Zur Ausgabe
Artikel 94 / 132
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

EXPEDITIONEN Jäger des faulen Fleisches

War die spektakulär inszenierte Bergung des sibirischen Eisblock-Mammuts ein Flop? Von dem eingefrorenen Urzeittier sind womöglich nur Fellreste übrig geblieben - aber weit besser erhaltene Zottelriesen liegen noch im Tundraboden.
aus DER SPIEGEL 50/1999

Der teuerste Eisklotz der Welt steht jenseits des Polarkreises im Norden von Sibirien. Er liegt unter einer grünen Plane am Rande des Flughafens von Chatanga, einem Nest voller Wodka, Glühbirnen und Depressionen. Hier hat die Silvesternacht schon lange begonnen. Die Sonne geht erst im März 2000 wieder auf.

Im Schein der Funzeln sieht der Klotz mit den Maßen von circa 3 mal 3 mal 2,5 Meter nicht aufregend aus. Mehr als Staub, Erde, Eis und etwas Haar ist nicht zu sehen. Und doch hat dieser gefrorene Quader inmitten sibirischer Eislandschaft einen Wert von mindestens zwei Millionen Dollar. So viel hat es gekostet, den Klotz in einmonatiger Schwerstarbeit aus der flachen Tundra zu schneiden, ihn an den weltstärksten Hubschrauber zu hängen und im letzten Oktober 240 Kilometer weit nach Chatanga zu fliegen.

Im Inneren dieses Klotzes, so behauptete Bernard Buigues, der französische Initiator der sonderbaren Expedition, steckt etwas ganz Besonderes: ein fast unversehrtes Mammut. Das Tier aus der Vorzeit sei männlich, mit 47 Jahren gestorben und trotz seines Alters von nunmehr 20 380 Jahren spektakulär gut erhalten - es liege im Eis mitsamt Haut und Haaren, auch »innere Organe und vielleicht sogar der Mageninhalt« seien vorhanden. Ab April soll es aufgetaut werden im eigens konstruierten Mammut-Labor in einer Eishöhle.

Die Zellen dieses Tieres, so posaunten Forscher aus dem Team von Buigues, seien so gut in Schuss, dass das Mammut demnächst sogar geklont werden könne.

Die Weltpresse war begeistert. »Erstes intaktes Mammut ausgegraben nach 20 000 Jahren im Eis-Grab«, titelte die »Daily Mail«; »Wissenschaftler spielen Jurassic Park mit Mammuts«, gemahnte »The Christian Science Monitor«; »20 000-jähriges Woll-Mammut soll geklont werden«, notierte die »Washington Post«. »Bild« bejubelte die »Wiedergeburt der Mammuts«.

Alle haben sich zu früh gefreut. Der Mammut-Mania folgt der Katzenjammer. Der millionenteure Klotz am Rande des Flughafens von Chatanga besteht womöglich aus nichts weiter als Wasser und Dreck und etwas Mammuthaar. Ganz sicher enthält er kein komplettes Mammut, wie Buigues oft beteuert hatte. Und ebenso sicher ist dieser Fund nicht der Beginn eines neuen Mammutgeschlechts, das nun herbeigeklont wird. Wie viel Mammut auch immer in Buigues'' Eisklotz steckt - der Fund ist bestenfalls drittklassig.

Die absurde Geschichte nahm ihren Beginn 1997. Angehörige der Dolganen, Ureinwohner der sibirischen Halbinsel Taimyr, fuhren mit dem Schlitten an einem seltsamen Gebilde vorbei, das aus dem Boden ragte. »Ich knallte mit der Peitsche drauf und merkte, dass es Mammut-Stoßzähne sind«, sagt der fast 100-jährige Finder, Alexej Scharkow. Er lud die Stoßzähne auf und suchte einen Käufer.

Später hörte Bernard Buigues in der Sauna von Chatanga von dem Fund. Buigues kommt seit fast zehn Jahren immer wieder nach Chatanga und bewohnt dort sogar ein eigenes Häuschen, eine fast gänzlich eingeschneite Holzhütte. Im Hauptberuf hat Buigues weder etwas mit Mammuts noch mit Wissenschaft zu tun. Er ist Abenteurer und Reisever-

anstalter; wohlhabende Extremtouristen schleppt er bis in die Arktis und amüsiert sie dort mit Späßen wie »Fallschirmspringen am Nordpol«.

