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Kabel und Kurven

In 318 Schlaflaboren bundesweit suchen Ärzte nach den Ursachen von Schlafstörungen. Besonders gefährdet sind Apnoe-Patienten: Wenn mehrfach in der Nacht die Atmung aussetzt, hilft oft nur eine Atemmaske.
aus SPIEGEL Wissen 4/2009

Schlafen konnte Eberhard Göbel immer prächtig. Nur die anderen wälzten sich ruhelos in den Betten. Bei Dienstreisen verlangte der Forstwirtschaftsmeister freiwillig ein Einzelzimmer am Ende des Ganges, weil er nachts mit seinem Geschnarche einen ganzen Wald absägte. Genervte Kollegen nahmen das Gebrumme irgendwann auf Tonband auf und erheiterten Betriebsfeiern damit. Es gab Menschen, erinnert sich Göbel, die waren sich sicher, einen leibhaftigen Bären auf dem Band erkannt zu haben.

Seine Frau bestand schließlich auf getrennten Betten, selbst im Nachbarzimmer war an Schlaf nicht mehr zu denken. 90 Dezibel Lärm kann ein Schnarcher verursachen, was einem vorbeidonnernden Lastwagen entspricht.

Göbel, 64, schnarcht seit 50 Jahren. Die Umwelt hat sich arrangiert, nur manchmal wird er selbst von seinem Gesäge wach. Dass er krank sein könnte, kam dem Mann nie in den Sinn. Dass ein hohes Risiko besteht, in nächster Zeit gar nicht mehr aufzuwachen, hielt er für einen Witz.

Bis zu jener Operation im Oktober 2008. Eine künstliche Hüfte wird eingesetzt. Routine, nichts Besonderes in einem modernen Krankenhaus. Doch beim Aufwachen gibt es Probleme. Die Geräte schlagen plötzlich Alarm, zeigen einen zu geringen Sauerstoffgehalt im Blut an. Man tippt auf Atemaussetzer: sogenannte Schlafapnoe.

So sitzt Eberhard Göbel wieder in einem Klinikbett und lässt mit stoischer Ruhe eine merkwürdige Prozedur über sich ergehen. Im Schlaflabor der Universitätsklinik Dresden mühen sich zwei Studenten, am Körper des Mannes 30 Kabel zu befestigen. Schlaflabore haben in Deutschland Hochkonjunktur. 318 sind anerkannt von der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, viele haben lange Wartezeiten. Immer mehr Ärzte machen sich auf die Suche nach den Ursachen für die unruhigen Nächte ihrer Patienten. Pneumologen, Internisten, Neurologen, HNO-Ärzte, Biologen, Psychologen und Physiologen. Schlafmedizin ist ein weites, interdisziplinäres Feld geworden.

Was die Patienten plagt, die in ein Schlaflabor kommen, ist selten mit wenigen Worten zu erklären. Aktuell sind den Medizinern mehr als 80 Formen von Schlafstörungen bekannt. Es gibt Menschen, die ständig von Alpträumen geplagt werden. Schlafwandler. Leute, die plötzlich in den unmöglichsten Situationen am helllichten Tag einschlafen. Die schlaftrunken durch den Tag wanken. Patienten, die über ruhelose Beine in der Nacht klagen. Manche können nicht einschlafen, andere nicht durchschlafen. Schlafstörung ist ein Massenphänomen.

Ihre Hoffnungen richten diese geplagten Menschen heutzutage auf ein kleines Hightech-Schlafzimmer, das nahezu jede größere Klinik vorhält. Darin wird akribisch erkundet, was lange Zeit tief im Innern eines Menschen versteckt und kaum messbar war. Schon Mitte der dreißiger Jahre begannen Forscher in Amerika erstmals damit, schlafende Menschen zu verkabeln und an Messgeräte anzuschließen - mit zunächst bescheidenen Ergebnissen. Heute können leistungsfähige Computer den Schlaf genauestens analysieren und bei der komplexen Auswahl einer Therapie behilflich sein. Wer sich in ein Schlaflabor legt, wird zum gläsernen Menschen.

Für Eberhard Göbel bedeutet dies zunächst Geduld. Mindestens eine Stunde. 30 Kabel wollen an die richtige Stelle. Rotgelb an die Brust, grünschwarz auf den Bauch. Da wird durch den Kragen des Pyjama gefädelt und durch das Hosenbein gezogen. Auf den Schienbeinen kleben Elektroden, die Beinhaare fallen einem Peeling zum Opfer. Mit dem Filzstift werden auf dem Kopf bunte Kreuze gemalt, wo später Elektroden halten. Kurz angegipst, wie beim Stuckateur. Gemessen wird hier nahezu alles: Sauerstoffsättigung, Herzfrequenz, Atmung, Körperlage, Beinbewegung, Augenbewegung, Bewegungen des Kinns, die Schlafphasen, der Atemfluss in der Nase.

