Stefan Rahmstorf

Extremsommer 2022 Was 100.000 Tote zusätzlich mit dem Klimawandel zu tun haben

Stefan Rahmstorf
Ein Gastbeitrag von Stefan Rahmstorf
Der vergangene Sommer war in Europa der heißeste seit mindestens 500 Jahren. Das macht sich deutlich in der Sterbestatistik bemerkbar. Weltweit könnten in wenigen Jahrzehnten ganze Regionen unbewohnbar sein.
Eine Frau läuft im Juli 2022 in London durch Greenwich Park in London

Eine Frau läuft im Juli 2022 in London durch Greenwich Park in London

Foto: Tim Ireland / Xinhua / IMAGO

Dass Hitze töten kann, ist in Europa spätestens seit dem »Jahrhundertsommer« 2003 klar . Am Stadtrand von Paris mussten damals gekühlte Zelte aufgestellt werden, weil die Leichenhäuser der Stadt völlig überfüllt waren. Die Sterblichkeitsstatistik zeigte, dass die damalige Sommerhitze in Europa rund 70.000 Todesopfer gefordert hat. Und der Rekordsommer 2003 ist seither bereits viermal übertroffen worden.

Temperaturen in Europa am 18. Juli 2022

Temperaturen in Europa am 18. Juli 2022

Die bislang heißesten Sommer sind inzwischen in aufsteigender Reihenfolge 2010, 2018, 2021 und 2022. Ersterer mit verheerenden Bränden rund um Moskau, Dürre und Missernten, die dazu führten, dass Russland den Export von Getreide verbot, was die Brotpreise in Nordafrika in die Höhe trieb und als ein Auslöser des Arabischen Frühlings gilt.

Für Deutschland hat eine Studie des Robert Koch-Instituts (RKI), des Umweltbundesamtes (Uba) und des Deutschen Wetterdiensts (DWD) für die Jahre 2018 bis 2020 abgeschätzt, dass insgesamt 19.300 Menschen durch die Auswirkungen von Hitze ums Leben kamen. Und im August hat das Statistische Bundesamt darauf hingewiesen, dass im Juli 2022 in Deutschland auffallend viele Menschen starben: rund 9.000 beziehungsweise 12 Prozent mehr Menschen als im Schnitt im Juli der vier vorangegangenen Jahre . Die unmittelbaren physiologischen Probleme, die zum Tod führen, sind dabei vielfältig .

Korrelation zwischen erhöhter Todesrate und Hitze

Kürzlich wurden die Daten für Europa für den Hitzesommer 2022 auf der Datenseite des EuroMOMO-Netzwerks  zur Beobachtung von Sterblichkeitsentwicklungen veröffentlicht, und sie sind erschreckend. Die Übersterblichkeit in den Monaten Juni, Juli, August betrug demnach 107.000 Menschen (mehr dazu lesen Sie hier ).

Könnte das an Covid liegen? Das Statistische Bundesamt schrieb zu den deutschen Zahlen, dass Covid sie »nur zu einem geringen Teil« erklärt. Stattdessen korrelieren sie stark mit der Temperatur . Am stärksten war die Übersterblichkeit in der Woche vom 18. bis 24. Juli, in der ein Viertel mehr Menschen als erwartet starben.

In dieser Woche purzelten laut Deutschem Wetterdienst Allzeitrekorde in Deutschland, an vielen Orten wurden über 40 Grad Celsius erreicht. Europaweit zeigt sich auch eine klare Korrelation mit dem räumlichen Muster der Hitzewellen. Dort, wo in dieser Rekordwoche die Hitze war, wurden auch ungewöhnlich hohe Todesraten beobachtet: unter anderem in Spanien, Italien, Deutschland und England.

England und Wales waren vor allem vom 17. bis 19. Juli von der Hitze erfasst worden, die an mehreren Stationen 40 Grad Celsius überstieg; nach einer Auswertung durch den Londoner Hitzesterblichkeits-Experten Antonio Gasparrini starben allein an diesen drei Tagen rund 1.000 Menschen durch die extremen Temperaturen .

