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MEDIZIN Impressionisten mit Sehstörungen

aus DER SPIEGEL 16/2007

Wie mag wohl die Welt durch die Augen eines weltberühmten Malers wie Edgar Degas ausgesehen haben? Die Antwort, die der Augenarzt Michael Marmor von der kalifornischen Stanford University in der Zeitschrift »Archives of Ophtalmology« gibt, ist ebenso einfach wie verblüffend: Matt, farblos und völlig unscharf sah Degas die Welt, seit Mitte der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts seine Sehkraft nachließ. Je schlechter er aufgrund seiner Netzhauterkrankung sah, desto abstrakter, unschärfer und düsterer wurden auch seine Bilder, wie der US-Mediziner nachweist. Um die gut dokumentierten Sehstörungen von Degas nachzustellen, simulierte Marmor den Effekt mit der Bildbearbeitungssoftware Photoshop. Diese medizinischen Beobachtungen werfen gleich die nächste Frage auf: Wollte Degas wirklich so abstrakt malen, wie er es tat? Oder zwang ihm erst eine Krankheit diesen weltberühmten Stil auf? »Nach 1900 wurden diese Effekte ziemlich extrem«, so Marmor, »und viele Bilder wirken nur noch wie Schatten seines üblichen Stils.« Degas war mit seinen Sehproblemen nicht allein - auch Claude Monet kämpfte mit einem Augenleiden. Teilweise konnte er wegen seines grauen Stars die Farben so schlecht auseinanderhalten, dass er sich stattdessen auf die Beschriftungen seiner Farbtuben verließ. Erst 1923 ließ er sich widerwillig operieren - und kehrte prompt zu seinem alten, klaren, farbenfrohen Stil zurück. »Er sah einfach keine Farben mehr«, so Marmor. »Einige Leute sagen: 'Oh, aber das ist doch einfach nur eine Frage des Stils.' Das glaube ich aber nicht.«

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