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Hirnforschung Klasse statt Masse

Männer und Frauen ticken verschieden: Zu dieser Erkenntnis kommen Hirn- und Intelligenzforscher.
aus DER SPIEGEL 14/1995

Männer«, fauchte die Anruferin dem Moderator einer kanadischen Radio-Talkshow ins Telefon, »haben doch von morgens bis abends nur das eine im Kopf.« Vielleicht sei das Männerhirn wirklich größer, zürnte die Empörte, aber wohl nur, »damit die Kerle noch einigermaßen normal funktionieren können, obwohl sie den ganzen Tag nur an Sex denken«.

Anlaß der Schimpfkanonade war ein Radiobericht über neue Befunde des Hirnforschers Davison Ankney: Auch wenn man die geringere Körpergröße der Frauen berücksichtige, sei das männliche Hirn im Durchschnitt rund 100 Gramm schwerer als das weibliche - diese Erkenntnis hatte der Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Intelligence veröffentlicht, nachdem er die Hirne von 1261 Verstorbenen vermessen hatte.

Schon im Kindesalter, behauptet auch die kanadische Hirnexpertin Sandra Witelson, beginne das männliche Gehirn schneller zu wachsen; bei Sechsjährigen sei der Größenunterschied bereits eindeutig feststellbar. Anlaß für männliche Überheblichkeit bestehe gleichwohl nicht, glaubt die Neurowissenschaftlerin: Trotz des geringeren Durchschnittsgewichts, berichtete Witelson im November 1994 beim Jahrestreffen der amerikanischen Society for Neurosciences, enthalte das weibliche Gehirn rund elf Prozent mehr Nervenzellen.

»Klasse, nicht Masse«, konstatiert der US-Autor Robert Pool, sei ausschlaggebend für die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns; dennoch belegten neue Befunde der Forscher nicht nur Differenzen in Hirngröße und -architektur zwischen den Geschlechtern; derlei Unterschiede, meint Pool, zeigten auch an, daß »die Gehirne von Männern und Frauen unterschiedlich funktionieren«.

Seit sich die Neurologen computergestützter Abbildungsverfahren bedienen, um auch das Gehirn lebender Menschen zu erkunden, beginnt sich das Dunkel über der Arbeitsweise des rund drei Pfund schweren Zentralorgans des Menschen zu lichten. Mit Durchleuchtungsverfahren wie der Positronen-Emissionstomographie oder der funktionellen Kernspintomographie können die aktiven Hirnareale bei der Gedankenarbeit vermessen werden; immer deutlicher zeigen die Resultate, daß die Geschlechter ihr Gehirn in unterschiedlicher Weise benutzen, um gestellte Aufgaben zu bewältigen.

Begeistert nahm die Fachwelt im Februar neue Untersuchungsergebnisse der beiden US-Hirnforscher Sally und Bennett Shaywitz zur Kenntnis. Erstmals, erklärte Verhaltensforscherin Shaywitz, sei damit »der Beweis für einen Funktionsunterschied« _(* Feststellung von ) _(Geschlechterunterschieden am ) _(Kernspintomographen. ) zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen wissenschaftlich exakt nachgewiesen worden.

Wenn es etwa darum gehe, Reimwörter zu erkennen, so berichten die beiden Wissenschaftler von der Yale University in New Haven im Fachblatt Nature, nützten Frauen Areale in beiden Hirnhemisphären. Für die gleiche Aufgabe, so offenbarte die Untersuchung im Kernspintomographen, aktivierten Männer lediglich einen entsprechenden Bereich in der linken Hirnhälfte (siehe Grafik). »Das ist ein Unterschied im abstrakten Denken«, konstatierte Shaywitz. »Lesen ist ein Merkmal der menschlichen Intelligenz.«

Selbst im Ruhezustand des gedankenlosen Dösens, so verkündete die Forschertruppe des US-Experten Ruben Gur vor acht Wochen im Fachblatt Science, herrsche bei Männern weitaus mehr Betrieb im temporal-limbischen System als bei Frauen - dem entwicklungsgeschichtlich uralten Hirnabschnitt obliegt nach Ansicht der Forscher die Kontrolle der Gefühle und Triebe.

