Konsequenzen der Klimakrise Mehr Regen als Schnee in der Arktis

Die Arktis wärmt sich immer schneller auf. Schon bald könnte es mehr regnen als schneien, sagt eine aktuelle Studie. Und die Veränderungen geschehen so rasant, dass sich die Tierwelt wohl nicht anpassen kann.
Schmelzendes Eis auf Island

Schmelzendes Eis auf Island

Foto: LUIGI MORBIDELLI / picture alliance / Zoonar
Klimakrise

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Die Arktis heizt sich schneller auf als jede andere Weltregion. Das Eis ist nur noch halb so dick wie vor 130 Jahren, die Ausdehnung im Sommer nur halb so groß wie früher. Schon in einigen Jahrzehnten könnte es zudem mehr regnen als schneien – viel früher als bislang vermutet, schreiben Wissenschaftler im Fachblatt »Nature Communications«.

Diese Veränderung werde wohl Jahrzehnte früher kommen als bislang berechnet, so das Forscherteam der kanadischen University of Manitoba und dem US-amerikanischen National Snow and Ice Data Center. Die Gründe dafür seien unter anderem die globale Erwärmung und der Rückgang von Meereis.

»Tierwelt kann sich nicht anpassen«

Die Veränderung werde sich je nach Gegend der Arktis und Jahreszeit unterschiedlich bemerkbar machen, prophezeien die Wissenschaftler auf Basis verschiedener Klimadatenmodelle. Es könne beispielsweise zwischen 2050 und 2080 dazu kommen, dass es im Herbst mehr regnet als schneit.

Diese Veränderung sei zuvor für 2070 bis 2090 vorausgesagt worden. Wenn es gelinge, die globale Erderwärmung zu verlangsamen, könnten diese Veränderungen in der Arktis möglicherweise aber zumindest teilweise noch verlangsamt werden.

»Die Herausforderung, die wir heute in der Arktis sehen, ist, dass sie sich so schnell verändert, dass sich die Tierwelt möglicherweise nicht anpassen kann«, sagte Mark Serreze, Direktor des National Snow and Ice Data Center. »Das ist nicht nur ein Problem für Rentiere, Karibus und Moschusochsen, sondern auch für die Menschen im Norden, die auf sie angewiesen sind.«

Ein junger Walrossbulle

Ein junger Walrossbulle

Foto: Christian Charisius/ DPA

Bereits jetzt verirren sich beispielsweise Walrosse wegen der steigenden Temperaturen in der Arktis immer wieder in südlichen Gewässern. Ein Tier sorgte kürzlich weltweit für Schlagzeilen: Es war in den Niederlanden auf einem Militär-U-Boot entdeckt worden. Ein anderes Walross war vor der Küste Frankreichs, Spaniens und Irlands, beobachtet worden.

Laut Wissenschaftlern werde sich erst in den nächsten Jahren zeigen, ob das Eis der Arktis noch zu retten sei. Die Region stehe kurz vor dem Auslösen eines Kipppunktes. Sollte das sommerliche Meereis komplett verschwinden, hätte das weitreichende Folgen für die Erdsysteme und könnte den Klimawandel weiter antreiben.

Erst im Mai wurden in der russischen Arktis extrem hohe Temperaturen von stellenweise mehr als 30 Grad gemessen, während es in Mitteleuropa deutlich kühler war als normalerweise. Der britische Meteorologe Scott Duncan nannte die Temperaturen in der Arktis damals »überraschend hoch«.

Konsequenzen des Klimawandels

»Das Besondere ist, dass diese Temperaturen so früh im Jahr erreicht werden«, sagte damals Jörg Hartmann vom Alfred-Wegener-Institut. Temperaturen von 30 Grad Celsius würden im Sommer regelmäßig erreicht – allerdings war es dafür eigentlich noch zu früh. »Wir wissen schon seit einiger Zeit, dass sich die Arktis stärker und schneller erwärmt als die mittleren Breiten«, so Hartmann. »Rekorde dieser Art sind zu erwarten und auch für die nächsten Jahre vorprogrammiert.«

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Das bestätigt auch ein Bericht des Arktischen Rates. Die Polarregion hat sich demnach seit 1971 dreimal schneller als der Rest des Planeten erwärmt. Zwischen 1971 und 2019 stieg die durchschnittliche Jahrestemperatur in der Arktis um 3,1 Grad Celsius, auf der Erde insgesamt dagegen um ein Grad Celsius. Der Bericht wurde vom Arctic Monitoring and Assessment Programme (Amap) erstellt, einer Arbeitsgruppe des Arktischen Rates. Dem zwischenstaatlichen Gremium gehören neben Russland und den USA, Kanada, Norwegen, Dänemark, Schweden, Finnland und Island an.

Dem Bericht zufolge könnten die Temperaturen in der Arktis bis zum Ende des Jahrhunderts um 3,3 bis 10 Grad im Vergleich zum Durchschnitt im Zeitraum zwischen 1985 und 2014 steigen. Die Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem seien riesig. Auch die vier Millionen Bewohner der Region bekommen die Konsequenzen des Klimawandels immer stärker zu spüren.

fww/dpa

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