Invasive Tier- und Pflanzenarten Gekommen, um zu bleiben

Amerikanische Sumpfkrebse im Berliner Tiergarten, Nutrias überall: 66 Tier- und Pflanzenarten zählt die EU offiziell als invasiv. Der Klimawandel dürfte die Ausbreitung vieler Eindringlinge begünstigen.
Nutrias: Die südamerikanischen Nager sind in allen Bundesländern heimisch geworden. Sie zerstören zwar manche Schilfgürtel, doch auch Naturschützer lehnen eine Jagd auf die Tiere ab

Nutrias: Die südamerikanischen Nager sind in allen Bundesländern heimisch geworden. Sie zerstören zwar manche Schilfgürtel, doch auch Naturschützer lehnen eine Jagd auf die Tiere ab

Foto: Jakub Mrocek / PantherMedia / IMAGO

Als 2017 erstmals Amerikanische Sumpfkrebse auf Wiesen und Wegen im Berliner Tiergarten gesichtet wurden, sorgte das für einige Aufregung. Vermutlich hatten sich die Nachkommen ausgesetzter Tiere zunächst unbemerkt vermehrt, bevor Hunger oder Platznot sie aus den Parkgewässern trieben.

Übergesetzt: Amerikanischer Sumpfkrebs, hier in einem spanischen See

Übergesetzt: Amerikanischer Sumpfkrebs, hier in einem spanischen See

Foto: Marevision / IMAGO

Im Sommer werden nun alljährlich Exemplare der invasiven Art, die eigentlich im Süden der USA und dem Norden Mexikos heimisch ist, aus den Gewässern gefangen. Eine weitere Ausbreitung soll verhindert und die Vermehrung zumindest gebremst werden. Die gefräßigen und wanderlustigen Tiere gelten als Bedrohung für heimische Arten und Ökosysteme – nicht nur in Berlin, sondern in der gesamten Europäischen Union.

Allgegenwärtig: Riesenbärenklau (auch bekannt als Herkulesstaude) an einer Bahnstrecke in Essen – Substanzen der Pflanze können zu Hautverletzungen führen

Allgegenwärtig: Riesenbärenklau (auch bekannt als Herkulesstaude) an einer Bahnstrecke in Essen – Substanzen der Pflanze können zu Hautverletzungen führen

Foto: Gottfried Czepluch / IMAGO

In Berlin und anderen Städten haben sich viele weitere hier ursprünglich nicht heimische Arten ausgebreitet, einige von ihnen verursachen Probleme: Pflanzen wie Riesenbärenklau, Götterbaum und Schmalblättrige Wasserpest ebenso wie Tiere, etwa Nilgans, Waschbär und Nutria. Etwa 900 Arten haben sich dem Bundesamt für Naturschutz zufolge seit 1492 in Deutschland dauerhaft angesiedelt – dem Jahr der Entdeckung Amerikas, das Wissenschaftler als Grenze für die Unterscheidung zwischen fremd und heimisch heranziehen.

Berlin beschäftigt einen Sumpfkrebs-Fischer

66 Tier- und Pflanzenarten stehen auf einer von der EU-Kommission erstellten Liste , der sogenannten Unionsliste invasiver Arten. Die Mitgliedsländer müssen die Einschleppung dieser Arten verhindern oder ihre ungehemmte Ausbreitung stoppen, wenn sie schon angekommen sind.

Exotisch: Nilgans am Neckar in Heidelberg

Exotisch: Nilgans am Neckar in Heidelberg

Foto: Kiefer / Panthermedia / IMAGO

»Bei Arten, die noch nicht hier heimisch sind, hat man relativ gute Chancen, sie fernzuhalten«, sagt Ingolf Kühn vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle. »Bei bereits etablierten Arten wie etwa den Sumpfkrebsen oder dem Riesenbärenklau ist die Beseitigung nicht mehr zu schaffen. Da geht es dann darum, die Bestände einzudämmen und die Arten aus besonders sensiblen Bereichen wie Naturschutzgebieten fernzuhalten.«

Sisyphosarbeit: Auf dem Kemnader Stausee an der Ruhr bei Bochum wird die aus Nordamerika stammende Schmalblättrige Wasserpest bekämpft

Sisyphosarbeit: Auf dem Kemnader Stausee an der Ruhr bei Bochum wird die aus Nordamerika stammende Schmalblättrige Wasserpest bekämpft

Foto: Hans Blossey / IMAGO

In Berlin hat die Senatsverwaltung einen Sumpfkrebs-Fischer beauftragt, der in der Hochsaison mindestens zweimal pro Woche die ausgelegten Reusen leert. Die Tiere werden unter anderem an Berliner Gastronomen verkauft. Allerdings lässt sich gegen invasive Arten nur selten mit Messer und Gabel vorgehen – zudem kommt die Bekämpfung oft einer Sisyphos-Aufgabe gleich. »Oft sind dafür gar nicht genug Kapazitäten vorhanden«, sagt Sebastian Kolberg, Referent für Artenschutz beim Nabu. »In den unteren Naturschutzbehörden fehlt dazu schlicht die finanzielle und die personelle Ausstattung.«

Artenvielfalt dank Invasoren

Kompromisslos auf die Vertreibung einer invasiven Art zu setzen, sei aber auch häufig nicht zielführend, sagt Kolberg. Sinnvoller sei es häufig, die Gesundheit des Ökosystems insgesamt zu stärken.

»Gerade bei den Pflanzen machen viele der eingeschleppten Arten keine Probleme, im Gegenteil«, sagt Wildtierexperte Derk Ehlert von der Berliner Umweltverwaltung. »Unsere Parkanlagen wären vermutlich sehr viel artenärmer, wenn es keine Neophyten gäbe.« Generell sei die Natur in ständigem Wandel – und auch die Bewertung von Tier- und Pflanzenarten.

Ausgesetzt: Waschbären wurden einst für Pelztierfarmen nach Europa gehört, heute leben die Raubtiere millionenfach wild wie hier in einem hessischen Wald

Ausgesetzt: Waschbären wurden einst für Pelztierfarmen nach Europa gehört, heute leben die Raubtiere millionenfach wild wie hier in einem hessischen Wald

Foto: Wilfried Martin / imagebroker / IMAGO

»Der aus China stammende Götterbaum wird seit etwa 250 Jahren bei uns angepflanzt und wurde als schöner Stadtbaum lange Zeit gehegt und gepflegt«, sagt Ehlert. »Seit etwa 80 Jahren breitet sich die Art massiv aus, weil die Winter wärmer geworden sind und die frostempfindlichen Jungbäume vermehrt überleben.« Heute ist der weder durch Schnitt noch Gifte gut zu bekämpfende Götterbaum offiziell unerwünscht, auch weil er sich in jeder Ritze festsetzen und so Straßen und Mauern beschädigen kann.

Klimawandel bedeutet auch Artenwandel

Viele der heute als problematisch betrachteten Arten wurden einst bewusst eingeführt: der Waschbär etwa als Pelzlieferant, der asiatische Marienkäfer zur biologischen Bekämpfung von Schädlingen. Heute gehören sie zu den Arten, die man wohl nicht mehr vertreiben kann.

Mit dem Klimawandel dürfte sich die Situation in den kommenden Jahren kaum entspannen. Der Großteil der eingeschleppten Arten stammt aus wärmeren Ländern und profitiert von den erwarteten Veränderungen.

»Wehret den Anfängen«, sagt Wildtierexperte Ehlert. »Wenn sich eine Art erst mal etabliert hat, gibt es oft kaum noch Möglichkeiten, sie wieder loszuwerden.«

ak/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.