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ANTHROPOLOGIE Kabale um die Knochen

Befindet sich der Ursprung des Menschen am Horn von Afrika? Wann begannen Hominiden mit dem aufrechten Gang? Behindert wird die Klärung all dieser Rätselfragen derzeit durch einen Krieg der Forscher: Mit allen Mitteln kämpfen die Fossiliensucher um die Lizenz zum Graben.
aus DER SPIEGEL 32/2001

Trockenheiße Stürme wirbeln gräulich gelben Staub durch die Luft. Nur wenige Dornensträucher widerstehen bei über 40 Grad der sengenden Sonne. Entlang schmaler Flussläufe drängt sich der letzte Rest an Vegetation.

Diese trostlose Steinwüste beherbergte einst die Wiege der Menschheit: Im Mittleren Awash rund 200 Kilometer nordöstlich der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba, wo vor sechs Millionen Jahren die ersten menschenartigen Wesen auf zwei Beinen durch üppige Wälder gelaufen sein sollen, herrschen heute Hitze und Dürre. Verfeindete muslimische Clans kämpfen um Weideflächen und Wasser.

Nun tobt in der Gegend noch ein anderer Kleinkrieg: der um die versteinerten Überreste aus den ersten Tagen der Hominiden.

Auf der Suche nach dem Adam der Anthropologie streiten sich zwei Forschergruppen erbittert um Grabungsrechte. »Eine unappetitliche Auseinandersetzung um Ruhm und Erfolg«, schimpft der deutsche Paläontologe Friedemann Schrenk.

Einer der Kontrahenten ist ein Star der Paläoanthropologie: Professor Tim White von der University of California in Berkeley. Er wirft sich für seinen äthiopischen Doktoranden Yohannes Haile-Selassie (nicht verwandt mit dem gleichnamigen ehemaligen Kaiser) in die Schlacht. Bis vor kurzem besaß das White-Team noch die exklusive Grabungslizenz in der Awash-Region.

Doch dann erschien ein Emporkömmling auf der Bühne: der Wiener Professor für Humanbiologie Horst Seidler, der seine Reputation besonders der Erforschung des Gletschermanns Ötzi verdankt.

Das Schlachtfeld ist rund hundert Quadratkilometer groß, liegt im Herzen der Awash-Region und beherbergt »die derzeit wohl vielversprechendste Fundgrube hominider Fossilien im östlichen Afrika«, sagt Seidler, der kürzlich eine mehrjährige Grabungslizenz für das Gebiet ergattert hat.

Gesteinsschichten aus der Zeit vor drei bis über vier Millionen Jahren treten dort vielerorts an die Erdoberfläche. Jedes Jahr in der Regenzeit legen Sturzbäche die in Vulkangestein konservierten Fossilien frei. Überall liegen dann Knochen von primitiven Elefanten oder Nilpferden und versteinerte Pflanzen herum. »Man braucht sich nur zu bücken und bekommt einen Eindruck von der Lebenswelt des frühen Menschen«, schwärmt Seidler. »Das ist spannend wie ein Kriminalroman.«

An einen Krimi erinnert auch das Gerangel der Gelehrten. Weil White-Protegé Haile-Selassie auf dem steinigen Areal bereits vor Seidler geforscht hat, hält er seinen Rivalen aus Wien für einen »Eindringling« und pocht auf seine alleinige Lizenz zum Graben.

Die Auseinandersetzung reiht sich ein in eine lange Tradition heftiger Interessenkollisionen unter den hemdsärmeligen Knochenjägern. »Konfliktstoff sind nicht nur Ruhm und Ehre für die Forscher, sondern immer häufiger auch Prestige und Devisen für ihre meist unterentwickelten Gastgeberländer«, erklärt der Wissenschaftshistoriker Robert Proctor, Professor an der Pennsylvania State University.

Zum Schaden der Wissenschaft: Der Kampf Haile-Selassie gegen Seidler behindert momentan die Forschung an einer der bedeutendsten Grabungsstätten der Welt. Das Kräftemessen hat die wissenschaftlichen Zirkel längst verlassen und findet nun auf staatlicher Ebene statt. Auf dem vorläufigen Höhepunkt der Querelen wurden bereits Kalaschnikows entsichert.

Die herausragende Bedeutung der Awash-Region konnte die Fachwelt erst vor kurzem einmal mehr bestaunen. Berkeley-Forscher Haile-Selassie veröffentlichte im Wissenschaftsmagazin »Nature« die spektakuläre Entdeckung von elf Knochenteilen, die zu einem Vorfahren des heutigen Menschen, dem Ardipithecus ramidus, gehören sollen (siehe Grafik Seite 152). Die vorzeitlichen Gebeine steckten inmitten vulkanischer Asche, deren Alter sich auf 5,2 bis 5,8 Millionen Jahre bestimmen ließ. »Der erste Beweis für die Existenz von Hominiden zu einem so frühen Zeitpunkt«, jubelte Haile-Selassie.

