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In fremden Betten

SPIEGEL-Autor Henryk M. Broder reist viel durch die Welt und ist daher ein routinierter Hotelschläfer. Ein Erfahrungsbericht.
Von Henryk M. Broder
aus SPIEGEL Wissen 4/2009

Schaut man jungen Paaren zu, mit welchem Ernst sie bei Ikea die Betten begutachten, wie sie die Matratzen auf ihre Belastbarkeit testen, wird einem schnell klar, dass sie nicht nur einen Kauf fürs Leben planen, sondern auch an die Arbeit denken, die darin geleistet werden soll. Wie Handwerker, die sich bei Obi mit allem eindecken, was sie für ihre Werkstätten brauchen.

Entsprechend sehen auch die Schlafzimmer aus. Funktional, kalt und aufgeräumt wie ein Verbandskasten. Man muss schon eine sehr vitale Phantasie haben, um sich vorzustellen, dass Amor in solchen Räumen toben und seine Pfeile abschießen könnte. Zumal wenn das Kinderzimmer nebenan nur durch eine dünne Wand getrennt ist.

Dagegen ist sogar das einfachste Hotelzimmer ein Tempel der Lüste.

Die Anonymität des Raums fördert sogar die Intimität, man wird durch nichts belastet oder abgelenkt. Der Raum mag voller Erinnerungen sein - aber es sind nicht die eigenen. Für die Ausstattung ist ein Fremder verantwortlich - und es spielt keine Rolle, ob es ein Super-Designer wie Philippe Starck ist oder der Schwiegersohn des Eigentümers, der auch die urgemütliche Hotelbar gebaut hat.

»Ein Hotel ist ein Beherbergungs- und Verpflegungsbetrieb für Gäste gegen Bezahlung«, lesen wir bei Wikipedia. Das Pilgrimhaus in Soest, 1304 gegründet, gilt als das älteste Hotel in Deutschland; das erste Haus zum Mietschlafen, das sich »Hotel« nannte, wurde angeblich 1774 im Londoner Stadtteil Covent Garden eröffnet. Seitdem hat sich das Angebot fremder Betten erheblich differenziert: Es gibt Kurhotels, Wellnesshotels, Spaßhotels, Familienhotels, Strandhotels, Frauenhotels, Motels, Hotels für Wanderer, Vegetarier, Naturfreunde und Nudisten, Stundenhotels, Rotels und sogar Gefängnishotels, die in ehemaligen Strafvollzugsanstalten eingerichtet wurden.

Wer lag wohl zuvor auf der Matratze, auf die man sich bettet? Der Raum hat kein Gesicht, Spuren früherer Bewohner sind getilgt. Das Bett ist frisch bezogen, die Minibar gefüllt, im Bad hängen saubere Handtücher, auf dem Tisch steht eine Schale mit Obst, der Fernseher begrüßt den Gast mit seinem Namen: Willkommen! Es ist eine perfekte Illusion.

Es gibt Reisende, die halten so viel Entfremdung nicht aus und nehmen irgendetwas von zu Hause mit: ein Familienfoto, eine Leselampe oder ihre Lieblingstasse. Birgit beispielsweise, die Frau von Rudi, verreist wie Linus grundsätzlich nur mit ihrer Schlafdecke, es wäre ihr ein Gräuel, sagt sie, sich unter eine Decke zu legen, die schon andere wärmte. Am liebsten würde sie auch das Kopfkissen und die Bettwäsche mitnehmen, und wenn sie mit dem Auto reist, tut sie es auch.

Andere schaffen sofort Chaos im Raum, verteilen ihr Gepäck über das Zimmer, testen die Festigkeit der Matratze, stellen die Möbel um - alles Zeichen der Inbesitznahme. Sie benehmen sich wie Wikinger, die nach einer langen Seereise endlich wieder festes Land unter den Füßen haben.

Ich dagegen bin nie mit dem Zimmer zufrieden, das mir zugewiesen wird. Das eine ist zu klein, das andere zu groß, im dritten läuft die Klimaanlage zu laut, im vierten gefällt mir der Blick aus dem Fenster nicht. Der ist für mich besonders wichtig. Wenn ich auf eine Mauer oder einen tristen Hof schauen muss, kann ich nicht arbeiten.

Ich will im Hotel nicht nur schlafen, ich will darin wohnen. Den Luxus genießen, den ich daheim nicht habe. Mich nachmittags auf das Bett legen und fernsehen, um Mitternacht noch einen Snack bestellen und morgens mit Musik geweckt werden. Deswegen wohne ich immer in den denselben Hotels, weil ich dann weiß, was mich erwartet.

