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RAUMFAHRT Kabel vergessen

Seit über vier Monaten ist der europäische »Mars Express« unterwegs zum Wüstenplaneten - zuweilen wusste die Raumsonde nicht, wo sie war.
aus DER SPIEGEL 43/2003

Eine Reise zum Mars ist ein riskantes Abenteuer. Von allen bislang zum Wüstenplaneten geschossenen amerikanischen und russischen Raumsonden erreichte nicht einmal jede zweite das Ziel. Viele explodierten bereits beim Start.

Das blieb der europäischen Raumfahrtagentur Esa erspart. Am Abend des 2. Juni durften Forscher und Manager im Darmstädter Kontrollzentrum aufatmen: Plangemäß hatte die russische Sojus-Fregat-Trägerrakete die kleinwagengroße Sonde »Mars Express« ins All getragen. »Ein phantastischer Start«, jubelte Esa-Wissenschaftsdirektor David Southwood: »Europa ist auf dem Weg zum Mars.«

Doch inzwischen ist die Stimmung bei der Esa ein wenig gedämpft. Denn auch die erste rein europäische Mission zum Nachbarplaneten verläuft nicht ohne Pannen: Der »Mars Express« hat Probleme mit seiner Energieversorgung.

An sich ist das nichts Außergewöhnliches, einer Raumsonde kann aus den verschiedensten Gründen der Saft ausgehen. Doch die Ursache beim »Mars Express« ist besonders peinlich: Die Techniker haben schlicht vergessen, ein wichtiges Kabel einzubauen.

Die Folge der Schlamperei: Zwar arbeiten die Solarzellen an Bord vollkommen einwandfrei; doch wegen der mangelhaften Verkabelung wird der von ihnen erzeugte Strom nicht in optimaler Weise an die elektrischen Geräte - Bordcomputer, Messgeräte, Funkanlage - weitergeleitet.

»Wir müssen Energie-Einbußen zwischen 30 und 40 Prozent hinnehmen«, sagt Gerhard Schwehm, bei der Esa Abteilungsleiter für planetare Missionen. »Der von den Sonnensegeln produzierte Strom wird daher die meiste Zeit für den laufenden Betrieb gebraucht und reicht dann nicht aus, um gleichzeitig die Akkus aufzuladen.« Die Mission sei dadurch aber keineswegs in Gefahr, versichert der Esa-Experte: »Wir haben genügend Reserven.«

Tatsächlich haben die wissenschaftlichen Instrumente bereits erfolgreich Probemessungen vorgenommen und ihre Daten heimwärts gefunkt. Trotz der Energieprobleme hat auch die von dem Planetologen Gerhard Neukum von der FU Berlin entwickelte Weltraumkamera HRSC schon ein erstes Testfoto aufgenommen: Das hochauflösende Bild zeigt die Erde aus acht Millionen Kilometer Entfernung. Sogar ein Wolkenwirbel, der sich gerade über dem Pazifischen Ozean austobt, ist darauf zu erkennen. Derweil grübeln Fachleute der Esa, warum niemand vor dem Start das Fehlen des Kabels bemerkt hat. Schließlich haben Techniker die knapp 70 Millionen Euro teure Mars-Sonde wieder und wieder durchgecheckt, bevor sie vom kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur aus ins All geschossen wurde.

Doch Fehler konnten sich wohl schon deshalb leicht einschleichen, weil - typisch Europa - so viele mitmischten. Die wissenschaftlichen Instrumente für den »Mars Express« kamen aus Großbritannien, Frankreich, Italien, Schweden und Deutschland, wo auch die Solarzellen gefertigt wurden. Die Spanier bauten die Kommunikationsantenne, die Schweizer den Flugkörper. In Italien wurden die Bauteile montiert, in Frankreich der Bordcomputer programmiert. Insgesamt 1800 Männer und Frauen waren an der Vorbereitung der Mission beteiligt (jeder erhielt kürzlich eine Urkunde).

Erklärbar ist auch, warum bei den Tests am Boden nie auffiel, dass die Sonnensegel zu wenig Energie lieferten: Die im Labor eingesetzten künstlichen Sonnen waren nicht groß genug, um gleichzeitig auf der gesamten Fläche der Solarzellen die Sonnenstrahlung wie im Weltall zu simulieren. Schwehm: »Erst während des Fluges stellte sich heraus, dass weniger Strom bei den Endgeräten ankam, als berechnet worden war.«

Auch eine weitere Panne trat erst auf, als sich der »Mars Express« bereits mit 10 800 Kilometer pro Stunde, schneller als jede Gewehrkugel, von der Erde entfernte. Bei ihrem Flug durch den interplanetaren Raum orientiert sich die Sonde an bekannten Sternbildern. Dabei ging plötzlich irgendetwas schief. Schwehm: »Die Sonde wusste nicht mehr, wo sie war.«

Sofort nahm der verwirrte Bordcomputer eine Notabschaltung vor; sämtliche Systeme wurden heruntergefahren ("safe mode"). »Es dauerte nur knapp eine Stunde, bis sich die schlafende Sonde wieder aufwecken ließ«, berichtet Schwehm. »Das ist vergleichbar einem Neustart bei einem abgestürzten PC.«

In den folgenden Wochen ging die Sonde noch ein paarmal unvermittelt in den Schlaf-Modus. Die Hauptsorge der Techniker: Sollte sich die Sonde versehentlich auch am ersten Weihnachtsfeiertag, wenn sie in eine Marsumlaufbahn einschwenkt, in den Ruhezustand verabschieden, wäre ein Absturz kaum mehr zu vermeiden.

Aber noch ist die Sonde 66 Tage und über 130 Millionen Kilometer vom Mars entfernt. Die Esa-Ingenieure sind deshalb zuversichtlich, bis zur Ankunft alle möglichen Fehlerquellen ausgeschaltet zu haben. »Das ist wie bei der Feinabstimmung eines Formel-I-Wagens«, sagt Schwehm. »Die Maschine wird bis zum Beginn des Rennens optimiert.« OLAF STAMPF

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