Haltung zum Klimaschutz »Der moralische Zeigefinger funktioniert nicht«

Viele Deutsche sind genervt von Klimaaktivisten, zeigt eine Studie des Umweltbundesamts. Die Zustimmung zu konkreten Maßnahmen ist aber hoch.
20.000 Menschen demonstrierten im Oktober vor dem Brandenburger Tor für mehr Klimaschutz

20.000 Menschen demonstrierten im Oktober vor dem Brandenburger Tor für mehr Klimaschutz

Foto: Alexander Pohl / IMAGO

Trotz Pandemie bleibt der Klimaschutz für mehr als zwei Drittel der Bürgerinnen und Bürger ein besonders wichtiges Thema. 70 Prozent empfinden die Maßnahmen, die dafür nötig sind, auch nicht als Zumutung. Das geht aus einer am Freitag veröffentlichten Studie des Umweltbundesamts  (UBA) hervor. Allerdings wachse die Anzahl derer, die von dem Gefühl genervt seien, dass ihnen vorgeschrieben werde, wie sie zu leben hätten, sagte UBA-Präsident Dirk Messner.

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»Der moralische Zeigefinger funktioniert nicht«, sagte Messner den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Dabei fordern die meisten Menschen Fortschritte bei Umwelt- und Klimaschutz ein. »Die Regierung hat Rückenwind, wenn sie gut erklärt, was sie vorhat, und dabei die soziale Ausgewogenheit berücksichtigt.«

Beispiel CO₂-Preis: »Die Politik sollte immer dazusagen, dass sie einen signifikanten Teil der Einnahmen an die Bürgerinnen und Bürger zurückgeben will – etwa über die Abschaffung der Ökostrom-Umlage.« Denn die Bürgerinnen und Bürger wollten keinen Klimaschutz »um jeden Preis«, etwa wenn es um Arbeitsplätze gehe.

Konkrete Maßnahmen haben hohe Unterstützung

Wenn der ökologische Umbau der Wirtschaft zu Jobverlusten führt, zögen 50 Prozent die Sicherheit des Arbeitsplatzes vor, sagte Messner. »Das heißt aber auch: 50 Prozent bewerten den Klimaschutz höher.«

Konkrete Maßnahmen wie ein Tempolimit auf Autobahnen, die Reduktion von Pflanzenschutzmitteln, weniger Fleischkonsum oder ein Subventionsstopp für klimaschädliche Produkte hätten die Unterstützung von 60 bis 90 Prozent der Befragten.

Klimaplakat in der Konstanzer Innenstadt

Klimaplakat in der Konstanzer Innenstadt

Foto: Andreas Haas / imago images / imago images/Andreas Haas

Vier von fünf Teilnehmern der Umfrage gaben zudem an, den Klimawandel persönlich als Bedrohung zu empfinden. Die Folgen würden die Lebensgrundlagen auch in Deutschland in Gefahr bringen. Politik, Wirtschaft – und auch sich selbst – attestiert eine Mehrheit, dass sich das gestiegene Bewusstsein noch nicht ausreichend in entsprechenden Verhaltensänderungen niederschlage.

Während nur 16 Prozent der Befragten meinten, dass die Industrie genug tut, fanden dies bei der Bundesregierung nur ein Viertel und bei den Städten und Gemeinden gut ein Drittel. Die Befragung fand allerdings bereits im Dezember 2020 statt, also vor der Bundestagswahl und dem Regierungswechsel. Auf Nachfrage nannte der Pressesprecher des UBA die Größe des Projekts als Grund für die späte Veröffentlichung.

Nur jeder Fünfte meinte, dass die Bürgerinnen und Bürger selbst genug für den Umwelt- und Klimaschutz tun. Dabei sei »eine gewisse Überforderung erkennbar«, heißt es in der Studie. So geben 44 Prozent der Befragten an, dass ihnen »persönlich oft die Möglichkeiten fehlen« würden, etwas für den Klimaschutz zu tun. Zudem denkt knapp ein Fünftel, sich »nicht auch noch um den Klimaschutz« kümmern zu können.

»Die Unsicherheit, welchen Beitrag zum Klimaschutz man als Einzelperson wirklich leisten kann, wirkt sich auf das Handeln aus«, schreiben die Experten des Umweltbundesamts. Diese Lücke zwischen Bewusstsein und Verhalten zeige sich dabei gleichermaßen »bei Jung und Alt, formal hoch oder weniger Gebildeten, Frauen und Männern, Wohlhabenden oder weniger Wohlhabenden«.

»Die Studie hält eine gute Nachricht bereit – und ein Rätsel«, sagte Manuel Rivera vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam. »Die gute Nachricht ist, dass die Pandemie in Deutschland nicht dafür gesorgt hat, dass Menschen die ökologische Krise vergessen.«

Das Rätsel liege darin, dass die Unterschiede in der Veränderungsbereitschaft sich kaum noch durch die üblichen Faktoren wie Bildung, Einkommen oder Wohnort erklären ließen.

fww/dpa
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