Spezies Mensch die Fähigkeit besessen haben, Kümmernisse der Seele oder Belastungen des Daseins ("Streß") ** Edward Shorter: »Moderne Leiden. _(Zur Geschichte der psychosomatischen ) _(Krankheiten«. Rowohlt Verlag, Reinbek; ) _(656 Seiten; 58 Mark. * Gemälde von ) _(Albert Guillaume. ) umzuwandeln und als körperliche Leiden zu zeigen - ein Mechanismus, der den Sinn hat, den Körper zur Bewältigung der Probleme einzuspannen.

Der emeritierte Freiburger Professor Thure von Uexküll, ein Nestor der psychosomatischen Medizin, geht davon aus, daß in den westlichen Industrienationen mindestens ein Drittel, wenn nicht sogar zwei Drittel aller Krankheitszustände keine organischen Ursachen haben. Sieben bis elf Jahre dauerte in der Regel bei deutschen Patienten die Odyssee zwischen unsinnigen Operationen und nutzlosen Therapien, bis endlich die richtige, psychosomatische Diagnose gestellt wurde.

Wie es dazu kam, daß sich die Gesellschaft auf immer neue Pseudokrankheiten einließ, zeichnet der Historiker Shorter nach. Im selben Maße, in dem der aufstrebende, selber noch relativ unwissende Stand der Doktoren die Kräuterweiblein und Bader der alten Volksmedizin verdrängte, entstand ein weites Feld für eine ärztliche Gestaltung der Symptome.

War das Unterbewußte gewillt, psychische Beschwernisse organisch auszudrücken, wollte es sich - und hier spekuliert der Historiker - nicht lächerlich machen und wählte aus dem Symptompool ein Muster, das beim Doktor ankam. Die Geschichte der psychosomatischen Krankheiten vollzog sich in einem »Pas de deux von Arzt und Patient«, schreibt Shorter.

Phantasiebegabte Partner kreierten unglaubliche Symptome wie ein in die Magengegend verrutschtes Gehör oder ein vom Uterus ausgehendes Augenleiden: Die befallenen Viktorianerinnen konnten den Hauch aus dem Munde eines Sprechenden nicht ertragen oder mußten die Lider schließen, wenn sie durch eine Tür gingen.

Trafen die Beschwerden einen Nerv der Zeit, verbreiteten sie sich von den Zentren der vermeintlichen Wissenschaft bis in die Peripherie. Als der Edinburgher Physiologe Robert Whytt Mitte des 18. Jahrhunderts durch Tierexperimente nachwies, daß es sich beim Rückenmark um die Zentrale der Nervenverbindungen handelt, explodierten die Nervenkrankheiten. Sein Edinburgher Kollege William Cullen systematisierte sie und taufte 1777 die neue Klasse »Neurosen«.

Durch ärztliche Ansteckung quer durch Europa verdichtete sich schließlich die erste Pseudokrankheit der Moderne: die Spinalirritation. Nach der phantastischen Theorie konnten überreizte Nerven im Rückenmark alle möglichen Symptome hervorbringen.

Um die Diagnose zu stellen, beklopfte, wie in einem Traktat von 1849 beschrieben, der Doktor mit den Fingerknöcheln jeden Dornfortsatz seiner Patientin. Wenn sie zusammenzuckte, pflegte er »Aha!« zu sagen, »da haben wir''s ja«. Klappte die Chose nicht auf Anhieb, verbrühte er das Rückgrat seines Opfers mit einem in heißes Wasser getauchten Schwamm, bis er schließlich doch eine besonders empfindliche Stelle fand, die er zum Sitz der Krankheit ernennen konnte.

Dann begann eine blutige Orgie mit Egel, Aderlaß und Schröpfkopf. Auch Quecksilbersalbe war angezeigt. Schlimmer noch das »Reizpflaster«, das riesige, wäßrige Blasen zog, oder gar das »Haarseil« in Gestalt eines Leinenlappens, der durch einen Schnitt unter die Haut geschoben wurde, damit die schlechten Säfte heraussuppten.

