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ÄRZTE Innerer Zwang

West-Berliner Ärztefunktionäre gründeten eine »Genossenschaft": Sie wollen selber an Medikamenten verdienen, die sie verschreiben. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Die Ärzte finden die Krankenhäuser zu teuer, die Krankenhäuser wollen die ambulante Versorgung zu sich hereinziehen, Internisten suchen den Praktikern Patienten abzujagen - und über allem die Pharma-Industrie, die im letzten Jahr, trotz aller Bonner Bremsversuche, die höchsten Steigerungsraten in den Krankenkassenetats verursachte.

Kurzum: Der »Verteilungskampf« im Gesundheitswesen »wird immer heftiger« - auf diese ungeschminkte Formel, in der von ärztlichem Ethos nichts mehr mitschwingt, brachte es Mitte dieses Monats das Wiesbadener Fachblatt »Apotheken Praxis«.

Eine neue Variante im Verteilungskampf haben sich niedergelassene Ärzte in West-Berlin ausgedacht: Am 16. Februar wurde dort die »id-art Genossenschaft für Produktion und Vertrieb von Arzneimitteln e. G.« gegründet und unter der Nummer 423 Nz in das Genossenschaftsregister des Amtsgerichts Charlottenburg eingetragen.

Hinter der gewundenen, durch das Wort »Genossenschaft« auch noch gemeinnützig klingenden Unternehmensanschrift verbirgt sich eine der cleversten Konstruktionen im Geschäft mit der Krankheit - und eine, die es bisher noch nicht gab: Ärzte, in ihrer Eigenschaft als »id-art«-Teilhaber, wollen selbst die Medikamente herstellen und vertreiben, für deren reichlichen Absatz sie durch Verschreibung sorgen.

Zu den elf Gründungsmitgliedern der Genossenschaft gehören, außer einigen Wirtschaftsingenieuren und Diplomkaufleuten, hochgestellte West-Berliner Mediziner, so Dr. Gerhard Raudszus, Vorsitzender der Berliner Kassenärztlichen Vereinigung, und Professor Dr. Herbert Göpel, Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin am Berliner Klinikum Steglitz. Innerhalb weniger Wochen konnten rund 50 weitere Ärzte für das gewinnträchtige Vorhaben begeistert werden, schon in Kürze sollen mindestens 3000, womöglich aber auch mehr als 10 000 Genossen folgen.

Das kaufmännische Konzept scheint in der Tat kaum fehlbar. Die »id-art«-Genossen kaufen gängige Medikamentenwirkstoffe bei Herstellerfirmen billig ein, lassen sie unter dem »id-art«-Etikett verpacken ("konfektionieren") und vertreiben sie sodann über Großhandel und Apotheken.

Die Endabgabepreise bewegen sich im unteren Teil des Marktspektrums, fürs erste sogar knapp unterhalb des Niveaus des Blaubeurener Pharma-Preisbrechers

»Ratiopharm«. Dennoch rechnet sich die Sache: »id-art« kann auf Werbung, Ärztemuster, Beteiligung an Ausstellungen und ärztlichen Fortbildungsveranstaltungen verzichten, da die Genossenschaftler - mit dem Rezeptblock in der Hand - selbst den Präparate-Umsatz sichern.

»Da die als außerordentlich hoch bekannten Vertriebs- und Werbungskosten in dieser Konzeption entfallen«, verspricht eine »id-art«-Werbebroschüre, sei »mit einer vernünftigen Rendite« für die Teilhaber »zu rechnen«.

Fünf Standardpräparate mit dem neuen Firmenaufdruck sollen schon von Mai dieses Jahres an auf dem Markt sein, darunter zwei Antibiotika, ein Herzmittel sowie ein Sulfonamid gegen Infektionen etwa der Atem- und der Harnwege. Zwölf Tabletten des Präparats »Penicillin 1 Mega-id-art« beispielsweise sollen 8,20 Mark kosten, fünf Pfennig weniger als zehn Tabletten des vergleichbaren Präparats bei »Ratiopharm«.

Weitere sechs »id-art«-Präparate sind beim Bundesgesundheitsamt zur Zulassung angemeldet, darunter Medikamenten-Bestseller wie Glibenclamid (ein orales Antidiabetikum) und Oxazepam (der Wirkstoff des Gemütsaufhellers Adumbran). Und klare Abreden bestehen auch schon über die Gewinnverteilung.