Über den Kabelsalat auf dem Kopf zieht die Studentin eine Art Strumpf, der nur Nase und Mund frei lässt. Darauf kommt eine Atemmaske. Der gutgelaunte Forstwirtschaftsmeister Eberhard Göbel aus dem sächsischen Kurort Hartha sieht endgültig aus wie ein Alien. Die Kabel laufen hinter seinem Kopf entlang zu einem Computer, der sich ausgerechnet Alice 5 nennt. Ein Mikro am Kehlkopf lässt eine Art Kommunikation zu, der Raum wird mit einer Infrarotkamera überwacht. Schlafen wird da zum Kunststück. Normalerweise.

Göbel flimmert inzwischen auf dem Bildschirm im Überwachungsraum nebenan. Das Licht ist schon erloschen. Die Studentin gibt über Lautsprecher letzte Kommandos. Augen bewegen. Schlucken, Zähne knirschen, blinzeln, schnarchen, durch die Nase atmen. Jede dieser Bewegungen hinterlässt auf dem Schirm eine typische Kurve im Diagramm. Später, bei der Auswertung, kann der Arzt die jeweiligen Kurven besser zuordnen. »Wir wünschen Ihnen eine gute Nacht«, säuselt die angehende Medizinerin. Es ist nicht klar, ob der Alien dies noch hört. Laut Diagramm muss er sofort eingeschlafen sein.

Was die Ärzte bei Göbel vermuten, ist ein »obstruktives Schlafapnoe-Syndrom": Die Muskeln erschlaffen im Schlaf, der Rachenraum verengt sich und blockiert die Atmung. Der Betroffene merkt davon meist nichts. Es ist wie bei einem Strohhalm, der an einem Ende zusammengedrückt wird, während man am anderen Ende saugt. Der Halm klappt zusammen, nichts geht mehr. Beim Menschen sinkt beim Kollaps der Sauerstoffgehalt des Bluts erheblich, was immer wieder zu einer Weckreaktion des Körpers führt. Die Patienten haben zwar das Gefühl zu schlafen, aber es ist nur ein oberflächlicher, immer wieder unterbrochener Schlaf. Er ist wenig erholsam.

Rund 800 000 Menschen in Deutschland sind davon betroffen, vor allem Männer im mittleren Alter. Sie alle schnarchen, sind tagsüber chronisch müde und hochgradig gefährdet. Es gibt Berechnungen, die besagen, dass ein Mensch mit Schlafapnoe etwa zehn Jahre früher stirbt.

Göbels Kurven auf dem Bildschirm im Überwachungsraum schlagen aus. Die Schnarchgeräusche werden immer lauter. Die Alpha- und Deltawellen des Gehirns werden gemessen. Sie signalisieren Entspannung und Tiefschlaf. Punkt ein Uhr in der Nacht registrieren die Studenten einen enormen Stillstand bei einer Linie: Die Atmung setzt für ganze 58 Sekunden aus, der Sauerstoffgehalt - gemessen mit einem Sensor am Finger - sinkt rapide auf 83 Prozent. Ideal sind 98.

Die Ärzte im Dresdner Klinikum haben bei dem Mann bis zu 48,6 Atemaussetzer pro Stunde registriert. Im Durchschnitt dauert ein Aussetzer etwa 20 Sekunden. Eine erschreckende Rechnung. Demnach hat Göbel 16 Minuten pro Stunde nicht geatmet. Zum ersten Mal setzte die Atmung aus, da war der Patient, der von sich selbst behauptet, einen festen und gesunden Schlaf zu haben, gerade eine Viertelstunde im Bett.

Simona Langner ist Fachärztin für Innere Medizin und Chefin des interdisziplinären Schlaflabors in Dresden. Sie wertet die Kurven aus, die die Studenten über Nacht von den Patienten aufzeichnen. Sie schaut auf den Schirm und hat keine gute Prognose für den Dauerschnarcher Göbel. »Wird er nicht behandelt, besteht ein 36-prozentiges Risiko, dass er in den nächsten acht Jahren an einem Schlaganfall oder Herzinfarkt stirbt.«

Doch die Behandlung ist so eine Sache. Therapie ist möglich, Heilung dagegen selten. Bei Göbel wird, wie bei allen Apnoe-Patienten, mit einem Atemgerät experimentiert. Im Schlaf wird damit künstlich ein leichter Überdruck von 5 bis 20 Millibar erzeugt. Damit soll das Zusammenfallen der Atemwege verhindert werden, wobei auch das Schnarchen aufhört. Das Problem ist nur, dass Eberhard Göbel damit dauerhaft nachts zum Alien mutiert. Und das ein Leben lang. Denn wird die Technik abgesetzt, treten die Symptome in der Regel wieder auf.

Mitunter, so versichern Schlafmediziner, helfen aber auch schon kleine Veränderungen bei den Gewohnheiten, um einen erholsamen Schlaf zu finden. Etwa, nicht mehr auf dem Rücken zu schlafen. Die Schwerkraft begünstigt in dieser Lage die Verengung der Atemwege. Es gibt die tollsten Tipps, sich das Schlafen in Seitenlage anzugewöhnen. Der schönste ist der mit dem Tennisball. Dieser wird in eine Tasche auf dem Rücken des Schlafanzugs eingenäht. Was zumindest anfangs vor allem unbequeme Nächte versprechen dürfte, dauerhaft aber Wirkung verspricht.

