»Mit einem Weiter-so werden wir sie nicht erreichen« Deutschland könnte Klimaziele bis 2030 deutlich verfehlen

Erstmals legt ein Expertenrat der Regierung ein Gutachten zu Klimafragen vor. Das Ergebnis: ernüchternd. Die gesetzten Klimaziele bis 2030 könnten ohne massive Veränderungen kaum noch erreicht werden.
Überflutete B265 bei Erftstadt in Nordrhein-Westfalen (Bild von Juli 2021)

Überflutete B265 bei Erftstadt in Nordrhein-Westfalen (Bild von Juli 2021)

Foto: Guido Schiefer / epd

Deutschland droht nach Einschätzung des Expertenrats der Bundesregierung seine Klimaziele für das Jahr 2030 deutlich zu verfehlen. »Im Moment sieht es nicht so aus, als könnten wir die Ziele erreichen«, sagte die stellvertretende Vorsitzende Brigitte Knopf in Berlin bei der Vorstellung eines Gutachtens zum Stand der deutschen Klimapolitik. »Mit einem Weiter-so werden wir die Klimaziele für das Jahr 2030 definitiv nicht erreichen«, warnte Knopf. Die Bundesrepublik will ihren Ausstoß an Treibhausgasen bis 2030 um mindestens 65 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 senken.

Zwei Tage vor dem Beginn der nächsten Weltklimakonferenz im ägyptischen Scharm el Scheich übergab der Expertenrat für Klimafragen seinen Bericht zum Stand der deutschen Klimapolitik an Regierung und Bundesrat. Das unabhängige Gremium aus fünf Sachverständigen veröffentlichte dieses im Klimaschutzgesetz festgeschriebene sogenannte Zweijahresgutachten erstmals, weitere Gutachten folgen dann im Rhythmus von zwei Jahren.

»Die bisherigen Emissions-Reduktionsraten reichen bei Weitem nicht aus«

In allen Sektoren ließe sich eine erhebliche Lücke mit Blick auf die Ziele des Jahres 2030 hin feststellen. »Die bisherigen Emissions-Reduktionsraten reichen bei Weitem nicht aus, um die Klimaschutzziele für 2030 zu erreichen – weder in der Summe noch in den einzelnen Sektoren«, wird Ratsmitglied Thomas Heimer in einer Mitteilung  zu dem Bericht zitiert. »Die jährlich erzielte Minderungsmenge müsste sich im Vergleich zur historischen Entwicklung der letzten 10 Jahre mehr als verdoppeln«. Im Industriesektor wäre Heimer zufolge etwa eine 10-fache und beim Verkehr sogar eine 14-fache Erhöhung der durchschnittlichen Minderungsmenge pro Jahr notwendig.

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Das bisherige Ausbautempo bei Solar- und Windenergieanlagen, Wärmepumpen oder der Elektromobilität werde den Angaben zufolge bei Weitem nicht ausreichen, um die jeweils anvisierten Ausbauziele der Regierung zu erreichen. Zudem werde deutlich, dass im gleichen Maße ein Abbau von beispielsweise von Öl- und Gasheizungen oder des fossilen Pkw-Bestands notwendig wäre, um die Klimaziele auf diesem Wege zu erreichen, heißt es. Die Analyse der klimapolitischen Maßnahmen zeige, »dass bislang praktisch keine Maßnahmen implementiert wurden, die auf Verhaltensänderungen abzielen«, heißt es in der Mitteilung.

Zwar habe es durchaus Entwicklungen hin zu einem sparsameren Einsatz von Energie gegeben, stellte das Gremium fest. Allerdings würden diese wieder durch stärkeren Verbrauch und Konsum wettgemacht. »Effizienzgewinne wurden also beispielsweise durch das allgemeine Wirtschaftswachstum, größere Wohnfläche oder gestiegene Transportleistungen konterkariert«, erläuterte der Vorsitzende Hans-Martin Henning.

Ohne harte Begrenzung von Emissionsmengen, so das Ergebnis der Analysen, müssten politische Maßnahmen etwa den Rückbau des fossilen Kapitalstocks und eine stärkere Ausschöpfung verhaltensbedingter Effizienzpotenziale forcieren. So ließe sich die Aussicht auf eine Erreichung der Klimaziele zu verbessern, teilen die Autorinnen und Autoren mit.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es in der Bildunterschrift, das Foto sei von Mai 2021. Tatsächlich war die B265 bei Erftstadt im Juli 2021 überflutet. Wir haben die entsprechende Stelle korrigiert.

ani/dpa
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