Stefan Rahmstorf

Deutsche Klimaziele Ebbe auf dem CO₂-Konto

Stefan Rahmstorf
Ein Beitrag von Stefan Rahmstorf
Über die entscheidende Kennzahl für Klimaschutz wird noch immer kaum gesprochen. Kein Wunder: Das Konzept des CO₂-Budgets erlaubt es Forschern eine Messlatte an Klimaschutzpläne anzulegen. Nun gibt es neue Zahlen.
Foto: Yasuhide Fumoto / Getty Images

Grün, nachhaltig, ressourcenschonend – all diese Begriffe sind Ihnen bestimmt schon öfter begegnet. Im Supermarkt etwa oder beim Onlineshopping. Bei Unternehmen sind die Adjektive vor allem deshalb so beliebt, weil sie zwar einen guten Eindruck machen, aber wenig Konkretes aussagen. Wer definiert was »grün« ist, was ist wirklich »nachhaltig« und ab wann darf sich ein Produkt einer »ressourcenschonenden« Herstellung rühmen? Die Kriterien dafür sind oft gänzlich unklar, oder so kompliziert, dass kaum ein Verbraucher durchsteigt.

Ähnliches droht nun beim Klimaschutz: Seit Kurzem beanspruchen etwa im politischen Berlin diverse Akteure für sich, eine pariskompatible Politik zu machen. Man sei »auf 1,5-Grad-Pfad« heißt es dann etwa. Doch was heißt das genau? Und lässt sich das nachprüfen?

Die Antwort ist: Ja. Aber ganz einfach ist das nicht.

Die Gesamtmenge des seit Beginn der Industrialisierung ausgestoßenen Kohlendioxids bestimmt weitgehend das Ausmaß der Erderhitzung. Das liegt daran, dass der größte Teil der Erwärmung durch CO₂ verursacht wird, und dass CO₂ sehr lange in der Atmosphäre verbleibt – zum Teil Zehntausende von Jahren.

Noch maximal 500 Milliarden Tonnen, um das Schlimmste zu verhindern

Weil die globale Erwärmung von der gesamten – also kumulativen – Emissionsmenge abhängt, bedeutet jedes Klimaziel eine bestimmte Restmenge, die wir noch ausstoßen können. Das ist das globale Emissionsbudget, das man in den Berichten des Weltklimarats nachlesen kann. Nach dem aktuellsten Bericht von diesem Jahr können wir ab Anfang 2020 noch rund 500 Milliarden Tonnen CO₂ ausstoßen, um mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit unter 1,5 Grad zu bleiben (PDF ). Bis 2020 hat die Menschheit schon 2400 Milliarden Tonnen ausgestoßen, mit einer Unsicherheit von plus oder minus zehn Prozent.

Da aktuell pro Jahr rund 40 Milliarden Tonnen CO₂ emittiert werden, hätte die Menschheit dieses Budget bei konstant hohen Emissionen bereits in 10 Jahren ab heute aufgebraucht, bei einer linearen Abnahme in 20 Jahren. Bis 2030 sollten die Emissionen laut Weltklimarat IPCC deshalb weltweit halbiert werden (siehe Grafik).

Das Konzept des CO2-Budgets ähnelt dem eines finanziellen Budgets, das mit jedem Tag schrumpft – und die Natur bestraft ein Überziehen des Budgets unerbittlich mit Katastrophen und menschlichem Leid.

Grafik: Künftige Emissionspfade nach IPCC – wo wir mit der aktuellen Klimapolitik der Welt sind, und welche Pfade auf 1,5 oder 2 Grad Erwärmung führen.

Spannend ist nun die Frage: Was bedeutet das für Deutschland? Im Pariser Abkommen haben sich alle Länder zu Bemühungen verpflichtet, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Wir sind bereits bei 1,2 Grad globaler Erwärmung angelangt und haben den stabilen Temperaturbereich des Holozäns hinter uns gelassen. In Paris wurde es aber den einzelnen Ländern überlassen, ihren Beitrag zu 1,5 Grad selbst zu definieren.

Deutschland im Weltmaßstab ganz weit vorne

Das Abkommen spricht nur vage von der »gemeinsamen aber differenzierten Verantwortung der Staaten«, womit die größere Verantwortung der reichen Industrieländer gemeint ist. Deutschland liegt bei den kumulativen CO2-Emissionen auf Rang sechs  aller (rund 200) Länder der Erde, hinter den USA, China, Russland, Brasilien und Indonesien, die freilich alle eine viel größere Bevölkerung haben. Wir gehören im Weltmaßstab zu den Ländern mit der größten Verantwortung für die zunehmend gefährliche Destabilisierung des globalen Klimas.

Was ein fairer Anteil der Bundesrepublik am globalen Restbudget wäre, errechnet der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) seit einiger Zeit, wobei natürlich Annahmen über eine gerechte Verteilung des Budgets getroffen werden müssen. Der SRU trifft hier für uns günstige Annahmen und betrachtet die Zahlen daher als Obergrenze. Jüngstes Ergebnis: Deutschland stehen ab 2022 nur noch 3,1 Milliarden Tonnen CO2-Ausstoß zu, für eine 50:50 Chance, die Erwärmung unter 1,5 Grad zu halten. Beim aktuellen Emissionsniveau würde dieses Budget nur noch vier Jahre reichen. Bei linearer Minderung immerhin bis 2031 – dazu müssten die Emissionen aber rund doppelt so schnell sinken, wie bislang im deutschen Klimaschutzgesetz vorgesehen.

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Das Klima kümmert sich freilich nur um die Gesamtemissionen aller Staaten – emittieren manche mehr, kann das dadurch ausgeglichen werden, dass andere weniger ausstoßen. Nur können wir natürlich nicht einfach darauf vertrauen, dass andere schon für uns buchstäblich die Kohlen aus dem Feuer holen werden. Man kann sich aber mit Partnern verbindlich auf solche Deals einigen –, wie es innerhalb der EU mit gemeinsamen Klimazielen ja auch geschieht.

Davon können wir in Deutschland profitieren, gibt es doch in der EU Länder mit wesentlich geringeren Pro-Kopf-Emissionen als bei uns. Die EU müsste für das 1,5-Grad-Ziel bei linearer Minderung daher erst 2039 und nicht schon 2031 bei Nullemissionen ankommen. Doch leider reichen auch die bisherigen EU-Ziele nicht aus, um dies – und damit einen fairen Beitrag zur Einhaltung von 1,5 Grad – zu leisten.

Daher sollte nach den neuen Berechnungen des Umweltrats nicht nur Deutschland ambitioniertere Klimaziele anstreben, sondern sich außerdem für stärkere EU-Ziele einsetzen, wofür übrigens auch das Europaparlament gestimmt hat. Und vor allem kommt es natürlich darauf an, das mit einem beschlossenen Minderungspfad verbundene Emissionsbudget auch tatsächlich einzuhalten.

Anm. d. Red: In einer früheren Version des Artikels wurde in einer Grafik der globale Ausstoß von Klimagasen in Millionen Tonnen pro Jahr angegeben. Tatsächlich handelt es sich um Milliarden Tonnen. Wir haben die Grafik angepasst.

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