Der Verzicht auf Alkohol und Zigaretten kann ebenfalls helfen. Oft gibt es auch Gewichtsprobleme. Göbel wiegt 99 Kilogramm bei einer Körpergröße von nur 1,70 Meter. Das ergibt einen Body-Mass-Index von 34. Bis 29 wäre in seiner Altersklasse normal. 34 bedeutet schon starkes Übergewicht. »Der Mann sollte wenigstens zehn Kilogramm abnehmen«, sagt Simona Langner.

Dabei ist Göbel im Dresdner Schlaflabor eher ein leichter Fall. Kürzlich haben sie hier eine zweite Waage angeschafft. Die eine ging nur bis 150 Kilogramm. Für manche Schlafpatienten inzwischen viel zu wenig.

Einigen Patienten kann auch der Chirurg helfen. Langner hat schon zu große Zungen diagnostiziert, zu lange Zäpfchen im Rachen, übergroße Mandeln oder Unterkiefer, die zu weit nach hinten standen. Alles Ursachen für Schlafstörungen mit Atemaussetzern. Und alles operierbar. Zungen werden mit Laser verkleinert, Zäpfchen gekürzt, Mandeln entfernt und Kiefer verlängert. In extremen Fällen schrecken Ärzte auch nicht vor einem Luftröhrenschnitt zurück. Dabei wird ein Tubus in die Luftröhre gesetzt, der jedes Mal vor dem Schlafengehen geöffnet und beim Aufstehen geschlossen wird.

Göbel glaubte auch, durch das Messer eine rasche Heilung zu erfahren. Er hatte als Kind einen Reitunfall. Die Nase ging unsanft zu Bruch, bis heute ist die Scheidewand krumm wie ein Fragezeichen. Doch die Kurven auf dem Bildschirm sind gnadenlos. Sicher könne man die Nase richten. Schaden werde es bestimmt nicht. Doch seine Atemaussetzer haben eindeutig andere Ursachen.

Bleibt für den Sachsen nur das Atemgerät. Die Technik ist gewöhnungsbedürftig. Oft trocknen die Schleimhäute in Nase und Rachen aus. Es gibt Patienten, die unter der Atemmaske klaustrophobische Anfälle bekommen. Es gibt Ehepartner, die das Brummen des Gerätes in der Nacht in den Wahnsinn treibt. Wobei Langner versichert, die Maschinen hätten maximal 30 Dezibel. Weit weniger Krach als ein durchschnittlicher Schnarcher produziert.

Schlafmediziner schätzen, dass durchschnittlich 70 Prozent der Patienten die vom Arzt verordneten und von der Krankenkasse finanzierten Geräte tatsächlich auch zu Hause benutzen. Die Dresdner rechnen mit 85 Prozent. »Wir haben hier ein sehr enges Kontrollnetz, das sich natürlich nicht jede Klinik leisten kann«, sagt Langner.

Während Göbels Horrornacht im Schlaflabor, als der Atem ständig aussetzte, haben die Studenten das unbeliebte Gerät ausprobiert. Als sich die Aussetzer häuften, drehten sie den Druck nach oben. Von anfänglich 4 Millibar bis hoch auf 18. Göbel erinnert sich schwach an ein Pfeifen an der Maske und wie er wach wurde von dem Luftdruck.

Simona Langner schaut bekümmert auf die Kurven und hat das Problem sofort erkannt. Das Gerät, das bis 20 Millibar Luftdruck erzeugt, reicht für den Patienten Göbel nicht aus. Die Werte sind selbst bei hohem Druck noch immer miserabel. Neue Technik muss her, ein anderes Gerät. Eines, das bis zu 30 Millibar schafft.

Eberhard Göbel will sich in sein Schicksal fügen. 64 ist schließlich kein Alter zum Sterben. Er hat sich vorgenommen, einige Kilo abzuspecken. Wie damals, vor der Hüft-OP. Da hat er schon mal zehn Kilo geschafft. Nur von Dauer sei dies leider nicht gewesen. »Da gibt es immer diesen Zwiespalt zwischen dem Wollen und dem Tun«, sagt der Forstmann verschmitzt.

Er quält sich jetzt nachts mit dem Atemgerät. Es will nicht so recht funktionieren. Und es ist vor allem noch immer das mit dem falschen Druck. Denn bevor Göbel das neue Gerät erhalten kann, muss er erneut in einem der beiden Betten des Schlaflabors in der Dresdner Uni-Klinik verkabelt werden. Dort wird wieder eine Nacht getestet, der richtige Druck festgelegt. Erst dann geht es mit neuer Technik nach Hause.

Im Schnitt belegen 700 Patienten jährlich die beiden Betten in der Uni. Das Labor ist das ganze Jahr in Betrieb. Aktuell gibt es Wartezeiten von einem halben Jahr.

Eberhard Göbel, der Mann, dessen Atem pro Stunde bis zu 48-mal aussetzt, hat seinen Termin im Februar 2010 bekommen.

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