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SPORTUNFÄLLE Knockout am Steuer

Ein Sportmediziner warnt vor Kartbahnen: Hobby-Rennfahrern mit Kreislaufschwäche droht der Herzinfarkt.
aus DER SPIEGEL 49/2002

So 'ne Art Rennen«, erinnert sich Cornelia Warpaul, wollte ihr Mann fahren. Im »Ralf Schumacher Kartcenter« von Bispingen südlich von Hamburg bestieg der kaufmännische Angestellte ein 9-PS-Gefährt und brauste mit seinen Kollegen los. Seine Frau sah von einer Terrasse aus zu.

Wenig später musste sie mit ansehen, wie ihr Mann »auf dem Kart zusammengesackt und quer über die Bahn geschossen« ist. Der 40-jährige Vater von vier Kindern erlag noch im Kartcenter seinem zweiten Herzinfarkt.

Bernd Warpaul ist nicht der erste Freizeit-Rennfahrer mit schwachem Herzen, der beim Kartspaß den Tod fand:

* In Bremen erreichte ein Vertriebsmanager gerade noch den Zieleinlauf, als sein Herzschlag für immer aussetzte.

* Im Kerpener »Michael Schumacher Kart-Center« fuhren Autohändler aus Neuss um die Wette. Einer raste plötzlich in einen Reifenstapel und starb noch auf der Bahn - nicht am Aufprall, sondern am vorausgegangenen Herzinfarkt.

* In Bern erlag sogar ein 17-Jähriger beim Kartfahren dem plötzlichen Herztod.

Wie viele Kartfahrer bereits auf diese Weise zu Tode kamen, ist nicht zu ermitteln. Nach Schätzung des Deutschen Motor Sport Bundes (DMSB) gibt es in Deutschland 160 bis 180 Kartbahnen. »Das sind wilde Veranstaltungen, über die wir keine Aufsicht haben«, sagt Verbandssprecher Dieter Scharnagl. Lediglich sechs der Bahnen seien überhaupt sicherheitstechnisch nach DMSB-Richtlinien abgenommen.

Fest steht, dass sich Menschen mit angeschlagener Gesundheit auf einem Kart rasch in akute Lebensgefahr bringen können. »Das ist eine extreme körperliche Anstrengung, was sich viele überhaupt nicht klar machen«, warnt Sportmediziner Markus Schmitt. Der Lindauer Arzt betreut die Mercedes-Rennfahrer in der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft.

Aus Interesse schnallte Schmitt Freizeit-Fahrern auf einer Kartbahn testweise Pulsfühler um, mit denen er sonst den Takt der Profi-Herzen misst: »Da habe ich einen Riesenschreck gekriegt.«

Nach wenigen Runden zeigten die Geräte Pulsfrequenzen von teilweise über 200 Schlägen pro Minute an. Solche Werte erreichen Profis im Rennen und halten das auch aus. Ein untrainierter Kettenraucher mit angeschlagenem Blutkreislauf jedoch »schwebt dann in höchster Lebensgefahr«.

»Das Tückische am Kartfahren«, sagt Schmitt, »ist die Tatsache, dass man das relativ schnell lernt.« Karts haben Slick-Reifen mit Gummimischungen wie bei Formel-1-Fahrzeugen. Sie kleben förmlich auf der Fahrbahn. Mit etwas Talent und Mut erreicht deshalb auch ein Laie sehr schnell sehr hohe Kurvengeschwindigkeiten.

Zudem ist die direkte Lenkung extrem schwergängig und fordert dem Fahrer enormen Krafteinsatz ab. Dann mischt sich noch etwas Ehrgeiz in das Gaudium - und schon rast das Herz.

Üblich und etwa bei Firmenfeiern häufig gebucht ist ein halbstündiges Programm, das der Dramaturgie eines echten Rennens folgt: Die ersten zehn Minuten bestehen aus Trainingsrunden mit Zeitnehmung. Dann wird, wie in der Formel 1, die Startformation nach Rundenzeiten mit dem Schnellsten in »Pole-Position« aufgestellt - zum Rennen über 20 Minuten. »Danach sind Sie platt«, gibt Paul Droßard zu, Geschäftsführer des Ralf Schumacher Kartcenters in Bispingen.

Die Anlagen der berühmten Formel-1-Brüder in Kerpen und Bispingen zählen zu den aufwendigsten Immobilien einer im Blitzstart erblühten Freizeitindustrie. Beide Schumis entdeckten im Kartsport ihr Talent und nutzen die breite Begeisterung für Mini-Rennwagen jetzt als Unternehmer. Über 80 000 Besucher strömten in diesem Jahr auf Ralf Schumachers Kartbahn, die direkt am Autobahnrand in die Lüneburger Heide gepflanzt wurde. Der Rennsport-Promi besitzt die Hälfte des Unternehmens, sein Konterfei ziert in einem überdimensionalen Wandfresko das Treppenhaus des Gebäudes. Neun Millionen Euro sind bisher in die Anlage geflossen.

Drei Mechaniker warten den Fuhrpark: etwa hundert Karts mit Benzinmotoren unterschiedlicher Leistung. Das Kindermodell (bis 13 Jahre) hat 5,5 PS, der Hallen-Kart für Erwachsene 6,5, und der Outdoor-Renner erreicht mit 9 PS über 70 km/h.

Von Wettbewerbs-Karts mit Leistungen über 30 PS und Spitzentempi um 150 km/h sind die gezähmten Versionen zwar weit entfernt, aber dennoch nicht ungefährlich. Geschäftsführer Droßard pocht deshalb auf ein klares Sicherheitsmanagement.

Alle Teilnehmer bekommen vor dem Rennen eine Einweisung mit »Flaggenkunde«. Streckenposten warnen mit Fahnenzeichen und zeigen zur Not auch das schwarze Tuch, das den Adressaten disqualifiziert. Droßard: »Wenn einer übertreibt, ziehen wir ihn gnadenlos raus. Und das war's dann.«

Zu tödlichen Crashs kam es in Bispingen bislang nicht. Nur eines der im Prinzip sehr robusten Fahrzeuge erlitt einen Totalschaden: Eine Teilnehmerin, offenbar entkräftet, fuhr mit Vollgas in den »Start/Ziel«-Bogen, flog aus dem Sitz (Karts haben meist keine Gurte) und wurde mit dem Krankenwagen abgeholt. Bleibende Schäden, versichert Droßard, habe sie nicht davongetragen. Dass Kartfahren extrem anstrengend sein kann, leugnet der Geschäftsführer nicht: »Das darf man nicht wegwischen, die Leute haben einen Adrenalinausstoß, wollen eben Rennen fahren.«

Gut die Hälfte der Kunden sind Firmengruppen, die die Kartbahn für Betriebsfeste nutzen: Banken, Versicherungen, die Ärztekammer, und auch die »Hells Angels« waren schon da. Zur Renn-Betreuung zählen ausgedruckte Rundenzeit-Diagramme für alle Teilnehmer und eine Siegerehrung auf dem 1-2-3-Treppchen.

Sportmediziner Schmitt rät Personalchefs, ihre Mitarbeiter vor dem Kartspaß wie vor einem Marathonlauf ärztlich untersuchen zu lassen: »Die Belastungen sind vergleichbar.«

Geschäftsführer Droßard wird zwar keinen Betriebsarzt einstellen, ließ aber schon deutlich lesbare Schilder anfertigen, die im Eingangsbereich des Ralf Schumacher Kartcenters vor Risiken warnen und Herz-Kreislauf-Patienten empfehlen, »die Benutzung eines Karts zu unterlassen«. CHRISTIAN WÜST

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