Buigues ertauschte die Stoßzähne gegen zwei Motorschlitten, einen Bootsmotor, Kraftstoff und einige Nahrungsmittel. Er ließ sich die Fundstelle zeigen und heuerte einen schwedischen Geologen an, der mit einem Bodenradar über die Stelle fuhr und dort »eine Anomalie« fand - ein Mammut in bestem Zustand, wie Buigues spekulierte.

Zwei Ideen kamen Buigues daraufhin in den Sinn: Er wollte dieses Mammut ausgraben und sodann in einer Eishöhle von Chatanga hinter Glas ausstellen. Der gottverlassene Ort mit nur einem Hotel (Name: »Hinter dem Polarkreis") könnte rasch, da war sich Buigues sicher, zum Mammutmekka der Touristen werden. »Für 2000 bis 3000 Dollar«, versprach Buigues, »können wir den Besuchern einen 15-Tage-Trip versprechen, den sie nie vergessen werden.«

Für das notwendige Geld sorgte er, indem er die Filmrechte an dem Buddel-Unternehmen an den amerikanischen TV-Sender Discovery Channel verkaufte, der sich auf Natur-Dokumentationen spezialisiert hat. Buigues nahm den US-Amerikaner Larry Agenbroad mit ins Boot, einen Geologen und Mammutforscher von der Northern Arizona University. Aus Holland gewann er Dick Mol, 44. Der ist im Hauptberuf Zöllner am Flughafen Schiphol, genießt aber unter Mammutkennern einen Ruf als engagierter und gut informierter Amateur-Forscher. Sie alle buddelten im August frohgemut auf Taimyr nach dem Mammut, unterstützt vom landesüblichen Wodka und einigen dutzend russischen Arbeitern.

Mit dabei war auch Alexej Tichonow, Forscher aus St. Petersburg und Sekretär des Mammutkomitees der russischen Akademie der Wissenschaften. 15 Jahre Erfahrung hat Tichonow mit den Vorzeitriesen. Eine Woche lang blieb er in der Tundra bei Buigues, dann reichte es ihm. »Buigues betreibt eine große Show«, sagt er. In dem nunmehr weltberühmten Eisblock, glaubt Tichonow, kann kein Mammut stecken, der sei viel zu klein für einen ausgewachsenen Bullen.

Der untere Teil des Quaders bestehe aus reinem, hartem Eis. Nur im Oberen könnten tatsächlich Mammut-Teile versteckt sein, aber wenig spektakuläre: ein paar Fellreste, abgelöst von der Haut. Vollends aus der Haut fährt Tichonow, wenn er auf die Klonpläne zu sprechen kommt: »Wir haben schon viel besser erhaltene Exemplare aus dem Permafrost ausgegraben. Zu klonen war da nix.«

In Chatanga selbst glaubt offenbar auch kaum jemand daran, dass Buigues ein ganzes Mammut gefunden habe. Wladimir Eisner war der Dolmetscher des Teams. »Ist doch logisch«, sagt der Deutschstämmige, »dass wir kein ganzes Mammut gefunden haben, wenn man bedenkt, wie viele Knochenteile bereits ausgegraben waren, als wir da ankamen.« An der Oberfläche befanden sich nicht nur die Stoßzähne und der skelettierte Kopf, sondern auch ein Halswirbel, eine Rippe und ein Becken, jedes Teil »sehr sauber, ohne Fleisch« (Tichonow).

Als sie noch am Graben waren, bei etwa vier Metern Tiefe, so sagt Eisner, da habe Buigues ihn angestoßen: »Wladimir, ich habe mich getäuscht. Es gibt womöglich kein komplettes Mammut darin. Aber eines Tages werde ich das ganze Mammut auf Taimyr doch noch finden.«

Daran besteht kaum Zweifel, denn Mammuts sind auch Jahrtausende nach ihrem Aussterben keineswegs selten. Skelette wurden in Europa, Afrika, Asien und Nordamerika gefunden, im Zentrum von Los Angeles wie auf dem Boden der Nordsee. Das größte bekannte Exemplar der letzten Eiszeit hat 1975 der damals 16-jährige Schüler Raymond von Bredow beim bayerischen Siegsdorf entdeckt: Es war 3,40 Meter hoch.