Der Zufallsfund gelang ihm bereits im Dezember 1997: »Ich war gerade fünf Minuten vor Ort, als ich das erste Stück des Kieferknochens auf dem steinigen Boden liegen sah«, erinnert sich Haile-Selassie. Erst im Analyselabor dämmerte ihm, dass er womöglich die Entdeckung seines Lebens gemacht hatte.

Der untere Eckzahn und der obere Backenzahn zeigten einige Charakteristika, die nur in den Zähnen von Hominiden (wie die Vorläufer des heutigen Menschen genannt werden) auftreten. Typische Ausformungen an einem 2,5 Zentimeter langen Zehenknochen des Ardipithecus lassen »mit ziemlicher Sicherheit«, so Tim White, nur den Schluss zu: Der affenähnliche Urahn lief »zumindest einen Teil seiner Zeit auf zwei Beinen«.

Der Knochenkrieg jedoch überschattet die Freude der Fachwelt über den Sensationsfund. Seine Publikation in »Nature« garnierte Haile-Selassie mit einem geharnischten Leserbrief, in dem er den Österreicher Seidler frontal angriff: »Er besetzt meine Grabungsstelle.« Intern wirft Haile-Selassie seinem Konkurrenten aus Österreich vor, dieser habe »viel weniger Erfahrung als ich«. Das Auftreten des Seidler-Teams hält er für eines der »schlimmsten Beispiele neokolonialistischen Verhaltens«.

Haile-Selassie weiß um die hervorragende Qualität des Areals nahe des Flusses Mulu. Bei seinem ersten Abstecher dorthin erspähte er prompt drei Hominiden-Zähne, alle über drei Millionen Jahre alt. Doch bei seiner Rückkehr ein Jahr später musste der Forscher feststellen, dass ihm Seidler zuvorgekommen war: »Seine Zelte standen keine 200 Meter von der Stelle, wo ich die Zähne entdeckt hatte.«

Am 21. Februar vergangenen Jahres kam es zur Konfrontation. Auf einer Anhöhe unweit des Seidler-Camps parkte Haile-Selassie seinen Wagen, griff zur Videokamera und dokumentierte das nach seiner Meinung »illegale und unethische« Geschehen aus der Distanz. Seidlers äthiopische Wachen erblickten den heimlichen Beobachter und wurden ziemlich nervös.

»In diesem Gebiet herrschen blutige Stammeskämpfe. Unbekannte Personen gelten als große Gefahr«, sagt Seidler. Seine mit Kalaschnikows bewaffneten Wachen waren schon in Stellung gegangen, als sich die beiden Vormenschenforscher doch noch erkannten. Einige Tage später trafen sich die Streithähne zu Friedensverhandlungen im Gebäude der »Ethiopian Authority for Research and Conservation of Cultural Heritage« (ARCCH) in Addis Abeba, die für Grabungslizenzen verantwortlich ist.

Ohne Erfolg: Beide Forscher behaupten, mit einer gültigen Erlaubnis gearbeitet zu haben. Über den exakten geografischen Grenzverlauf ihrer Gebiete konnten sie sich nicht einigen.

Der Ärger des Berkeley-Teams richtet sich nun auf die ARCCH: Neue gesetzliche Bestimmungen der äthiopischen Regierung hatten es Seidler erst möglich gemacht, das Grabungsrecht für das umstrittene Gebiet zu erwerben, in dem bislang allein das White-Team das Sagen hatte. »Wir wollen mehr wissenschaftlichen Wettbewerb«, begründet ARCCH-Chef Jara Haile-Mariam die Gesetzesnovelle.

Doch White und Haile-Selassie wollen die neuen Bestimmungen nicht akzeptieren. Sie werfen der ARCCH Machtmissbrauch vor, vermuten politische Einflussnahme und Bestechung - und brachten die äthiopischen Behörden gegen sich auf. Mehrere Monate lang waren alle ihre Grabungsgenehmigungen in Äthiopien suspendiert. Erst letzte Woche wurde der Platzverweis wieder aufgehoben.

Wer den Kampf um das Eldorado der Fossiliensucher für sich entscheiden wird, ist ungewiss. Der umtriebige Wiener Professor Seidler hat derzeit offenbar äthiopische Behörden und Politiker auf seiner Seite. Gern rühmt er sich seiner politischen Kontakte ("Dazu stehe ich!"). Rückendeckung erfährt er auch von seinem Hauptsponsor, dem Wiener Wissenschaftsministerium.

