5000 Jahre alte Kneipe entdeckt Ob reich, ob arm – trinken wollten alle

Schon um 2700 vor Christus gingen die Leute in die Taverne. Das zeigen Ausgrabungen in Lagasch im heutigen Irak. Der Fund scheint alltäglich, stellt jedoch Annahmen über die antike Gesellschaft infrage.
Ausgrabung in Girsu, einer Nachbarstadt von Lagasch, im November 2021

Ausgrabung in Girsu, einer Nachbarstadt von Lagasch, im November 2021

Foto: Arshad Mohammed / Anadolu Agency / Getty Images

Bei Ausgrabungsarbeiten im Irak sind Forscherinnen und Forscher der Universitäten von Pennsylvania und Pisa auf eine knapp fünftausend Jahre alte Kneipe gestoßen. »Es handelt sich um einen öffentlichen Speiseraum, der etwa auf das Jahr 2700 vor Christus datiert wird«, sagte Holly Pittman, Professorin für Kunstgeschichte an der Universität von Pennsylvania, gemäß einer Pressemitteilung ihrer Hochschule . »Der Raum ist teilweise unter freiem Himmel.« Ein anderer Teil sei der Küchenbereich.

Pittman untersucht mit Unterbrechungen seit 1990 die archäologischen Stätten dieser Region. Im Jahr 2019 begannen die jüngsten Ausgrabungen in Lagasch, und trotz einer coronabedingten Unterbrechung wurden bereits vier Grabungsperioden abgeschlossen.

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Die bedeutendste Entdeckung bisher war jedoch die Taverne, komplett mit Bänken, einer Art Lehmkühlschrank, einem Ofen in Industriegröße und Dutzenden von konischen Schalen, von denen viele Fischreste enthielten, was den Zweck des Hofes als Essbereich im Freien offenbart.

»Zuerst entdeckten wir den sehr großen Ofen, und er ist wirklich schön«, erklärte Reed Goodman, Archäologe von der Universität von Pennsylvania, gegenüber CNN . »Durch verschiedene Verbrennungsvorgänge und Ascheablagerungen hat er eine Art Regenbogenfärbung im Boden hinterlassen, und das Innere wird von großen Ziegeln eingerahmt.«

Gab es damals nur Eliten und Sklaven?

Frühere Ausgrabungen konzentrierten sich auf die religiöse Architektur und das Leben der Eliten. Doch bei den jüngsten Ausgrabungen fokussierte sich Pittman, die auch Direktorin des Lagash Archaeological Project  ist, auf Bereiche, die mutmaßlich nicht von Angehörigen der Elite bewohnt waren, sondern von einfachen Menschen.

Mit der Entdeckung der Taverne landeten Pittman und ihr Team einen Volltreffer. »Die Tatsache, dass es einen öffentlichen Treffpunkt gibt, an dem sich die Leute hinsetzen, ein Bier trinken und ihren Fischeintopf essen können, zeigt, dass sie nicht unter der Tyrannei der Könige arbeiteten«, sagte ihr Kollege Goodman gegenüber CNN. »Das vermittelt uns ein viel farbenfroheres Bild der Stadt.«

Die Wissenschaftler sehen die Taverne in ihrer Anlage und Ausstattung als Beweis, dass dort Menschen freiwillig zusammenkamen und Zeit verbrachten. Mutmaßlich handelte es sich hier also nicht um Sklaven, sondern um eine antike Mittelschicht. Das würde frühere Annahmen infrage stellen, die davon ausgingen, dass die Gesellschaft nur aus Eliten und versklavten Menschen bestand.

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Ein wichtiges urbanes Zentrum

Der Fund bietet einen Einblick in das Leben der Menschen, die vor etwa 5000 Jahren in Mesopotamien lebten. Hier entstanden die ersten Städte; Schrift und Streitwagen wurden erfunden und der Krieg . Lagasch, die heutige Stadt al-Hiba, war eine der ältesten und größten Städte in der Region. Sie liegt jeweils etwa 50 Kilometer von den berühmten archäologischen Stätten Uruk und Ur entfernt. Lagasch war vom fünften Jahrtausend bis zur etwa Mitte des zweiten Jahrtausends vor Christus bewohnt und die meiste Zeit ein wichtiges urbanes Zentrum.

»Mit mehr als 450 Hektar Größe war Lagasch im 3. Jahrtausend eine der größten Städte im Südirak«, sagt Pittman. »Es war von großer politischer, wirtschaftlicher und religiöser Bedeutung. Wir gehen auch davon aus, dass Lagasch ein bedeutendes Bevölkerungszentrum war.« Menschen hätten Zugang zu fruchtbarem Land gehabt und »sich der intensiven handwerklichen Produktion gewidmet«.

Lagasch selbst wurde erst 1953 wiederentdeckt. Zuvor hatte man die antike Nachbarstadt Girsu für identisch mit Lagasch gehalten – beide sind heute wichtige archäologische Stätten. Die Ausgrabungen in der Region können helfen, das Leben der Menschen während der sogenannten frühdynastischen Periode zu rekonstruieren. In dem 600 Jahre langen Zeitraum zwischen 2900 und 2300 vor Christus entstanden die ersten Städte der Welt .

Um die Ausgrabungen in Lagasch so effektiv wie möglich zu gestalten, setzten die Forscherinnen und Forscher modernste Methoden ein, darunter Drohnenfotografie und Wärmebildtechnik, Magnetometrie, die die magnetische Intensität von vergrabenen Objekten erfasst, und mikrostratigrafische Probennahmen, eine chirurgisch präzise Art der Ausgrabung. Um den ökologischen Kontext der Stadt zu verstehen, wurden auch Sedimentkerne entnommen, die die Jahrtausende der ökologischen Entwicklung widerspiegeln.

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Diese Methoden halfen auch bei der Entdeckung der Taverne, die sich gar nicht so tief im Erdboden befand. Unter Leitung von Sara Pizzimenti von der Universität Pisa wurde auf einem eng begrenzten Gebiet Schicht für Schicht abgetragen. »Es war wie bei einer sehr vorsichtigen Operation«, beschreibt es Holly Pittman. »So konnten wir das alles in nur 50 Zentimeter Tiefe entdecken. Wir waren selbst verblüfft.«

mgo

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