Eine Spinalirritation verlangte eiserne Horizontallage und warf vor allem junge Frauen monatelang, nicht selten auch Jahre, ins Bett oder auf die Chaiselongue - eine Therapie, die trefflich zum Gesellschaftsbild des passiven Weibchens paßte.

Der Berliner Ordinarius Moritz Romberg, »in Mitteleuropa so etwas wie ein Papst der Neuropathologie«, wandte sich von der Wirbelsäule ab und fixierte sich statt dessen auf den Uterus, später auch auf die Ovarien als Quelle einer sogenannten Reflexneurose. Auch den Mann hielt er für gefährdet, aber nicht so stark, befanden sich seine Geschlechtsorgane doch nur gelegentlich in gereiztem Zustand, der dagegen in der Gebärmutter unablässig obwaltete.

Von diesem Orkus der Übererregung gingen nach alsbald verbreitetem Glauben Reflexbögen aus: Sie konnten wie die Irrwische mal da, mal dort ihr Unwesen treiben, unter Umständen in der Nasenschleimhaut, als Migräne oder Magenkrämpfe auftreten, auch in der seltsamen Empfindung, eine Kugel steige im Bauch auf und bleibe im Schlund stecken ("Globus-Syndrom").

Die bizarrsten Symptome, die Ärzte aus den Geschlechtsorganen herauszukitzeln vermochten, betrafen die Motorik. In Scharen traten sie auf, die meist jungen Damen, die urplötzlich wie eine mechanische Puppe den Kopf ruckartig bewegten, mit den Armen um sich schlugen und mit den Beinen traten, während ihr Brustkorb auf und nieder schnellte.

Nirgendwo zeigte sich die ärztliche Gestaltung hysterischer Symptome so frappant wie in der Pariser Salpetriere, einer Kombination aus Armenspital, Altersheim und Irrenanstalt für 5000 Frauen. In dem Internisten und Neurologen Jean-Martin Charcot, der das Haus 1862 übernahm, fand das Jahrhundert der Neurosen einen Großmeister von imponierender Gestalt mit wuchtigem Löwenhaupt.

Als genialer Wissenschaftler bescherte er der Fachwelt eine Reihe wegweisender Erkenntnisse, andererseits führte er sie aufs Glatteis seiner »Grande Hysterie«. Nach seiner Doktrin verursachten vererbbare Stigmata am Leib groteske Anfälle - was er im Hexenkessel von Suggestion und Suggestibilität, wie ihn die Salpetriere darstellte, zu demonstrieren verstand.

Ein mehrmaliges Drücken auf die empfindlichen Stellen, vorzugsweise die Eierstöcke, und die gerade vorgeführte Patientin begann mit dem Theater. Eine kroch auf allen vieren und bellte wütend, dann wieder ruckte eine in der Minute hundertmal mit dem Kopf und stampfte im selben Rhythmus mit einem Fuß, während ihre Hand dreihundertmal auf den Tisch klopfte. Eine jede war auf ihrem Gebiet, so Shorter, »eine Eleonora Duse der Hysterie«.

Die Vorführungen fanden in einer Zirkusatmosphäre statt und lockten Mediziner aus ganz Europa an, so auch Sigmund Freud und Rudolf Virchow. Das Psychodrama in der Salpetriere hörte schlagartig auf, nachdem Charcot 1893 gestorben war. Seine Parade-Patientinnen vergaßen ihre Symptome, und viele führten später ein normales Leben.

Aber die Pariser Inspirationen wirkten längst europaweit. Oft gingen die hysterischen Zuckungen in Lähmungen über. Manch eine lag in Starrsucht wie eine Bildsäule danieder, manch andere war so schlaff, daß sie in alle möglichen Figuren gebogen werden konnte ("drohender Feldherr« oder »Betende").

Bei dem verbreiteten Astasie-Abasie-Syndrom funktionierten die Beine bei der Untersuchung im Bett tadellos. Aber wenn die Patientin aufstehen sollte, fühlte sie sich unfähig, zu gehen oder auch nur zu stehen.