Zehn Prozent des »etwaigen Reingewinns der Genossenschaft« werden »vorab« verteilt - an die »Gründungsgenossen«. Weitere 30 Prozent fließen in einen Reservefonds, ein Drittel davon soll der »freien Pharmaforschung« dienen; wofür im einzelnen, entscheidet ein »wissenschaftlicher Beirat«. Die restlichen 60 Prozent des Gewinns werden an die Genossen ausgeschüttet, im Verhältnis der Zahl ihrer Anteile; jeder Genosse

darf bis zu 20 Anteile im Wert von je 1000 Mark erwerben.

Die Pillenschlucker - unter Umgehung des Pharma-Herstellers und, wenn es ginge, auch noch des Apothekers - für sich auszunehmen ist seit langem eine Lieblingsidee der Ärzte, und ebenso lang leisten die Apotheker erbitterten Widerstand. Samuel Hahnemann beispielsweise, den Begründer der Homöopathie, jagten sie im vorigen Jahrhundert durch halb Europa, weil sie ihm das »selbständige Verdünnen« seiner Tinkturen mißgönnten.

Umgekehrt fuchst heutzutage die Ärzte, daß »der Wert« der von einem Arzt »verordneten Medikamente (Apothekenabgabepreis) vielfach über dem Gesamtumsatz« seiner Praxis liegt - das Zitat entstammt dem Prospekt der neuen Arzneimittel-Genossenschaft.

Besonders die Ärztefunktionäre hatten den nun verwirklichten »id-art«-Plan schon seit Jahren hin- und hergewendet; aber immer wieder waren entsprechende Vorhaben, etwa im Zusammenhang mit Laboruntersuchungen, gescheitert. Auch diesmal befürchten einige Ärzte, daß die Genossenschaftsgründung zu Mißgunst und Zersplitterung innerhalb der Ärzteschaft führen könnte.

Bemäntelt wurde das Berliner Selbstbedienungskonzept mit wohlklingenden Formeln ärztlicher Selbstbescheidung. »Durch Einschränkungen im Honorarbereich«, so der Prospekt, hätten »die Ärzte bereits einen wesentlichen Beitrag« zur Kostenstabilisierung im Gesundheitswesen geleistet. »Im Wissen um die Mitverantwortung« wolle man nun, »dem Trend weiterer möglicher Kostensteigerungen auf dem Pharma-Sektor gegensteuern«.

Ursprünglich hatten die Ärzte ganz unter sich bleiben wollen. Doch dieser Plan wurde vom Bundeskartellamt durchkreuzt. Es untersagte nicht nur, daß sich die Firma, wie anfangs vorgesehen, mit dem Namen »Iatros« (griechisch für Arzt) schmückte, sondern widersprach auch der Absicht, ausschließlich Ärzte als Teilhaber aufzunehmen.

Nun steht die Mitgliedschaft in der Genossenschaft, so Paragraph vier des »id-art«-Statuts, »jedermann offen«. Allerdings (Paragraph fünf): »Über die Aufnahme der Mitglieder entscheidet der Vorstand.«

Anderthalb Jahre Vorbereitungszeit gingen ins Land, um das Statut, vor allem unter ärztlich-berufsrechtlichem Aspekt, wieder und wieder umzuarbeiten. Dabei wurde besonders die Frage erörtert, ob nicht ein Arzt, wenn er der Genossenschaft beitritt und - einem naheliegenden inneren Zwange folgend - so oft wie möglich »id-art«-Präparate verschreibt, damit gegen die ärztliche Berufsordnung verstößt.

Mit Wortkosmetik wurde das Problem beseitigt. Zwar heißt es in Paragraph zwei des Statuts wahrheitsgemäß, der »Gegenstand des Unternehmens« sei »die Produktion und der Vertrieb von Arzneimitteln«. Doch vorgeschaltet wurde eine Deklamation: »Zweck« des Unterfangens sei »die Förderung der freien Pharmaforschung«, es gehe um die »Verbesserung und Neuentwicklung« von pharmazeutischen Präparaten.

Alle bisher angebotenen und auch die geplanten »id-art«-Medikamente freilich sind keine Neuentwicklungen oder auch nur Verbesserungen, sondern gängige Marktware. Und mit den zehn Prozent Gewinnrückstellung, die angeblich der Pharmaforschung dienen sollen, verhält es sich so: Wenn der »wissenschaftliche Beirat« am Ende eines Jahres feststellt, daß es nichts zu forschen gab, wird der »Reservefonds ... aufgelöst« und als Gewinn an die Teilhaber ausgeschüttet.

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