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ÖKOLOGIE Kiwis von der Alm

Ein Salzburger Bergbauer erfindet die Landwirtschaft neu: Im Hochgebirge züchtet Sepp Holzer Pfirsiche und Kirschen. Agrarexperten staunen über das Naturwunder.
aus DER SPIEGEL 39/2001

Im Garten Eden herrscht das Chaos. Grün über grün wuchern die Pflanzen den Steilhang hinauf. Massige Findlinge liegen wie eingeschlagene Meteoriten auf der Fläche. An manchen Stellen ist die Erde aufgerissen, als hätte ein Riese tiefe Wunden in den Grund geschlagen.

Erst langsam gewöhnt sich das Auge an das Gestrüpp, schälen sich Terrassen mit Obstbäumen, Hügelbeeten und Gemüseplantagen aus dem Pflanzenmeer. Großblättrige Zichorien drängen zwischen Kürbissen und Kiwisträuchern dem Licht entgegen. Kirschbäume stehen neben turmhohen Fichten. Die fahlen Stängel von Einkorn und Emmer rascheln im kühlen Bergwind.

»Da sieht man, dass man nicht gießen, nicht jäten und die Pflanzen nicht verhätscheln muss«, schwärmt Sepp Holzer, bückt sich unvermittelt und zieht einen prächtigen Kohlrabi aus dem Boden. »Nur ein bisschen lenken muss man die Natur - und sie ansonsten für sich arbeiten lassen.«

Das Land, wo die Zitronen blühen und der Edelhopfen sprießt - für Sepp Holzer liegt es fast 1500 Meter über dem Meeresspiegel. Auf seinem Bergbauernhof im Salzburger Land inmitten der Tauern hat der 59-Jährige zusammen mit seiner Frau Vroni ein kleines Naturwunder vollbracht: Dort, wo normalerweise nur Fichten und Legföhren wachsen, gedeihen Kirschen, Kürbisse und Süßkartoffeln. Maroni und Pfirsiche hat der Bauer in »Österreichs Sibirien« angepflanzt. Selbst Weinreben und Orangenbäumchen bringt Holzer - ganz ohne Treibhaus - bei einer Jahresdurchschnittstemperatur von nur 4,2 Grad und Frost bis minus 20 Grad zum Wachsen.

Nicht nur Ökojüngern gilt der charismatische Bergbauer längst als neue Lichtgestalt des alternativen Landbaus. Auch Agrarforscher verblüfft der Bauer mit seiner Wunderwelt. »Josef Holzer ist ein Dickschädel und Querdenker von großem Format«, schwärmt Bernd Lötsch, Biologe und Direktor des Naturhistorischen Museums in Wien. »Ich halte ihn für ein wirkliches Genie.«

Wer das Geheimnis des hoch gelobten Landwirts ergründen will, muss Holzers Krameterhof im österreichischen Lungau aufsuchen. Über Serpentinen führt der Weg hoch über das Örtchen Ramingstein. Der Geruch brennenden Kaminholzes hängt in der Luft. Idyllisch schmiegen sich die Häuser des Holzerschen Anwesens an den Südhang des Schwarzenberges.

Den Indiana-Jones-Hut auf dem kantigen Schädel, das zerfurchte Gesicht vom angegrauten Vollbart umrahmt, empfängt der Bauer dort seine Fangemeinde inzwischen fast täglich zur Betriebsführung. Holzer ist eine Art Crocodile Dundee der Alpen, ein ungeduldiger, zorniger Mann und ein begnadeter Selbstdarsteller.

»Die moderne Landwirtschaft macht fast alles falsch: Die Pflanzen werden süchtig gemacht, die Erde ausgelaugt - das ist ein Verbrechen an der Natur«, poltert er in einer entwaffnenden Mischung aus Hochmut und Sendungsbewusstsein: »Es geht nur mit der Natur, nicht gegen sie.«

Holzers inniges Verhältnis zum Grün begann früh. Vom »Taufpaten« mit einem »Doppelschilling« versehen, pachtete der kleine Sepp schon als Schüler einen »Pflanzgartl« vom eigenen Vater und entdeckte schnell, dass sich mit seinen grünen Daumen gutes Geld verdienen ließ. Der Verkauf von »Flusspferdln«, den kannibalischen Larven des Gelbrandkäfers, und von Pflanzen an seine Mitschüler verhalfen dem Holzer-Sepp zum ersten Moped in der Gegend. Später besuchte er Kurse und lernte, wie man »Bäume schneidet, düngt, spritzt und Wühlmäuse tot macht«.

