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Guido Kleinhubbert

Viele böse Leserbriefe Bei Kirschlorbeer verstehen die Deutschen keinen Spaß

In einem meiner Artikel zitierte ich einen Experten, der sagte, Kirschlorbeer sei ökologisch ähnlich wertvoll wie eine Betonmauer. Mit der folgenden Empörung hatte ich nicht gerechnet.
aus DER SPIEGEL 1/2022
Eine typisch deutsche Kirschlorbeerhecke: Sie zu kritisieren, ist »linksversifftes Gutmenschentum«

Eine typisch deutsche Kirschlorbeerhecke: Sie zu kritisieren, ist »linksversifftes Gutmenschentum«

Foto: H.-R. Mueller / blickwinkel / IMAGO

Ich verabscheue Kirschlorbeer. Gnadenlos habe ich sämtliche Exemplare, die die Vorbesitzerin unseres Hauses anpflanzen ließ, abgesägt und kaputt gehäckselt. Es war mir ein Vergnügen, zumal an gleicher Stelle Holunder, eine Salweide und andere heimische Pflanzen wachsen, die bei Insekten und Vögeln viel beliebter sind.

Ich ahne, was dieses Geständnis auslösen könnte. In meinem Bericht »Saat des Bösen« hatte ich über die erheb­lichen Vorbehalte berichtet, die Naturschützer gegen die im­mergrüne Pflanze hegen. Etwas übertrieben meinte einer der Experten sogar, Kirschlorbeer sei ökologisch ähnlich wertvoll wie eine Betonmauer.

Das sorgte bei vielen Menschen für eine Aufregung, mit der ich nicht gerechnet hatte. Man warf mir und den Umweltschützern unter anderem grüne Bevormundung und »linksversifftes Gutmenschentum« vor.

Angesichts dieser haltlosen Unterstellungen freute ich mich über den Leser Walter Z. aus Schwäbisch Hall, der sich zumindest große Mühe gab, die Kritik der Naturschützer zu entkräften. Er stellte sich mit einem Fotoapparat neben seinen Kirschlorbeer, um den ökologischen Wert der Pflanze zu dokumentieren.

Die Bilder sind nicht sonderlich gut geworden, aber Walter Z. soll eines wissen: Ich kann die Biene erkennen, die sich da an seiner Pflanze labt. Ich kann sogar erklären, warum sie das tut: Der Kirschlorbeer sondert über sogenannte extraflorale Nektarien Zuckersaft ab, der Insekten, zum Beispiel Ameisen, anlocken soll.

Wenn die Krabbler dann da sind, vertilgen sie im besten Fall auch direkt die Blattläuse und anderen Schädlinge mit, die dem Kirschlorbeer zusetzen. Die Nektarien machen den Kirschlorbeer also besonders wehrhaft. Wie eine Betonmauer.

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