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ARCHÄOLOGIE Insel in der Unterwelt

Unter den Pyramiden von Gizeh wurde eine - bislang unbekannte - Grabkammer aufgespürt. Die Krypta enthält Menschenknochen.
aus DER SPIEGEL 44/2000

Die Musik kennt ein hohes C, die Ägyptologie zwei: Cheops und Chephren. Rund 12 Millionen Tonnen Stein ließen diese Pharaonen aufstapeln, um die gewaltigsten Bauwerke der Erde zu schaffen.

Von den Mumien der Bauherrn indes fehlt jede Spur. Die Totenkammern, die tief im Inneren der Pyramiden liegen, wirken unbenutzt. Radarstrahlen und winzige ferngesteuerte Kameraautos wurden ausgesandt, um in den Grabgebirgen nach verborgenen Hohlräumen zu suchen - ohne Erfolg.

Nun verblüfft doch noch ein unerwarteter Fund die Zunft: Versenkt neben den »ungeheuren Kristallen« (Hegel) erstreckt sich ein Schachtsystem, das knapp 30 Meter tief in den Fels ragt. Der Einstieg liegt direkt unter dem Aufweg, der den Sphinx mit der ursprünglich 143,5 Meter hohen Chephren-Pyramide verbindet. Bereits im vorletzten Jahr begann der Antikenchef von Gizeh, Zahi Hawass, mit der Vorerkundung der Kaverne. Mit Leitern bewehrt stieg sein Team einen zwölf Meter langen Schacht hinab. An seinem Boden befindet sich ein Raum mit sechs Nischen. Zwei davon sind mit grauen Sarkophagen gefüllt (siehe Grafik).

Die wuchtigen Särge - sie sind unverziert und ohne Hieroglyphen - stammen aus der Zeit um 500 v. Chr. »Die Toten waren reiche Leute, die sich in der heiligen Umgebung des Pyramidenplateaus bestatten ließen«, vermutet der Archäologe Rainer Stadelmann aus Kairo.

Doch die Anlage ist wesentlich älter und führt viel tiefer in die Unterwelt hinab. Bei der Untersuchung einer kleineren siebten Nische entdeckten die Ausgräber ein quadratisches Loch im Boden. In dem Schacht gluckerte es. Er war komplett mit Grundwasser voll gelaufen. Mit Hilfe leistungskräftiger Pumpen konnte das trüb-schlammige Wasser abgesaugt werden. Wochenlang knatterten die Geräte, die Helfer hantierten mit Schläuchen und Eimern. Lärm und Staub hätten ihn »fast blind und taub« gemacht, stöhnt Hawass.

Schließlich war der Felsschlund leergepumpt. An nassen und mit Schlagspuren übersäten Wänden vorbei hangelten sich die Forscher in die Tiefe. Am Grund, 29 Meter unter der Erde, öffnete sich erneut eine weiträumige Gruft.

Die Rekonstruktion ergab, dass dieser Raum einst - wie ein unterirdischer Swimmingpool - flach mit Wasser geflutet war. In der Mitte stand auf einem Felsblock, umrahmt von vier Säulen, ein Totenschrein. Sein angeknackster Deckel war abgerissen. Zerschlagene Vasen und Knochen zeigen, dass die Dunkelkammer schon um 1550 v. Chr. in Betrieb war.

Wer wurde in dem Verlies beerdigt? Hawass geht davon aus, dass es sich um »ein symbolisches Grab des Osiris« handelt. Dem Mythos zufolge wurde dieser Gott von seinem Bruder Seth in 14 Teile zerrissen. Der Gemahlin Isis gelang es, die Teile zusammenzubasteln und ihn wiederzubeleben.

Doch Hawass' Deutung hat Schwächen. Neben dem vermeintlichen Osiris-Sarg lagen Menschenknochen. Dieser Befund, spekuliert das US-Fachblatt »Archaeology« in seiner neuesten Ausgabe, deute an, »dass der Ort nicht als symbolischer, sondern als realer Bestattungsplatz genutzt wurde«.

Irritiert sind die Experten vor allem deshalb, weil die monumentale Anlage an jene Beschreibung erinnert, die der Historiker Herodot (490 bis 425 v. Chr.) aus Ägypten mitbrachte. Ihr zufolge ruht der Pharao Cheops auf einer künstlichen Insel, umgeben vom einem See, tief unter den Pyramiden. Lag in der nun entdeckten Steinkiste mithin der Superpharao? Die meisten Experten halten das für ausgeschlossen: Cheops starb 2528 v. Chr.

Bei den Archäologen herrscht große Unsicherheit. Bis heute hat Hawass seine Funde nicht wissenschaftlich veröffentlicht. Eingehende Keramik-Analysen stehen aus. Der mit Schutt überhäufte Boden der Grotte ist nicht genau analysiert worden.

Auch der kleine Tunnel, der von der untersten Kammer Richtung Westen abzweigt, gibt Rätsel auf. Dieser Gang ist extrem eng und führt horizontal in den Fels hinein. Einige Forscher halten es für möglich, dass die Passage eine unterirdische Verbindung zum Sphinx herstellt.

Erste Versuche, den Mini-Tunnel auszuspähen, sind allerdings gescheitert. In Ermangelung technischer Hilfsmittel schickte Hawass einen kleinen Jungen in den Stollen. Nach sechs Metern musste das Kind umkehren: Der Gang ist blockiert. MATTHIAS SCHULZ

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