Boulevardzeitung in England

Boulevardzeitung in England

In Spanien, wo große Landesteile den heißesten oder zweitheißesten Sommer erlebten, betrug die Übersterblichkeit über 20.000 Menschen, sagt die dort lebende Hitze-Expertin Veronika Huber: »Die Sterberate pro eine Million Einwohner war die höchste seit dem Jahr 1950 – es war der tödlichste Sommer seit 1950.«

Kosten: Rund 100.000 Menschenleben

Gegen einen großen Einfluss der Covid-Pandemie spricht auch der Vergleich mit dem Sommer 2020, in dem die europaweite Übersterblichkeit weniger als ein Viertel der Zahl für 2022 betrug, obwohl 2020 weniger Menschen geimpft und die Covid-Todeszahlen für das Jahr insgesamt am höchsten waren. Anders gesagt: Wäre Covid-19 ausschlaggebend für die Übersterblichkeit 2022, wären niedrigere Werte zu erwarten gewesen als 2020.

Die Daten deuten daher stark darauf hin, dass der vergangene Hitzesommer in Europa rund 100.000 Menschenleben gekostet hat. Es ist kaum begreiflich, dass dies den meisten Medien kaum eine Fußnote wert ist.

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Die meisten Opfer gab es in der Altersgruppe ab 65 Jahren. Gerade für Senioren erweist sich die fortschreitende Erderwärmung damit als echter Killer. Dass extreme Hitzewellen bereits um ein Vielfaches häufiger geworden sind aufgrund der durch fossile Brennstoffnutzung verursachten Überhitzung unseres Planeten, ist wissenschaftlich belegt . Ebenso die Tatsache, dass gerade Europa ein Hotspot zunehmender Hitzewellen ist . Wir sollten daher – wie Frankreich nach der Katastrophe 2003 – unbedingt bessere Vorsorge für künftige, noch schlimmere Hitzewellen treffen .

Ganze Regionen werden unbewohnbar

Abwiegler weisen seit vielen Jahren gern darauf hin, dass bei niedrigen Temperaturen mehr Menschen sterben als bei hohen, und behaupten, eine Erwärmung sei daher gut. Und tatsächlich liegt die geringste Sterblichkeit bei uns typischerweise bei milden 15 bis 20 Grad Celsius. Daraus zu folgern, dass eine Erwärmung insgesamt die Lebenserwartung erhöht, ist aber ein Trugschluss, weil die Sterblichkeit zu niedrigeren Temperaturen hin nur sehr flach ansteigt, in Richtung zunehmender Hitze aber sehr steil.

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Gerade hat ein Bericht  der Vereinten Nationen und des Roten Kreuzes davor gewarnt, dass schon in wenigen Jahrzehnten ganze Regionen der Erde durch die Hitze unbewohnbar werden , wenn wir die Erderwärmung nicht bald stoppen. Der Aufenthalt im Freien wird dann während Hitzephasen so gefährlich, dass etwa die Arbeit auf Baustellen oder auf den Feldern auch jungen, gesunden Menschen nicht mehr möglich ist.

In diesem Frühjahr gab es bereits in Indien und Pakistan eine wochenlang anhaltende Hitzewelle mit verbreitet Temperaturen weit über 40 Grad Celsius, bis zu 49,5 Grad Celsius in der Stadt Nawabshah; die Wahrscheinlichkeit dieser Hitze hat sich durch die Erderwärmung verdreißigfacht . Im Golfstaat Katar dürfen bereits seit Mai 2021 Arbeiter im Sommer zwischen 10 und 15.30 Uhr nicht mehr im Freien arbeiten.

Und die Überhitzung unseres Planeten wird mit jedem Jahr des politischen Zauderns und Vertagens nur schlimmer. Wir können die Erderwärmung später nicht zurückdrehen, wenn es uns endgültig zu heiß geworden ist, denn der von uns einmal verursachte CO₂-Anstieg in der Atmosphäre wird viele Jahrtausende Bestand haben. Wir können ihn nur in letzter Minute stoppen, indem wir die Emissionen so schnell wie möglich auf null bringen. Die Rezepte dafür hat der Weltklimarat IPCC in seinem aktuellen Bericht ausführlich dargelegt .

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