Ab und an schlug das Schicksal auch bei Männern zu, etwa bei einem Berliner Musiker, der nach einem Seitensprung ungesehen ins Haus schlüpfen wollte und unerwartet auf die Gattin stieß: Er sank ohnmächtig zu Boden und blieb an den vier Extremitäten gelähmt.

Shorter hält die Lähmung für eine »neue Waffe in den emotionalen Machtkämpfen innerhalb der Familie«, die sich, wie er in seinem früheren Werk belegte, von einem kühlen Zweckverband in einen Dampfkessel der Gefühle verwandelt hatte.

Dem Ärztestand waren die Bewegungsstörungen nicht recht geheuer, weil ihnen oft Quacksalber oder auch Wallfahrtsorte, in denen die Gelähmten reihenweise ihre Krücken wegwarfen, den Rang abliefen. Andererseits konnte ein einziger Fall einer spektakulären Heilung den ärztlichen Ruf mit einem Schlage sichern.

So fanden sich denn auch rabiate Therapeuten: Einer kündigte eine Behandlung mit dem Brenneisen gegen die Rührlosigkeit an, und am anderen Morgen kam ihm die junge Frau entgegengelaufen. Von einer Koryphäe in Philadelphia, Silas Weir Mitchel, ist überliefert, daß er einer Gelähmten androhte: »Wenn Sie binnen fünf Minuten nicht aus dem Bett sind - bin ich bei Ihnen drin!« Kittel und Weste, die er ablegte, zeigten keine Wirkung, aber als er sich anschickte, die Hosen herunterzulassen, »war sie in Null Komma nichts aus dem Bett«, berichtete sein Assistent.

Das Phänomen der Lähmungen geriet, zwischen den beiden Weltkriegen, in Vergessenheit. Noch in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges war eine typische Bewegungsstörung gehäuft aufgetreten: Vor lauter Schrecken konnten Soldaten ihr Zittern nicht mehr bändigen. Im Zweiten Weltkrieg kam der hysterische Tremor nicht mehr vor - die Angst hatte gelernt, sich im Extremfall anders auszudrücken, konform mit den Erwartungen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgekommen waren. An die Stelle der motorischen Störungen traten somatische Symptome.

Um die Jahrhundertwende begann die Neurasthenie (zu deutsch: Nervenschwäche) ihren Siegeszug als Modekrankheit. Unter den Gummibegriff fiel ein weites Spektrum dubioser Empfindungen, die bisweilen plastisch beschrieben wurden: ein Kreuz, wie wenn es abbrechen wollte, im Magen so etwas wie einen Stein, das Gedärm wie durcheinandergebracht, im Kopf ein Bohren wie von einem Schlüssel, die Nase verstockt, wie wenn ein Sattel aufgeschnallt wäre, die Kehle wie zugeschnürt, die Arme wie von Sandsäcken beschwert, die schlaflosen Nächte wie eine Vorhölle.

Von der neuen Krankheit fühlten sich mehr Männer als Frauen angezogen, konnten sie doch sicher sein, daß sie nicht als eingebildete Kranke abgetan wurden. Auch Freud hielt sich für einen Neurastheniker.

Der medizinische Fortschritt ließ die generalisierende Erklärung »Neurasthenie« hinfällig werden. Aber je besser die Ärzte einzelne Symptome verfolgen und unterscheiden lernten, desto mehr verschanzten sich seelische Beschwernisse in den Tiefen des Organismus. Da vagabundieren sie bis heute. Die Patienten produzieren lieber Symptome, die, so Shorter, »vor den Augen wirklicher Ärzte - solcher, die sich mit echten organischen Krankheiten abgeben - bestehen können«.

Dabei hatten hellsichtige Mediziner bereits im letzten Jahrhundert das Wesen seelischer Krankheiten begriffen. 1818 prägte der Leipziger Professor für Psychiatrie Johann Christian August Heinroth das Wort, das im 20. Jahrhundert populär werden sollte: psychosomatisch.

Der Leipziger Nervenarzt Paul Julius Möbius (der den Blödsinn vom »physiologischen Schwachsinn des Weibes« verzapfte) verstand schon 1888, als die Gläubigen seines Standes noch fasziniert auf das Theater in der Salpetriere starrten, die Hysterie als Erkrankung der Vorstellungskraft und leitete damit eine epochale Wende ein.