Besonders in Sibirien herrscht kein Mangel an gefrorenen Mammuts. Jedes Jahr tauchen einige von ihnen auf im Eis, häufig werden sie gefunden von Minenarbeitern oder von Nomaden. Jene Exemplare, die nicht gleich vom Hochwasser weggespült oder von wilden Tieren zerrissen werden, sind oft in erstaunlich gutem Zustand.

Forscher haben Mammuthaare und gewaltige Mengen Mammutkot aufgespürt, ein unverwestes Mammutbaby, Mammuthaut und Mammutfleisch. In den Kadavern haben sie noch Blut gefunden, Gehirne und innere Organe. In einem Mammutmagen entdeckten sie 291 Kilogramm Pflanzenpampe. 40 000-jährige Mammutherzen haben sie im Computertomografen untersucht und sich sogar ihre Blutkörperchen unter Elektronenmikroskopen angesehen.

Eine der denkwürdigsten Trouvaillen ist ein erigierter Penis - der dazugehörige Bulle starb mit einer Erektion von 86 Zentimetern Länge, der Durchmesser dieser Kleinigkeit misst 18 Zentimeter.

Mindestens ein Mann hat sich dem Mammut sogar schon kulinarisch genähert. Der Traunsteiner Raymond von Bredow, nach seinem großen Fund zum Mammutforscher emporgewachsen, hat sich in Sibirien auf dem Spiritusbrenner einen Mammutbissen gegrillt. Er verspeiste das Steak aus der Urzeit ohne Genuss: »Es schmeckte wie Filzpantoffeln in Ammoniak.«

Wie soll Buigues mit solchen Geschichten und Funden konkurrieren? Russische Mammutforscher gaben ihm schon früh keine Chance auf einen guten Fund. Sie wissen: Weitgehend konservierte Tiere waren bisher entweder älter als 30 000 Jahre oder jünger als 13 000 Jahre. Die Funde dazwischen sind fast alle skelettiert - Buigues'' Mammut fällt genau in die kritische Zeit. Wenn der Franzose aber kein vollständiges Tier zu Tage gefördert hat, sagt Bredow, dann ist sein Fund nur ein »oller Kadaver«.

Buigues hat eine mögliche Niederlage offenbar geahnt. Vor der Bergung habe er in der Tundra panisch bessere Mammut-Kadaver gesucht, sagt der St. Petersburger Tichonow, der ihn bei den Hubschrauberflügen begleitete. »Wir haben aber nichts Interessantes gefunden. Buigues steckte in einer ausweglosen Situation. Es waren feste Termine für die Grabungsaktion vereinbart, er musste das Programm erfüllen.«

Buigues musste vor allem die Kameras füttern. Planvoll gestaltete er die Ausgrabung zum Spektakel. Der Grabungshelfer Fjodor Koslow, 50, bekam bei gutem Wetter Sand und Schnee vom Regisseur ins Gesicht geschleudert, »damit die Arbeit während eines Schneesturms authentischer aussieht«.

Nicht nur auf Action, auch auf das Mammut wollte Buigues nicht verzichten. Die bereits vor Jahren geborgenen Stoßzähne des Urviechs, jeder immerhin 45 Kilogramm schwer und über zwei Meter lang, beschloss er in den Eisblock zu stecken, bevor dieser vom Hubschrauber abgeholt würde. Der Block mit ungewissem Inhalt würde dann wenigstens aussehen, als ob er ein veritables Mammut enthielte.

Der filmbegeisterte Fjodor Koslow bekam von Buigues den Auftrag, die Stoßzähne im Eis zu befestigen. »In drei Stunden war ich fertig.« Koslow hätte aus Eis und Dreck gern noch einen Mammutkopf geformt, damit der Klotz am Hubschrauber noch mehr nach Mammut aussieht, doch dafür »war leider keine Zeit«.

