»Iron Dome« Wie funktioniert die israelische Raketenabwehr?

Das israelische Abwehrsystem »Iron Dome« hat Hunderte von feindlichen Raketen am Himmel abgefangen. Doch die Angreifer passen ihre Strategie an und rüsten weiter auf.
Raketen, vom Gazastreifen (r.) aus auf Israel abgefeuert, werden von »Iron Dome«-Raketen in der Luft zur Explosion gebracht (am 14. Mai)

Raketen, vom Gazastreifen (r.) aus auf Israel abgefeuert, werden von »Iron Dome«-Raketen in der Luft zur Explosion gebracht (am 14. Mai)

Foto: Anas Baba / AFP

Am Himmel über Tel Aviv und anderen israelischen Städten tobt ein Luftkampf, wie ihn die Welt in dieser Dimension noch nicht gesehen hat: Vom Gazastreifen her rasen immer wieder feindliche Schwärme aus Raketen auf israelische Wohnorte, bis ihnen Abwehrraketen entgegenfliegen, um sie noch in der Luft zur Explosion zu bringen. Anwohner beschreiben die nächtlichen Abwehrschlachten mit Begriffen wie »Star Wars« und »Alien Invasion«.

»Iron Dome« heißt das Abwehrsystem, das die israelischen Streitkräfte (IDF) seit fast genau zehn Jahren einsetzen, um das Land vor Raketenangriffen aus Gaza zu schützen. Die »Eisenkuppel« (auf Hebräisch Kipat barzel) hat seit dem ersten Einsatz im April 2011 angeblich schon über 2500 feindliche Raketen abgefangen, die Wirksamkeit liegt dabei laut offiziellen Angaben bei rund 90 Prozent.

Nicht alle Raketen der radikalislamischen Hamas werden jedoch abgefangen, immer wieder geraten einige von ihnen doch durch den Abwehrschirm, schlagen in Wohnvierteln ein und töten Zivilisten. Am effizientesten wäre die Abwehr ohne Frage, wenn sie die Raketen schon am Boden zerstören würde, noch bevor sie starten, doch das ist schwierig, zumal sie oft aus Wohnvierteln abgefeuert werden. Erst, wenn sie in der Luft sind, kann ein Radar die Kassam-Raketen erkennen.

Eine Batterie schützt etwa 150 Quadratkilometer

»Iron Dome« ist das Produkt der Firma Rafael Advanced Defense Systems (RDS), hervorgegangen aus einer 1948 gegründeten Innovationseinheit der Streitkräfte. Seit 2006 wird das System entwickelt, die besondere Herausforderung bestand darin, auch Kurzstreckenraketen direkt nach dem Start mit einer Radareinheit zu erfassen und binnen wenigen Sekunden eine Abwehrrakete zu starten.

Eine »Iron Dome« -Batterie kann dabei eine Fläche von etwa 150 Quadratkilometern schützen, was in etwa der Größe einer mittelgroßen Stadt wie Heidelberg oder Oldenburg entspricht. Die Reichweite liegt bei 4 bis 70 Kilometer Distanz. Für die Abwehr von Mittel- und Langstreckenraketen dagegen setzt Israel andere Systeme ein, mit Namen wie »David's Sling« (Davids Steinschleuder) und »Arrow« (Pfeil).

Ursprünglich war die »Eiserne Kuppel« eher zum Schutz weniger Militäreinrichtungen oder Flughäfen vorgesehen, analysierte ein Bericht  des amerikanischen Thinktanks Rand Corporation, doch nach und nach forderten immer mehr israelische Lokalpolitiker den Schutz ihrer Gemeinden durch »Eisendom«-Batterien.

Jede Rakete kostet 50.000 Euro

Zehn »Eiserne Kuppeln« sind heute im Einsatz und schützen damit einen beträchtlichen Teil von Israel. Die Radareinheit detektiert die Raketen kurz nach dem Start, die Kommandozentrale berechnet daraufhin, ob die Rakete eine Gefahr bedeutet oder ob sie in einem unbewohnten Gebiet explodieren dürfte. In diesem Fall lohnt es sich nicht, sie abzufangen.

Dahinter stecken auch ökonomische Überlegungen: Jede Abfangrakete der Marke »Tamir« kostet wohl rund 50.000 Euro. Eine handgemachte Kassam-Rakete aus dem Gazastreifen dagegen kostet schätzungsweise weit unter 1000 Euro, das wäre weniger als ein Fünfzigstel. Rein ökonomisch haben die Angreifer also einen riesigen Vorteil. Dabei gilt »Iron Dome« als eines der preisgünstigsten Raketenabwehrsysteme, eine US-amerikanische »Patriot«-Rakete kostet schätzungsweise teils über eine Million Euro.