Offen bleibt, wie die Meßergebnisse des Gur-Teams zu deuten sind. »Einfach an nichts zu denken« sei unmöglich, monieren Kritiker. »Da denken Männer an Sex und Fußball«, spottete das US-Nachrichtenmagazin Newsweek, »Frauen murmeln in Gedanken vor sich hin.« Wahrscheinlich, so räumte auch die US-Gehirnexpertin Lyn Haper Mozley ein, die an den Tests als Versuchsperson teilnahm, habe sie hin und wieder gedacht: »Wann ist das hier endlich vorbei?«

Gleichwohl sind die meisten Experten inzwischen überzeugt, daß weibliche und männliche Gehirne auf unterschiedliche Weise an der Lösung von Problemen arbeiten. Das Gehirn sei »wesentlich komplizierter, als wir alle gedacht haben«, meint Neurologin Shaywitz. »Es kann auf vielen Wegen zum gleichen Resultat kommen«.

Bestätigt von den Erkenntnissen der Hirnwissenschaft fühlen sich auch die Intelligenzforscher. Bei ihren Tests zeigten Männer und Frauen höchst unterschiedliche Leistungen in bestimmten Aufgabenbereichen. Nur jede zweite Frau, so rechnen US-Forscher vor, erreiche den Durchschnittswert der Männer bei Tests für räumliches Vorstellungsvermögen oder höhere Mathematik; bei schwierigen Aufgaben versagen die Frauen noch häufiger. Jämmerlich schneiden dagegen die Männer ab, wenn sie ihr Sprachvermögen unter Beweis stellen sollen. Bei den Frauen, so ergaben die Untersuchungen an US-Collegestudenten, funktionieren auch Gehör und Feinmotorik besser.

Schon während der Schwangerschaft, glauben die Neurologen, werde dem Gehirn des Fötus ein weibliches oder männliches Denkschema eingeprägt; verantwortlich dafür sind offenbar bestimmte Hormone. Weit geringer als bislang angenommen ist nach Erkenntnis der Gelehrten der Einfluß von Umwelt und Erziehung auf männliche und weibliche Verhaltensformen. Vor allem das männliche Sexualhormon Testosteron, so die Theorie der Forscher, das ein männlicher Embryo schon im Mutterleib bildet, sei für die Ausbildung männlicher Hirnfunktionen verantwortlich.

Beweise dafür fanden die US-Forscherinnen Sheri Berenbaum, Susan Resnick und Melissa Hines bei der Untersuchung von Frauen mit adrenogenitalem Syndrom (AGS), einer seltenen Erbkrankheit, die beim weiblichen Fötus zur Produktion abnorm großer Mengen männlicher Sexualhormone führt.

Verblüfft stellten die drei Wissenschaftlerinnen fest, daß Frauen mit dem AGS-Leiden bei mathematischen Fähigkeiten und räumlichem Vorstellungsvermögen im statistischen Mittel nahezu typisch männliche Leistungen vollbrachten. Schon im Kindesalter zeigte sich der Testosteron-Einfluß auf die AGS-Mädchen; ebenso wie Jungen spielten sie begeistert mit Spielzeuglastwagen und Feuerwehrautos.

Rätselhaft allerdings bleibt für Hirnforscherin Berenbaum, auf welchen Wegen die Sexualhormone den kindlichen Spieltrieb formen; das, klagt sie, sei eine sehr schwer lösbare »Preisfrage«.

Mitunter, so hat die Wissenschaftlerin bei ihren Untersuchungen beobachtet, stürzten sich auch ganz normale Knaben auf Mädchenspielsachen. Mit Vorliebe fielen sie stets über die Barbie-Bestände im Spielzeugkasten her - »und dann«, berichtet Sheri Berenbaum, »haben sie die Puppen nackt ausgezogen«. Y

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Geschlechterunterschiede bei Sprachverarbeitung

[GrafiktextEnde]

* Feststellung von Geschlechterunterschieden am Kernspintomographen.

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