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Immunschwächekrankheit Aids - »Schrecken nicht verloren«

aus DER SPIEGEL 21/1990

Die Immunschwächekrankheit Aids hat, wie ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums letzte Woche formulierte, »an Schrecken nichts verloren«. Auf rund 100 000 wird die Zahl der HIV-Infizierten in der Bundesrepublik geschätzt, 37 816 Infektionsfälle sind gegenwärtig beim Bundesgesundheitsamt registriert. 4749 Fälle von Aids-Erkrankung sind seit 1981 bekannt geworden, 2041 der betroffenen Männer und Frauen sind gestorben. Alarmierende Meldungen kamen letzte Woche aus den USA. Dort wird die Zahl der Aids-Kranken bis zum Jahr 1995 auf 400 000 geschätzt, fast dreimal so viele wie gegenwärtig. Abgesandte des US-Seuchenzentrums in Atlanta wiesen bei der Jahrestagung der Cleveland Clinic Foundation darauf hin, daß ein wachsender Anteil von HIV-Infizierten bei Frauen und Neugeborenen zu finden sei. Die Gesamtzahl der Infizierten in den USA wird auf über eine Million geschätzt; die Seuche erfasse »zunehmend auch die amerikanische Mittelklasse«, und zwar sowohl in den großen Städten wie in der Provinz. Als besondere Krisenregion gelten Farbigen- und Hispano-Quartiere, vor allem wegen der Übertragung vermittels Drogenspritzen. Im New Yorker Stadtteil Bronx beispielsweise ist in der Gruppe der 25- bis 44jährigen Männer bereits jeder fünfte HIVinfiziert. Bei einem Welt-Aids-Tag, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf den 1. Dezember dieses Jahres anberaumt hat, soll das Problem HIV-infizierter Frauen im Vordergrund stehen, das nach Meinung der Genfer Experten nicht nur in afrikanischen Ländern, sondern auch in den Industrienationen an Bedeutung gewinnt. Nach Schätzung der WHO sind von den sechs Millionen HIV-Infizierten in aller Welt ein Drittel Frauen. Bis Ende 1992 wird es voraussichtlich 550 000 manifeste Aids-Erkrankungen unter Frauen geben, dreimal so viele, wie Ende der achtziger Jahre registriert wurden. Nach den gegenwärtigen Schätzungen der WHO ist für das Jahr 2000 weltweit mit insgesamt sechs Millionen Aids-Kranken beiderlei Geschlechts zu rechnen.

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