Manchmal freilich lasse ich mich auf ein »blind date« ein. So kam ich vor kurzem nach Hof, an der Grenze zu Tschechien. Das »Hotel am Kuhbogen« liegt im Zentrum, das Zimmer war geräumig, allerdings extrem spartanisch eingerichtet. Der Eingang zur Nasszelle war so eng, dass man sie nur im Krebsgang betreten konnte, über dem Tisch hing ein Fernsehgerät knapp unter der Decke. Die Kopfkissen hatten einen Karateknick; einzig die roten, elektrostatisch aufgeladenen Gardinen aus Polyester sorgten für eine knisternde Stimmung. Ich schrieb ein paar E-Mails, legte mich schlafen und träumte von dem Hotel, in dem ich in Kopenhagen kurz zuvor ein paar Tage verbracht hatte: 71 Nyhavn, mit einem Blick über die Hafenpromenade. Es war mal ein Lagerhaus, die Zimmer sind klein, aber extrem gemütlich und schön eingerichtet. Ich packte meinen Laptop aus und fing an zu schreiben, als wäre ich daheim.

Von Hof fuhr ich nach Mainz, im neuen Hyatt am Rhein schaute ich stundenlang den vorbeifahrenden Frachtschiffen nach und versuchte mir vorzustellen, wie die Kapitänskajüten eingerichtet wären. Ob sie auch so ein breites und bequemes Doppelbett hätten?

Man sollte, dachte ich, während ich vom Bett den wogenden Fluss fest im Blick hatte, eine neue Klassifizierung für Hotels einführen. Betten statt Sterne. In einem 5-Betten-Hotel müsste es nicht nur drei Meter breite Betten mit einer durchgehenden Matratze geben, es müsste dem Personal auch verboten werden, die Decken unter die Matratzen einzuschlagen, eine Unsitte, die sich weltweit durchgesetzt hat. Man kommt sich vor, als würde man in einen Schlafsack schlüpfen, dessen Fußende an der Matratze festgetackert wurde.

Nicht weniger übel sind die Wolldecken, die lose über den Betten liegen und so aussehen, als seien sie schon bei Verdun dabei gewesen. Gemusterte Bettwäsche geht gerade noch, aber wenn sie aus Kunstfaser hergestellt wurde, hat der Gast Anspruch auf Schmerzensgeld.

In München, wo die Hotels zum Oktoberfest die Preise verdoppeln und verdreifachen, muss man mit allem rechnen. Im Carlton Astoria war noch ein Zimmer frei, eine ehemalige Abstellkammer, die man auch über eine Feuerleiter in den Hof verlassen konnte. Dafür war das Bett sehr ordentlich, wenn auch für zwei Personen etwas zu eng.

Drei Tage später war ich schon wieder in München, es war immer noch Oktoberfest, und man musste dankbar sein, nicht auf der Notaufnahme der Wies'n übernachten zu müssen. Meine Gastgeber hatten für mich ein Zimmer im Novotel in Gasteig bestellt; ich war der einzige Gast, der keine Lederhose anhatte und nicht zum Oktoberfest wollte, was den Zimmerpreis offenbar weiter in die Höhe trieb. Für ein Zimmer ohne Frühstück, eine Tüte Chips und den Zugang zum Internet wurde mir ein Betrag in Rechnung gestellt, für den ich eine Woche in Antalya hätte urlauben können, all inclusive. Dafür war der Weg vom Bett ins Bad extrem kurz.

In Konstanz kam ich in einer ehemaligen Kaserne unter, die man zu einem Apartment-Hotel umgebaut hatte. Da wurde mir klar, warum junge Männer sich früher freiwillig zum Militär meldeten. Große, helle Zimmer, einfach, aber praktisch eingerichtet, mit einem geräumigen Bad, in dem man sich auch zu zweit aufhalten konnte, und das Ganze zu einem Preis, für den man in München zur Wies'n-Zeit gerade zwoa Maß, ein Hendl und ein Ticket fürs Parken im Halteverbot bekommt.

Nur mit dem Bett, das in der Mitte des Raums stand, stimmte etwas nicht, es war entweder zu weich oder nach den Regeln von Feng Shui verkehrt platziert. Ich träumte, ich wäre in Moskau mit einem Taxi unterwegs, dessen Fahrer nur ein Bein, einen Arm und ein Auge hatte. Er saß auf dem Rücksitz und steuerte das Auto mit dem linken Fuß. In der russischen Metropole war gerade Oktoberfest, und die Menschen waren in Dirndl-Kleidern und Lederhosen unterwegs.

Was will ich hier?, fragte ich mich, ich hätte auch in München bleiben können. Worauf der einbeinige Fahrer den Wagen anhielt und sagte, wir wären am Ziel. Es war der Palast des Maharadscha von Jodhpur in Rajastan, ein monumentaler Bau aus rotem Sandstein im Art-déco-Stil. Ein Hoteldiener in einer Phantasieuniform machte die Autotür auf, ich stieg aus und ging eine Treppe hoch, die in die Lobby führte. Es war ein runder Saal, groß wie ein Zirkuszelt, überdacht von einer Kuppel, die mich an den Petersdom erinnerte.

An der Rezeption standen extrem attraktive junge Frauen und lächelten vielversprechend. Eine ging auf mich zu, überreichte mir einen goldenen Schlüssel und sagte: »Herzlich willkommen. Am schönsten ist es doch zu Hause.«

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