Ihm folgte der Erlanger Ordinarius für innere Medizin Adolf Strümpell, der bereits vor 100 Jahren die Hälfte der »scheinbar rein körperlichen Erkrankungen« auf »primär psychische Vorgänge« zurückführte. Schließlich postulierte 1904 der Jenaer Psychiatrieprofessor Otto Binswanger den Begriff des »psychogenen Schmerzes«.

Trotz Freud und seiner immensen Ausstrahlung verzeichnet Historiker Shorter am Ende des 20., des »Jahrhunderts der Psychologie«, die paradoxe Situation, daß »somatisierende Kranke in der Regel von psychischen Erklärungen nichts wissen wollen«.

Hellhöriger als je zuvor achten viele Menschen von heute auf ihre Körpersignale und sind in ihrer extremen Empfindlichkeit geneigt, die leisesten Unregelmäßigkeiten aufzubauschen.

An der Spitze der Krankheiten der Einbildungskraft steht der Schmerz, der jedoch keineswegs eingebildet ist. Auch wenn er keine organischen Ursachen hat, wird er subjektiv wahrgenommen: brennend oder bebend, zitternd oder zuckend, kneifend oder stechend, ziehend oder kribbelnd, hämmernd oder pochend, siedend oder brodelnd, blähend oder juckend, an- und abschwellend.

Hoch steht in der Bevölkerung auch der Erschöpfungspegel (stets über 10 Prozent, in manchen Kollektiven 40 Prozent). Wer fühlt sich nicht alles kaputt, abgeschlagen, schlapp, unausgesetzt müde?

Je mehr sich die Gesellschaft der Gifte in der Luft, im Wasser, im Boden und in der Nahrung bewußt wurde, desto mehr griffen allergische Reaktionen um sich. Selbstverständlich gibt es Überempfindlichkeiten gegen chemische Stoffe. Darüber hinaus bietet sich der Psyche eine Chance, inneren Aufruhr auf die Außenwelt zu projizieren wie ehedem auf die Dämonen. Statt Zuckungen und Lähmungen kann die Vorstellungskraft auch Umweltkrankheiten hervorbringen.

Ebenso eignen sich die allgegenwärtigen Pilze hervorragend als Raster: Fühlt sich der Zeitgeist-Typ schlecht, wähnt er sich im Zweifelsfall total verpilzt.

Nach der Revolution der Molekularbiologie kam das Immunsystem ins Spiel. Legionen leiden daran, daß mit ihrer Abwehr irgend etwas nicht stimmen könnte.

In den Feinstrukturen des Organismus, in denen ein Gefühl ebenso wie eine Bewegung und überhaupt alles Menschliche nur noch Physik und Chemie sind, spürten Forscher diverse Wechselwirkungen auf. Psychoneuroimmunologie heißt die neue Meta-Wissenschaft, die noch in den Anfängen steckt.

Hysteriker, so zeigte die Geschichte, gingen schon immer mit der Mode. Mit einem Niedergang seiner Autorität büßte der Ärztestand die führende Rolle als Designer des psychosomatischen Krankheitsgeschehens ein.

Heutzutage sind die Medien die Gralshüter des Symptompools. Krankheitsbilder, über die spektakulär berichtet wird, steigen kometenhaft auf. Shorter diagnostiziert in der Gesellschaft eine nie dagewesene »Pathoplastizität«, will heißen: Begabte Hysteriker wechseln ihre Symptome je nach Tagesaktualität. Y

Die Nase verstockt, wie wenn ein Sattel aufgeschnallt wäre

* Durch den französischen Neurologen Jean-Martin Charcot in derPariser Salpetriere; Gemälde von Andre Brouillet, 1887.** Edward Shorter: »Moderne Leiden. Zur Geschichte derpsychosomatischen Krankheiten«. Rowohlt Verlag, Reinbek; 656 Seiten;58 Mark. * Gemälde von Albert Guillaume.

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