Als der 19-Jährige den Hof des Vaters übernahm, versuchte er zunächst, das Gelernte anzuwenden. Doch bald schon merkte Holzer, dass ihm Pestizide, Baumschnitt und Düngemittel zuwider waren. Der Jungbauer begann zu experimentieren und legte erste Pflanzgärten und Obstplantagen an. Gar nicht zimperlich wühlte sich Holzer mit dem Bulldozer durch die nährstoffarme alpine Ackerkrume, legte Fichten flach und hob Teiche aus.

Der Ärger folgte auf dem Fuß. Nicht nur die Altvorderen lästerten abends beim Glas Murauer Märzen über den merkwürdigen Spross des Krameterbauern. Bald hatte Holzer eine Klage wegen »Waldverwüstung« am Hals. 30 000 Schilling Strafe musste er zahlen, weil er Getreide und Gemüse im Wald ausgesät hatte. »Zu mir sind gleich sieben Sachverständige auf einmal kemme - und die Gendarmerie gleich mit«, sagt Holzer, »das war eine regelrechte Verfolgung.«

Holzer redet sich in Rage, wenn die Sprache auf Beamte, EU-Bürokraten und »unsinnige Auflagen« kommt. Dann ballt der Bauer, der Amtsmänner schon mal »mit angemessener Gewalt« von seinem Grund und Boden entfernt, die Fäuste und fährt mit den Händen durch die Luft. »Ich gehe meinen Weg, und damit hat sich das«, dröhnt Holzer. »Ja, Gott sei Dank, wo wär ich denn sonst heute?«

Etwa 45 Hektar nennt der Bauer inzwischen sein Eigen. 25 Kilometer Wege und Terrassen hat er aufgeschüttet, 14 000 Obstbäume gepflanzt und mehr als 30 Fischteiche und Tümpel angelegt. Was die stetig wachsende Holzer-Fangemeinde an dem bärbeißigen Agrarrebellen am meisten fasziniert, ist seine Beobachtungsgabe. »Man muss die Kreisläufe der Natur nachvollziehen und sich in die Lage der Pflanzen versetzen«, rät Holzer, »dann kommt man drauf, was sie brauchen.«

Fast 13 Hektar Steilhang kaufte der Bauer beispielsweise schon 1988 von den österreichischen Bundesforsten. »Trockener, steiniger, von der Fichten-Monokultur zerstörter und versauerter Boden«, erzählt Holzer. Dann jedoch fällte der Bauer die Fichten und ließ seine Helferlein auf die Fläche los. Erst impfte er die Fichtenstümpfe mit Hallimasch. Der Pilz machte sich über das Holz der Stümpfe her, die fortan vor sich hin faulend als natürliche Feuchtigkeitsspeicher für den Acker fungierten. Dann »säte« Holzer eine ganze Armada von Regenwürmern in den Boden, pflanzte Klee, Lupinen und Zitronenmelisse.

»Nach zwei Jahren war der Boden wieder in Ordnung«, sagt der Bauer. Heute wachsen Kirsch- und Birnbäume auf dem Gelände. Um ihre Stabilität zu erhöhen, werden sie nicht beschnitten. Wildrosen, Berberitze und Weißdorn pflanzt Holzer als »Ablenkpflanzen« gegen den Wildverbiss durch Rehe und Hirsche. Beinwell, Haferwurz, Klee und Lupine verbessern den Boden und reichern ihn mit Stickstoffverbindungen an.

In dieser Mischkultur liegt das Geheimnis des ungestümen alpinen Pflanzenwuchses. Holzer arbeitet nach dem Prinzip der so genannten Permakultur: einer von dem Australier und Alternativen Nobelpreisträger Bill Mollison schon Ende der siebziger Jahre geprägten Kreislaufwirtschaft, die sich der natürlichen Wechselwirkungen zwischen Pflanzen und Tieren bedient. »Die Gemeinschaft versorgt sich gegenseitig«, erläutert der Landwirt das Konzept, »je größer die Vielfalt desto geringer der Befall mit Schädlingen.«

Ganze Ökosysteme bildet Holzer im Kleinen nach und kann so auf Dünger und Pestizide vollständig verzichten. Gleichzeitig hat er die Modellierung der Berglandschaft zur Perfektion getrieben. Kiwis und Wein etwa wachsen nur deshalb auf der Alm, weil der Landwirt Felsbrocken als Wärme spendende »Kachelöfen« und Windschutz aufstellt.

