Christian Stöcker

Klima, Digitalisierung, Pandemie Uns doch egal, was die Jungen wollen

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Die vergangenen Wochen zeigen, wie wichtig junge Menschen der Regierung sind: gar nicht. Für sie wird nur etwas getan, wenn es nicht mehr anders geht. Das ist für alle schlecht – und die Leute merken das.
Regierungsbank im Bundestag: Die Zukunft kommt immer schneller auf uns zu. Politik, die für die Jungen gut ist, ist für alle gut

Regierungsbank im Bundestag: Die Zukunft kommt immer schneller auf uns zu. Politik, die für die Jungen gut ist, ist für alle gut

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Jens Schicke / imago images

Die wohl reichweitenstärkste Kolumne, die ich bislang geschrieben habe, trägt die Überschrift »Die Kinder sind längst noch nicht wütend genug«. Sie ist gut zwei Jahre alt und handelt von der Frage, wie es eigentlich sein kann, dass die Entscheidergeneration von heute die drohende Klimakatastrophe wie etwas behandelt, mit dem man sich irgendwann in der Zukunft vielleicht mal beschäftigen könnte.

Seitdem hat sich politisch einiges getan in Sachen Klima, wenn auch weiterhin bei Weitem nicht genug. Rein gar nichts hat sich jedoch verändert bei der Nichtachtung gegenüber Kindern, Jugendlichen und Eltern. Sie ist sogar schlimmer geworden.

Unfassbare kommunikative Ignoranz

Sascha Lobo hat hier am Mittwoch zu Recht über die »deutsche Rentokratie« geschimpft: In den vergangenen vierzehn Monaten wurden die Interessen von Kindern und Jugendlichen erst hintangestellt, dann ignoriert und schließlich mit Füßen getreten.

Man kann und sollte niemandem Kinderlosigkeit vorwerfen. Aber dass die Pandemiemanager Angela Merkel, Peter Altmaier, Jens Spahn und Kanzleramtsminister Helge Braun sämtlich keine Kinder haben, könnte unter Umständen doch etwas zu tun haben mit der unfassbaren kommunikativen Ignoranz, mit der die Bundesregierung Kindern, Jugendlichen und Eltern kontinuierlich begegnet. Eltern sind nicht automatisch bessere Menschen, aber sie haben doch einen anderen Blick auf die Zukunft.

»Tag der Zuversicht«

Nehmen wir das Aufregerthema der Woche. Die Frage ist nicht, ob Grundrechtseinschränkungen bei Wegfall des Grundes selbst wegfallen müssen. Die Frage ist, wie und wann man so etwas kommuniziert.

Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Thorsten Frei etwa erklärte den Donnerstag dieser Woche wegen der Lockerungen zu einem »Tag der Zuversicht «.

Die Eltern, Studierenden und Schüler, die ich so kenne, spüren alles Mögliche im Moment, aber »Zuversicht« rangiert nicht in den Top Ten.

Impfbescheinigung = Passierschein

Ihre Wahrnehmung ist eher: Wir haben unseren Alltag umgestellt, die Mühen und Leiden des Homeschoolings, des abgeklemmten Soziallebens, die weitgehende Einstellung von Freizeitaktivitäten jenseits des eigenen Sofas ertragen. Und halbherzige Lockdowns, Ausgangssperren, Polizeieinsätze im Park. Mit einem Ziel: Möglichst viele Angehörige von Risikogruppen, also zuallererst ältere Menschen, vor dem Tod oder einer schweren Erkrankung zu bewahren.

Aus dem gleichen Grund haben wir es als vernünftig akzeptiert, dass diese älteren Menschen als Erstes geimpft werden. Der Anteil der vollständig Geimpften unter 60 liegt laut Robert Koch-Institut  in allen Bundesländern bei etwa drei bis sechs Prozent, bei den über 60-Jährigen sind es 19 bis 30 Prozent.

Wie gesagt: Das ist alles gut und richtig so.

Jetzt aber haben die Impfbescheinigungen ein gewaltiges Upgrade bekommen. Künftig sind sie auch eine Art bundesweit gültiger Passierschein.

»Die zeigen uns, wie unwichtig wir sind«

Diejenigen, für die man sich die ganze Zeit eingeschränkt hat, werden jetzt von den Einschränkungen befreit. Man selbst nicht. So mancher fühlt sich verladen.