Denn für Österreich scheint Seidlers Fossilienjagd eine Angelegenheit von nationaler Ehre zu sein. Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer erklärte sie stolz zu einem »Forschungsprojekt, das Österreichs Ruf in alle Welt tragen kann und auch wird«. Seidler sekundierte seiner Ministerin: »Jeder möchte dort graben, und das kleine Österreich hat es gegen beinharte internationale Konkurrenz geschafft.«

Die Anthropologen-Szene beobachtet die Kabale um die Knochen von Awash mit wachsendem Unmut. »In Wahrheit tragen wir unsere eigenen Probleme in Afrika aus. Das ist in hohem Maße unfair für die Länder«, meint der Frankfurter Paläoanthropologe Friedemann Schrenk und fordert, »verbindliche Regeln« über die Vergabe von Grabungslizenzen aufzustellen.

Bislang war noch jeder spektakuläre Fossilienfund von Querelen begleitet: Krankhafter Ehrgeiz, Missgunst und gekränkte Eitelkeit steigerten sich in wüste Beschimpfungen, juristische Auseinandersetzungen oder ganze Staatsaffären.

Schon 1974 zerriss die Entdeckung der 3,2 Millionen Jahre alten »Lucy«, dem da-

mals ältesten hominiden Fossil, die Forscherfreundschaft ihrer Entdecker Don Johanson und Jon Kalb - der als Nachwirkung des Streits unter dem Vorwand, für die CIA spioniert zu haben, aus Äthiopien ausgewiesen wurde. In seinen vor wenigen Monaten veröffentlichten Memoiren holt Kalb zum persönlichen Tiefschlag gegen seinen alten Freund Johanson aus: Er charakterisiert ihn wenig charmant als verschlagenen, mediengeilen Opportunisten. Am Abend nach der Graberei sei er grundsätzlich »stoned« gewesen. Die Entbehrung der Feldarbeit habe er nach Feierabend »mit Prostituierten« kompensiert.

Die Wurzeln der Knochenkriege liegen unter anderem in der miserablen wirtschaftlichen Lage der Gastgeberländer begründet. Für Staaten wie Kenia und Äthiopien sind westliche Paläoanthropologen mit ihren Forschungsetats eine bedeutende Einnahmequelle. Entsprechend groß ist das Interesse, möglichst viele Teams ins Land zu holen. Und den Forschern folgen die Touristen. »Spektakuläre Funde locken immer mehr Pauschalreisende an«, erzählt Wissenschaftshistoriker Proctor.

Die Länder Ostafrikas führen zudem einen Wettstreit darum, wer tatsächlich die Wiege der Menschheit beherbergt. »Für die Machthaber eine wichtige Prestigefrage«, so der amerikanische Historiker.

Zündstoff bietet aber auch die Natur des Forschungsgegenstands. »Es gibt einfach weniger Fossilien als Paläoanthropologen«, sagt Proctor. Der Mangel an Untersuchungsobjekten spiegelt sich auch im mageren Erkenntnisstand der Paläoanthropologie wider.

Einigermaßen sicher ist nur, dass sich der gemeinsame Stammbaum von Mensch und Affe vor rund sechs Millionen Jahren getrennt hat, höchstwahrscheinlich in Ostafrika. Wesensmerkmal der menschlichen Vorfahren war ihr aufrechter Gang. Der Grund dafür, sich auf die Hinterbeine zu stellen, könnte im allmählichen Klimawandel und Rückgang des Baumbestands am Horn von Afrika liegen.

Welchen Weg die Evolution in der Folgezeit eingeschlagen hat, ist erst bruchstückhaft rekonstruiert. »Wir haben nur Fossilienreste, die über hundert Generationen auseinander liegen«, erklärt Proctor. Je näher die Forscher in die magische Zeit vor sechs Millionen Jahren vordringen, desto weniger Knochenfunde haben sie, um die konkurrierenden Theorien zu untermauern.

Vereinzelte Entdeckungen lassen sich nur schwer in eine historische Entwicklung einfügen. »Jeder Forscher ist geneigt, seinen Hominidenfund schon aus Gründen der Eitelkeit zu einer neuen Unterart zu erklären«, sagt Proctor.

Die Folge: Der menschliche Stammbaum gleicht einem dichten Urwaldgestrüpp, über das sich vortrefflich streiten lässt. Proctor: »Mit einem spektakulären Fundstück kann ein Forscher bequem eine ganze Karriere bestreiten.« Von diesem Lebensziel ist Seidler noch etliche Spatenstiche entfernt. In seiner äthiopischen Grube ist er bislang auf einen Urzeitelefanten-Friedhof und ein »hervorragend erhaltenes« Urpavian-Skelett gestoßen.

Vom menschlichen Urahn hat er aber erst eine winzige Spur: einen drei Millionen Jahre alten Weisheitszahn.

GERALD TRAUFETTER

* Von Haile-Selassie entdeckte Knochen des Ardipithecus ramiduskadabba.

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