Quer zur Hauptwindrichtung hat der Bauer zudem Erde, Äste, Laub und ganze Baumstämme vielerorts zu halbmeterhohen Hügelbeeten aufgestapelt. Durch reges Bakterien- und Pilzwachstum entsteht darin wie im Komposthaufen fruchtbarer Humus. Die Kleinklimazonen der Beete mit ihren geschützen feuchten Tälern und exponierten Sonnenhängen erlauben es fast jeder Pflanze, den optimalen Standort zu finden (siehe Grafik Seite 238). Das Pflügen übernehmen zwei Dutzend gefleckte Turopolje-Schweine, die beim Wühlen den Boden auflockern.

»Wenn ich die Natur für mich arbeiten lasse, habe ich selber gar nicht mehr viel zu tun«, freut sich Holzer, der mit seinem Hof mittlerweile gutes Geld verdient. Während andere Bauern der Gegend aufgeben mussten, verkauft Holzer Obstbäume, Gemüse, Waldpilze und Heilkräuter mit Gewinn.

Als »lebende Genbank« hat er Urgetreidearten wie Lungauer Dauerroggen, Sibirisches Urkorn und Emmer ausgesät. Karpfen, Forellen, Edelkrebse und japanische Kois leben in den terrassierten Teichen bis hinauf zur Bärenseealm auf 1400 Meter Höhe. Und auch die Kraft des Wassers bleibt nicht ungenutzt: Unten am Hang sorgt ein Wasserkraftwerk für die Stromversorgung des Krameterhofs.

So viel Innovation lockt inzwischen auch die Wissenschaft nach Ramingstein. »Auf dem Hang vom Holzer schlummern mindestens zehn Dissertationen«, sagt Biologe Lötsch. Durch ständige Naturbeobachtung und kluges Einbinden alter Haustierrassen gelinge es dem Bauern, den Ertrag seiner Kulturen weiter zu erhöhen: »Holzers Sicht der Dinge ist fast global übertragbar und gerade für Entwicklungsländer sehr interessant.«

Andere Forscher sind skeptischer. »Permakultur funktioniert nicht unter allen klimatischen Bedingungen«, meint Friedhelm Taube, Fachmann für ökologischen Landbau am Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung der Universität Kiel. Zu starke Bodenverdichtung und heftiges Wachstum unerwünschter Pflanzen befürchtet Taube etwa in Klimazonen mit viel Niederschlag, falls auf die me-chanische Bearbeitung des Bodens ganz verzichtet wird. Auch gehe Vielfalt immer zu Lasten der Produktivität. »Das Konzept klingt romantisch«, sagt Taube. Für den Anbau großer Mengen von Getreide zu Ernährungszwecken beispielsweise sei Permakultur jedoch viel zu abeitsintensiv.

Sepp Holzer ficht derlei Kritik nicht an. Anfragen aus der ganzen Welt halten den Bauern auf Trab. Holzer betreut Permakultur-Projekte in Kolumbien, Ecuador und Brasilien. In den Bergen vor der Haustür plant der findige Landwirt ein »Naturerlebnisland Lungau«. 18 Bauern haben bereits Interesse an Holzers Visionen bekundet. Eine Permakultur-Landschaft mit Hügelbeeten, Selbsterntefeldern und einem 30 Kilometer langen Naturerlebnisrundweg soll entstehen.

»Die Leute fangen langsam an umzudenken«, freut sich Holzer. Auch für die eigene Nachfolge hat der Bauer schon vorgesorgt. Ein Sohn studiert Forstwirtschaft, eine Tochter Biologie. »Die Kinder haben Interesse am Hof«, erklärt Holzer verschmitzt, »nach dem Studium muss ich sie allerdings erst mal wieder renaturieren.« PHILIP BETHGE

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