Für die Jungen dagegen wurde wenig bis nichts getan: keine Verbesserung der digitalen Infrastruktur für Schulen, keine Luftfilter, keine kostenlosen digitalen Unterhaltungs- und Kontaktangebote für Kinder und Jugendliche, keine Entlastung für die Eltern, nichts. Demnächst gibt es jetzt Geld für etwas, das Kinder und Jugendliche sicher begeistern wird: Nachhilfeunterricht im Wert von einer Neuntel-Lufthansarettung.

Zitat einer Schülerin aus dem Bekanntenkreis meiner Familie: »Die zeigen uns, wie unwichtig wir sind.«

Generationenkonflikt von oben

Bei allem Verständnis für epidemiologische und medizinische Notwendigkeiten: Das hätte man politisch auch anders handhaben können. Die Regierung erzeugt einen Generationenkonflikt von oben.

Bei der Bundestagswahl 2017 erzielten die Unionsparteien ihre mit Abstand besten Ergebnisse bei den 60- bis 69-Jährigen (35 Prozent) und bei den über 70-Jährigen (45 Prozent). Auch die SPD erzielte ihre besten Ergebnisse bei den über 60-Jährigen, allerdings sind die Unterschiede zwischen den Altersgruppen hier deutlich kleiner.

Der Eindruck »erst impfen sie ihre Wähler, dann privilegieren sie ihre Wähler«, ist für alle, die nicht zu diesem Kreis gehören, schwer zu unterdrücken. Entsprechend groß und hörbar war die Wut nach der Ankündigung der neuen Impf-Passierscheine. Das hätte man absehen können – hat man aber offenbar nicht. Die beste Illustration für die Lage war diese aktuelle Meldung: »Ausflüge nach Mecklenburg-Vorpommern für Geimpfte erlaubt – Kinder aber ausgeschlossen «.

Immer erst dann reagieren, wenn es kracht

Nach der teils erbosten Reaktion auf die lockenden Lockerungen vor allem für Senioren reagierte Jens Spahn so: Er versprach, dass Kindern ab zwölf »möglichst bis zum Ende der Sommerferien« ein »Impfangebot« gemacht werden solle.

All das fügt sich nahtlos ein in ein Muster, das man mittlerweile gewohnt ist: Man fasst Beschlüsse, die jüngere Leute auf die Palme bringen, und wartet, ob man damit durchkommt. Erst, wenn vielen Leuten deutlich hörbar der Kragen platzt, wird etwas nachgeschoben. Oder wenn das Bundesverfassungsgericht interveniert.

Das Kichern des Friedrich Merz

Auch die plötzliche Bereitschaft, jetzt doch strengere Klimaziele mit konkreten Meilensteinen zu verabschieden, passt da nämlich ins Bild: Viele derjenigen, die auch in 30 oder 40 Jahren noch auf diesem Planeten und in diesem Land leben werden, fragen sich gerade, warum jetzt eigentlich plötzlich geht, was bei Verabschiedung des Klimagesetzes noch nicht ging. Warum erst das höchste Gericht darauf hinweisen muss, dass im Grundgesetz steht: »Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen.«

Wer nach einer drastischen Illustration für die Haltung von Teilen der Union bei dieser Frage sucht, betrachte einmal die Reaktion von Friedrich Merz in diesem Schnipsel aus einer Talkshow:

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Der Gesamteindruck ist: Wir regieren so lange rücksichtslos gegen die Interessen der Jüngeren an, bis es wirklich nicht mehr anders geht. Und kichern dabei.

Die Zukunft kommt immer schneller auf uns zu

Mittlerweile aber funktioniert diese Strategie augenscheinlich nicht einmal mehr bei der eigenen Kernwählerschaft.

In den zwei jüngsten Umfragen  zur Wahlabsicht liegt die Union bei 23 bis 25 Prozent, jeweils hinter den Grünen. Und das, obwohl allein die über 60-Jährigen schon jetzt knapp 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die AfD gewinnt derweil nicht, die Wähler wandern also nicht nach rechts.

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Mein Verdacht ist, dass auch viele Großeltern langsam das Gefühl haben, dass die hartnäckige Jugend- und Zukunftsverleugnung der Koalitionsparteien, insbesondere der Union, ein Problem ist.

Unsere Welt steckt in einem sich immer weiter beschleunigenden Transformationsprozess: Klimawandel, Artensterben, Digitalisierung, Wissenschaft. Die Bewahrung des Status quo ist in dieser Situation kein sinnvolles strategisches Ziel. Die Zukunft kommt immer schneller auf uns zu. Politik, die für die Jungen gut ist, ist für alle gut.

Und die Kinder sind immer noch nicht wütend genug.

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