Zur Ausgabe
Artikel 92 / 123
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Gentechnik Köstliche Chimäre

Eine neue Angst geht um: In Presse und Fernsehen wird vor Hackern gewarnt, die Urzeitmonster wiedererwecken. Was steckt dahinter?
aus DER SPIEGEL 35/1996

Er ist naiv, jung, neugierig und gefährlich. Er will immer nur das Beste und schafft doch das Schreckliche. Denn er weiß nicht, was er tut.

So etwa porträtiert Christian Zimmermann, 29, in seinem jetzt erscheinenden Buch ("Der Hacker - ein Insider packt aus") eine neue Spezies Mensch, eine unheimliche Chimäre aus Genforscher und Computerkid: den Genhacker.

Der erste Auftritt wurde dem Propheten heraufdämmernden Unheils im Magazin der Süddeutschen Zeitung gewährt: »Was haben Sie da mitgebracht?« fragte die Interviewerin Carolin Schuhler ihren Gast, und der durfte dann schildern, was sich mit seinem Mitbringsel, einem unscheinbaren Glaskasten samt etwas Elektronik, Furchtbares machen läßt: »Etwas überzogen gesagt: kleine Saurier.«

Bei ihren Streifzügen durch die Datennetze der Industrie, so mußte der entsetzte SZ-Leser erfahren, hätten Hacker auch den Computer des Schweizer Chemie-Riesen Ciba-Geigy angezapft.

Dabei seien sie auf ein mysteriös anmutendes Versuchsprotokoll gestoßen: Den beiden Ciba-Geigy-Forschern Guido Ebner und Heinz Schürch, so war dort zu lesen, sei es gelungen, die Evolution umzukehren. Unter der Einwirkung eines elektrostatischen Feldes hätten sich aus gewöhnlichen Wurmfarnen urtümliche Hirschzungenfarne entwickelt. Auch Urmais und die Ahnen der Regenbogenforelle wollten die Schweizer Forscher neu erschaffen haben.

Ciba-Geigy, so berichtet Zimmermann weiter, habe die Forschung eingestellt. Zwar berge die Entdeckung gewaltige Möglichkeiten - die Entwicklung von schnellwüchsigen Riesenforellen etwa, oder von Nutzpflanzen, die ohne Hilfe von Chemie gedeihen - , aber das, so Zimmermann, passe »der Pharmaindustrie nicht besonders gut in den Kram«.

Statt dessen falle die spektakuläre Technik nun verantwortungslosen Hackern in die Hände. Begierig hätten die sich darauf gestürzt, und tauschten sich nun per Internet darüber aus, welch possierliche Urzeitmonster sie erzeugt hätten ("Schon mal Tulpen mit Stacheln gesehen? Kommt echt gut.").

Eine bizarre Mischung aus Hackerthriller und Gentechgrusel mithin, angereichert mit unheimlichen Elektrofeldern und düsteren Machenschaften der Chemieindustrie - zu schön, um nicht auch im Fernsehen aufgegriffen zu werden.

Am Mittwoch letzter Woche zog »Stern TV« nach. Diesmal kam einer der Hacker persönlich zu Wort. Zwar durfte der Zuschauer nur sein Profil im Gegenlicht sehen, doch was der Mann im Schilde führt, war dem diabolisch leuchtenden Bildschirm im Hintergrund zu entnehmen: »Es ist soweit: Ich bin Gott!!!«

Von einer mutierten Spinne berichtete der angebliche Genhacker. Die habe ihn gebissen. 14 Tage lang habe er Schmerzen gelitten - ein Vorgeschmack darauf, was sonst noch aus den Labors der heimlichen Erbgutbastler zu erwarten ist. Auch »die perfekte bakteriologische Waffe, für 250 Mark im Keller zusammengelötet«, hält Zimmermann für denkbar.

Brechen demnach schon bald die Urzeitungeheuer aus den Kellern der Hobbygenhacker aus? Werden sich durch elektrische Manipulation Zwergpinscher wieder in Wölfe verwandeln? Können unter Hochspannungsleitungen Neandertaler geboren werden?

»Stern TV«-Moderatorin Amelie Fried jedenfalls standen »die Haare zu Berge«.

Und nicht nur ihr. »Wir haben uns schlapp gelacht«, berichtet Alex Olek vom Max-Planck-Institut (MPI) für molekulare Genetik in Berlin. »Die Behauptung, man könne Gene durch elektrische Felder revitalisieren, ist absoluter Unsinn«, erklärt auch Kasper Zechel, Biophysiker vom MPI in Göttingen.

Denn was sich wie die Verwirklichung schlimmster Schreckensvisionen ausnimmt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Lehrstück über die Gesetze einer Mediengesellschaft.

Guido Ebner ist bis heute davon überzeugt, daß ihm 1985 mit seiner elektrischen »Evolutions-Umkehr-Maschine« ein Durchbruch geglückt sei. Unter seinen Kollegen freilich galt er seither als irregeleiteter Spinner.

Wissenschaftlich veröffentlicht hat Ebner seine Experimente bis heute nicht. Dafür geistert seit Anfang der neunziger Jahre seine mysteriöse Rückwärts-Evolution durch halbseriöse Fernsehsendungen, durch Presse und esoterische Bücher.

Doch erst Zimmermann hat das medienwirksame Kunststück vollbracht, das nie bestätigte Ebner-Experiment als Geheimwissen von Hackern zu deklarieren und damit die diffusen Ängste vor Gentechnik und Datenklau zur Gruselmär von den Genhackern zu verschmelzen.

»Köstlich« findet der Kölner Physik-Professor Günter Nimtz die »revolutionären Resultate« ("Stern TV") der beiden Schweizer noch aus einem ganz anderen Grund. Als Autor des Buches »Elektrosmog« hat er sich ausgiebig mit den Bemühungen von Wissenschaftlern befaßt, die Wirkung elektrischer Felder auf biologische Organismen nachzuweisen. Auf voreilige Behauptungen oder falsche Schlüsse ist er dabei oft gestoßen.

Nur selten aber habe er von einem ähnlich absurden Experiment wie dem der Schweizer gehört. Denn die von ihnen beschriebene Versuchsanordnung sei so konzipiert, daß dort, wo die vermeintlich elektrisch beeinflußten Zellen sich befinden, »gar kein elektrisches Feld ist«.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 92 / 123
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.