»Iron Dome«-Abfangmanöver über Ashkelon (2018)

»Iron Dome«-Abfangmanöver über Ashkelon (2018)

Foto: GIL COHEN-MAGEN/ AFP

Ob die Wirksamkeit von »Iron Dome« wirklich bei einer Abfangrate von 90 Prozent liegt, konnte bislang nicht durch unabhängige Zahlen nachgewiesen werden, kritisieren renommierte Experten wie etwa Theodore Postol, emeritierter Professor für Wissenschaft, Technik und Internationale Sicherheit am MIT bei Boston, der auch in dem oben genannten Bericht zitiert wird. Postol schätzte die Abfangrate 2014 eher auf unter 15 Prozent ein und schreibt auf SPIEGEL-Anfrage, dass das System bis heute nicht wesentlich zuverlässiger funktioniere.

Eine besondere Herausforderung bestehe darin, dass die Abwehrraketen am besten funktionieren, wenn sie frontal auf die angreifenden Raketen treffen, Treffer von der Seite oder von hinten dagegen seien deutlich weniger effektiv, so Postol. Möglicherweise erklären sich so auch die oft komplexen Schleifen, welche die Abwehrraketen am Himmel ziehen. Eine Anfrage an die Herstellerfirma RDS blieb zunächst unbeantwortet.

Export in die USA

Für die israelische Bevölkerung macht »Iron Dome« einen großen Unterschied, allein schon, weil die mobilen Radarstationen das Frühwarnsystem für den Zivilschutz verbessern und Anwohner früher gewarnt werden, um in einen Luftschutzraum zu rennen, falls ihr Wohnviertel unter Beschuss gerät. Den RDS-Ingenieuren sei es zu verdanken, so der israelische Verteidigungsminister Benny Gantz, »dass die israelische Bevölkerung nachts in Ruhe schlafen kann«.

Auch die israelische Militärführung wird durch den Abwehrschirm entlastet und bekommt mehr Handlungsspielraum, vermuten Militäranalysten. Der Erfolg von »Iron Dome« habe in der israelischen Bevölkerung möglicherweise die Unterstützung für den Einsatz von IDF-Bodentruppen im Gazastreifen sinken lassen (was einige Kritiker problematisch finden).

Mittlerweile wird die »Eisenkuppel« auch exportiert, so haben unter anderem die US-Streitkräfte kürzlich zwei »Iron Dome«-Batterien gekauft.

»Iron Dome« in der Nähe von Ashdod (März 2012)

»Iron Dome« in der Nähe von Ashdod (März 2012)

Foto: NIR ELIAS / REUTERS

»Iron Dome« wird ständig weiterentwickelt, oft einfach durch neue Software-Versionen. Mittlerweile schützt das System laut Herstellerangaben nicht nur vor Kurzstreckenraketen, sondern auch vor Drohnenangriffen, Kleinflugzeugen, Hubschraubern und Mörsergeschossen.

Doch auch die Angreifer passen ihre Strategie ständig an. Während früher eher vereinzelte Raketen, die oft in Heimarbeit zusammengebastelt werden, teils mit alten Rohren und Dünger, aus dem Gazastreifen abgefeuert wurden, setzt die Hamas derzeit auf heftige Salven mit teils Hunderten von Raketen innerhalb einer Minute, schreibt  die »Jerusalem Post«. Möglicherweise testen die Angreifer damit aus, ab welchem Punkt ein Übersättigungsangriff die Abwehr überwältigen kann.

Zig Raketen gleichzeitig fliegen aus dem nördlichen Gazastreifen Richtung Israel

Zig Raketen gleichzeitig fliegen aus dem nördlichen Gazastreifen Richtung Israel

Foto: ANAS BABA / AFP

Eine »Iron Dome«-Batterie kann nicht unbegrenzt viele Angreifer gleichzeitig tracken und abfangen. Viele Abwehrbatterien verfügen über drei Abschusssysteme mit jeweils 20 »Tamir«-Abwehrraketen. Einige Experten hoffen daher mittelfristig auf die Entwicklung eines Abwehrsystems, das nicht Raketen, sondern hochenergetische Laser einsetzt.

Derzeit scheint die Hamas systematisch auf eine Eskalation zu setzen, mit immer mehr gleichzeitig abgefeuerten Raketen, welche irgendwann die »Eiserne Kuppel« überlasten könnten. Wenn das passieren sollte, wären die Folgen kaum kalkulierbar.

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