Es hat auch so gereicht. Fotos mit dem Stoßzahn-Eisklotz am Hubschrauber waren weltweit zu sehen. Journalisten rissen sich um den Mammutentdecker.

Populär wurde die Geschichte wegen der Idee, das Mammut wieder zum Leben zu erwecken. Mit dem alten Sperma des toten Bullen, schwärmte Larry Agenbroad, solle versucht werden, eine Elefantenkuh zu schwängern. Das Klonen begeisterte ihn noch mehr. Während Geologe Agenbroad forderte, »lieber mal ein Mammut zu klonen als noch so ein blödes Schaf«, meldete Buigues tierschützerische Bedenken an: »Ich möchte nicht, dass die geklonten Mammuts im Zoo zur Schau gestellt werden. Sie werden dadurch gequält.«

Diese Furcht ist gänzlich unbegründet. Geradezu abwegig war der Gedanke, Klon-Mammuts auf Erden anzusiedeln. Niemals könnte eine Elefantenkuh ein geklontes Mammut austragen. Beide Tierarten teilten sich vor etwa fünf Millionen Jahren einen gemeinsamen Vorfahren - ähnlich wie Menschen und Schimpansen. Eine Elefantenkuh als Leihmutter zu benutzen, erläutert Alex Greenwood, Molekularbiologe beim American Museum of Natural History in New York, sei so vielversprechend, wie einer Schimpansin ein Menschenbaby einzupflanzen.

Greenwood hat alte Mammut-DNS untersucht aus den Zähnen eines Tieres, das vor 14 000 Jahren in Alaska starb. Studien betrieb er auch an der Erbsubstanz sibirischer Zottelriesen. Seine Proben waren immerhin noch frisch genug, um »wie verfaultes Fleisch« zu stinken.

Doch die Erbgutstudien fielen ernüchternd aus. »Die DNS hat furchtbar gelitten«, sagt Greenwood. »Man kann winzige Stückchen DNS isolieren, aber nicht den gesamten Bauplan erstellen. Bis zum Klonen eines ganzen Tieres ist es ein sehr weiter Weg.«

Wie weit, das verdeutlicht Adrian Lister, Mammutexperte vom University College in London. »Um ein Mammut zu klonen, bräuchte man hunderte Genetiker, Milliarden Dollar und viele Jahrzehnte konzentrierter Arbeit.«

In Buigues'' Polarresidenz ist die Luft wie in dieser Region üblich völlig überheizt. Buigues lebt in Chatanga inmitten von ausgestopften Tieren und Fellen, neben dem Esstisch liegt ein Haufen Mammutknochen. Buigues trinkt Wodka ("das ist mein Lieblingsgetränk hier"), und Wodka macht den Abenteurer gesprächig.

»Ich habe ja nie gesagt, dass da ein ganzes Tier drin sei«, beteuert Buigues. »Ich habe einfach nie der Medienberichterstattung widersprochen. Ich habe mehr Aufsehen für mein Projekt gebraucht. Jetzt, wo ich bekannt geworden bin, hoffe ich es leichter mit Bankkrediten zu haben. Und dank der weltweiten Werbung werden jetzt viele Touristen kommen.« Warum die Inszenierung mit den fliegenden Stoßzähnen unter dem Hubschrauber? »Ich wollte«, sagt Buigues, »den Menschen einen Traum schenken.«

Für die Zukunft hat Buigues noch viel vor. Er will mehr Mammuts enteisen. Dann will er eine Antonow An-124 mieten, das größte Serienflugzeug der Welt, sie vollstopfen mit allerhand Mammut on the Rocks und die Tiefkühl-Knochen dann auf Erden herumfliegen - von Stadt zu Stadt, Land zu Land, im ersten fliegenden Mammutmuseum der Welt. MARCO EVERS, MAKSIM KORSCHOW, ANNA SADOWNIKOWA

* In der Ausstellung »Tiere der Eiszeit kehren zurück« in BadDürrheim.

Maksim Korschow, Anna Sadownikowa
Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 94 / 132
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.