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ENERGIE Jackpot unterm Meeresgrund

Chevron gelang der größte Ölfund im Golf von Mexiko seit Jahrzehnten. Mit neuer Bohrtechnik stoßen die Ingenieure in bislang unerreichbare Tiefen vor.
aus DER SPIEGEL 37/2006

Angenehm ging es zu im Eozän. Warm und feucht war die Erde, dicht und üppig die Wälder. Vor etwa 40 Millionen Jahren spross die erste Rose, in den Meeren schwammen die ersten Wale und labten sich am Fischreichtum.

Von dem damaligen Paradies profitieren die Menschen noch heute.

So verkündete der Erdölkonzern Chevron vorige Woche, auf einen großen Schatz aus dem Eozän gestoßen zu sein. Bis zu 15 Milliarden Barrel Öl und Gas habe man gefunden - trifft das zu, haben sich die US-Reserven auf einen Schlag um 50 Prozent vergrößert.

Viele Analysten waren verzückt, der Chevron-Kurs ging in die Höhe - und der Ölpreis nach unten. »Das sind tolle News für den Konzern, die Industrie und die Nation«, jubelte ein Banker von Oppenheimer & Co über diesen »Jackpot«.

Selbst Geologen, von Natur aus nüchterne Wissenschaftler, versetzte der Fund in Wallung. »Das wäre schon ein spektakulärer Treffer«, kommentiert Günter Pusch von der Technischen Universität Clausthal. »In der heutigen Zeit haben Entdeckungen dieser Dimension großen Seltenheitswert.« Manche seiner amerikanischen Kollegen vergleichen den Fund bereits mit jenem von 1968 in der Prudhoe Bay vor Alaska - dem größten Ölschatz, der je in den USA entdeckt wurde.

Noch aus einem anderen Grund ist der Fund etwas ganz Besonderes. Die Ölquelle, genannt Jack #2, befindet sich gut 400 Kilometer südwestlich von New Orleans. Sie liegt eine Etage tiefer als alle anderen Quellen, die derzeit im Golf von Mexiko ausgepumpt werden.

Das Meer dort ist über 2000 Meter tief, die öltragende Schicht liegt sogar weitere 6000 Meter tiefer im Sediment. Das ist Rekord für den Golf von Mexiko südlich der Vereinigten Staaten. Und die Messdaten sprechen dafür, dass es sich nicht um eine einzige Lagerstätte handelt, sondern um einen 400 Kilometer langen Streifen porösen Sandsteins, in dessen Innerem die Energie aus dem Eozän schwappt.

»Das ist bereits der achte Fund in dieser Region«, sagt Robert Esser von Cambrigde Energy Research Associates. Ein paar Tage vor Chevron meldete BP, ihre Bohrer durch eine fast 250 Meter mächtige Ölschicht westlich von Jack #2 getrieben zu haben. Das wäre die zweitgrößte Schicht, die jemals im Golf von Mexiko entdeckt wurde. Wie an einer Perlenkette liegen die acht Volltreffer (siehe Karte).

Derzeit balgen sich die Ölmultis um Förderlizenzen in dieser Region. Der Chevron-Fund dürfte das Gezerre noch verstärken. Als erstes Unternehmen hat Chevron nämlich in diesem Jahr nicht nur eine einfache Probebohrung zur Analyse des Gesteins gemacht, sondern dort die Förderbarkeit untersucht. »Das ist ein Riesenunterschied«, sagt Hilmar Rempel von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe.

Denn Öl steckt nicht, wie landläufig gedacht, in einer Art Gesteinsblase und schießt an die Erdoberfläche, wenn der Bohrer diese anpikst. »Öl befindet sich in Hohlräumen im Gestein«, so Rempel. Wenn das Öl nicht gut durch das Gestein kriechen kann, dann lässt es sich nur mühsam oder gar nicht anzapfen.

Mit seismischen Untersuchungen kann diese Eigenschaft des Gesteins schwer im Vorhinein getestet werden. Eine Probeförderung bringt häufig Überraschungen: Das Öl tröpfelt nur mühsam aus dem Loch. Nicht so bei Jack #2, wo nach dem Anstechen täglich 6000 Barrel aus der Lagerstätte flossen.

Noch vor zehn Jahren wäre eine derart tiefe Bohrung technisch gar nicht möglich gewesen. Erst der Bau spezieller Tiefbohrschiffe erlaubt einen Vorstoß bis in 10 000 Meter Tiefe. Für Chevron erledigte das »Cajun Express«, eine Bohrplattform des Öltechnik-Dienstleisters Transocean.

Metergenau hält die Plattform die Position über dem Bohrloch. Wind und Wellen gleicht sie mit vier Schiffsschrauben aus, die unter den schwimmenden Trägern der Plattform sitzen. Sie können sich um 360 Grad drehen und tarieren das Schwimmgefährt aus. »Und das auch noch bei Windgeschwindigkeiten von 130 Stundenkilometern«, sagt Transocean-Manager Guy Cantwell.

Mehr als eine halbe Milliarde Dollar kostete die »Cajun Express«, als sie im Jahre 2000 in Singapur vom Stapel lief. Und pro Tag muss Chevron für deren Dienste wohl mehrere hunderttausend Dollar zahlen. Deshalb hätte Chevron noch vor drei Jahren gar keine solche Probeförderung vorgenommen: Damals lag der Ölpreis unter 30 Dollar pro Barrel; erst bei einem Preis von 40 Dollar rechnet sich die Förderung.

Ölforscher Pusch erwartet für die Zukunft einen wahren Tiefenrausch: »Der Ölpreis von derzeit 70 Dollar wird dazu führen, dass die Konzerne noch andere tiefe Lagerstätten anbohren.«

An der Gesamtmisere, dem versiegenden Treibstoff der mobilen Industriegesellschaft, dürften auch die neue Funde nichts ändern. »Den neuen Chevron-Fund«, sagt Pusch, »wird die Menschheit innerhalb von einem halben Jahr verbrennen.« GERALD TRAUFETTER

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