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MEDIZIN Killer gebändigt

Amerikanischen und australischen Medizinern gelang ein Durchbruch: Ein Impfstoff gegen Malaria kommt in Sicht. *
aus DER SPIEGEL 33/1984

Jahr für Jahr befällt die Krankheit 250 Millionen Menschen, etwa 20 Millionen liegen auf den Tod, jeden Monat rafft das Leiden durchschnittlich 200 000 Menschen dahin - nichts, so konstatierten Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO), könne den Vormarsch der Malaria aufhalten. »Wir haben«, so WHO-Chef Halfdan Mahler, »das Handtuch geworfen.«

Doch nun, das US-Magazin »Time« umschrieb es poetisch, »durchbricht ein Strahl der Hoffnung die dunkle Verzweiflung«, die eines der größten Gesundheitsprobleme der Welt umgibt: Wissenschaftler in den USA und Australien haben einen Durchbruch bei der Entwicklung eines Malaria-Impfstoffes erzielt.

Den US-Forschern ist es gelungen, so berichteten sie in der jüngsten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins »Science«, jenes Antigen des Malaria-Parasiten zu isolieren und mit Hilfe der Gentechnik künstlich zu produzieren, das die Immunabwehr des Körpers alarmiert und den Organismus zur Bildung von (die eingedrungenen Krankheitserreger bekämpfenden) Antikörpern veranlaßt. Schon in vier bis fünf Jahren könnte, so zumindest hoffen die Experten, ein Malaria-Impfstoff zur Verfügung stehen.

Es wäre die Rettung gleichsam in letzter Minute. Noch in den sechziger Jahren, als die Kolonialzeit ihrem Ende zuging, schien es auch mit der Malaria vorbei. Insektizide gegen die malariaverbreitende Stechmücke der Gattung Anopheles und vorbeugende Medikamente, von der WHO in einem globalen Feldzug eingesetzt, drängten die Krankheit drastisch zurück und befreiten eine Milliarde Sklaven des Fiebers von der Seuche.

Doch dann wurden die Mücken und die Malaria-Erreger zunehmend gegen die chemischen Waffen resistent - das Sumpffieber breitete sich wieder in Afrika, Südostasien und Mittelamerika aus.

Daß sich die schon seit Jahren betriebene Suche nach einem Impfstoff so schwierig gestaltete, liegt an dem Lebenszyklus des Malaria-Erregers (Plasmodium) - eines Sporentierchens, das gleichsam drei verschiedene Killer beherbergt: *___Die Sporozoiten, die durch den Mückenstich in die ____menschliche Blutbahn gelangen und sich nach wenigen ____Minuten in der Leber einnisten; *___die Merozoiten, die - nachdem sie in der Leber ____herangereift sind - die roten Blutkörperchen befallen ____und so die malariatypischen Anfälle von Fieber und ____Schüttelfrost verursachen; *___die Gametozyten, die durch das von der Stechmücke ____abgesaugte Blut in den Körper des Tierchens gelangen ____und eine neue Generation von Sporozoiten produzieren.

Da der Feind drei Gesichter (und jedes Plasmodium-Stadium eine unterschiedliche chemische Struktur) hat, wußten die Forscher lange nicht, wo sie angreifen sollten. Die drei amerikanischen Forscher-Teams beispielsweise, eines aus New York und zwei aus Washington, nahmen sich die Sporozoiten vor - in der durchaus logischen Annahme, ein Impfstoff gegen Malaria müsse das Übel »gleich nach Eintritt in den Körper bekämpfen«, so die Immunologin Dr. Ruth Nussenzweig vom New York University Medical Center.

Doch ein Impfstoff, der auf den nunmehr isolierten Sporozoiten-Antigenen beruht, birgt »eine Menge von Unwägbarkeiten«, warnte selbst einer der Impfstoff-Forscher, Franklin Top vom Walter Reed Army Institute of Research. Denn in der Leber, wo die Sporozoiten schon nach wenigen Minuten des Zirkulierens im Blutstrom anlangen, sind sie vor den (durch den Impfstoff gebildeten) Antikörpern sicher. Sollte nur eine Handvoll der Krankheitskeime den Ansturm der Antikörper überleben, würde der Patient dennoch an Malaria erkranken.

Deshalb haben australische Wissenschaftler einen Impfstoff entwickelt, der die wesentlich längerlebigen Merozoiten mattsetzen soll - der Immunschutz soll noch in diesem Jahr erprobt werden. Forscher des amerikanischen National Institute of Health hingegen arbeiten an einem Antigen-Wirkstoff, der den Gametozyten den Garaus machen soll.

Trotz ihrer unterschiedlichen Ansätze im Kampf gegen den Malaria-Erreger sind sich die Forscher darin einig, daß nur ein Cocktail aus Impfstoffen, der gegen alle drei Erscheinungsformen des Plasmodiums wirkt, die Malaria weitgehend ausrotten könnte.

Experten mit Tropenerfahrung wie etwa Dr. Peter Kern vom Hamburger Tropeninstitut raten freilich zur Skepsis: »Zur Massenprophylaxe in der Dritten Welt ist ein Impfstoff nur geeignet, wenn er äußerst billig und obendrein noch einfach zu verabreichen ist.«

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