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Motoren Kassieren ohne Risiko

BMW will Erdgas-Autos bauen - aber erst, wenn 1000 Bestellungen eingegangen sind.
aus DER SPIEGEL 42/1994

Die Botschaft der guten Absichten wurde schon im Frühsommer verkündet. »Noch 1995 wird es die ersten BMW-Automobile zu kaufen geben, die mit Erdgas betrieben werden«, erklärte Entwicklungschef Wolfgang Reitzle Ende Juni anläßlich eines Technikseminars in München.

Vergangenen Dienstag enthüllte Bild: »Sensation: BMW baut Erdgas-Auto.«

Daß die Kunde aus München dreieinhalb Monate lang unbeachtet geblieben war, hat einen einfachen Grund: Gasautos sind keine Sensation. Es gibt sie bereits massenweise.

Seit die Technik vor zweieinhalb Jahrzehnten in den USA entwickelt wurde (SPIEGEL 20/1968), wuchs die Zahl der erdgasbetriebenen Fahrzeuge weltweit auf 800 000 an. Eingesetzt werden sie vorwiegend in Ländern mit großen Erdgasvorkommen oder niedrigen Gaspreisen. Allein in Italien fahren fast 300 000 Erdgas-Autos.

Für die Verbrennung von Gas im Automotor spricht vor allem der Öko-Bonus: Ein auf Erdgas-Betrieb umgerüsteter Pkw stößt weniger als die Hälfte Kohlenmonoxid, Stickoxide und Kohlenwasserstoffe aus als ein Benziner mit geregeltem Kat. Auch vom Klimaschädiger Kohlendioxid entstehen rund 20 Prozent weniger als bei der Verfeuerung von Benzin.

Dennoch konnten sich Erdgas-Autos in Deutschland bisher nicht durchsetzen. Die Umrüstung der Fahrzeuge (etwa 8000 Mark) macht sich nicht bezahlt, denn Erdgas ist im Bundesdurchschnitt ungefähr so teuer wie Normalbenzin. Außerdem gibt es kein ausreichendes Tankstellennetz.

Als Vorreiter eröffneten die Hamburger Gaswerke im Mai die erste öffentliche Gastankstelle Deutschlands - fürs erste vor allem für den eigenen Bedarf. In den kommenden Jahren will das Energieversorgungsunternehmen in der Hansestadt 200 Fahrzeuge seines Fuhrparks auf den umweltfreundlichen Gasbetrieb umstellen.

Erfreut registrierte auch die Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr (IAV) in Berlin wachsenden Auftragseingang. Dort werden Fahrzeuge von Mercedes, Ford, Renault, Opel und VW auf bivalenten Betrieb (wahlweise Erdgas oder Benzin) umgerüstet. Im vergangenen Jahr begann die IAV mit einem Wagen pro Woche. Mittlerweile geht täglich eine neue Bestellung ein. Auch hier sind Kunden vorwiegend Gasversorgungsunternehmen.

Von dieser Entwicklung will nun BMW profitieren - allerdings nur, wenn sich bei der guten Öko-Tat kräftig und ohne Risiko Geld verdienen läßt. Was Reitzle am 29. Juni nicht sagte: Der bayerische Erdgas-Fahrplan wird von konkreten Bedingungen abhängig gemacht. Über den Bundesverband der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft (BGW) ließen die Münchner den deutschen Gasversorgern ausrichten, wie sie sich den Handel vorstellen.

Am 10. Juni schickte der BGW ein Rundschreiben an seine Mitglieder. Darin heißt es: _____« Als kompetenter deutscher Automobilhersteller bietet » _____« BMW der deutschen Gaswirtschaft serienmäßig Fahrzeuge für » _____« bivalenten Erdgas-/Benzinbetrieb an (BMW 316i compact » _____« sowie BMW 518i touring) . . . Zur Aufnahme der » _____« Serienfertigung wird von der deutschen Gaswirtschaft eine » _____« Mindestbestellmenge von 1000 Fahrzeugen erwartet. »

Derart dienstbares Werbewirken durch den Bundesverband überraschte die deutschen Gasanbieter. Denn die wahren Pioniere der Entwicklung von Erdgasmotoren, etwa die IAV in Berlin, wurden nie durch solche Rundschreiben unterstützt.

Den von BMW gewünschten Erfolg brachte die Aktion bisher noch nicht. Trotz der schriftlichen Bitte, die Bestellungen »der Eilbedürftigkeit halber per Fax zu übermitteln«, gingen bisher erst 100 Zusagen beim BGW ein.

Die bayerischen Gaswagen sind zu teuer. Angesichts von geplanten Einstiegspreisen um 40 000 Mark für die Erdgasversion des 316i compact könnte beim Verbraucher ein ungewollter Eindruck entstehen.

Ein Mitarbeiter der Hamburger Gaswerke: »Stellen Sie sich vor, wir erhöhen heute den Gaspreis und fahren morgen beim Kunden mit einem teuren BMW vor. Das geht doch nicht.« Y

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