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Kollektives Dösen

Schlafen in der U-Bahn, am Schreibtisch oder im Restaurant - für die Japaner gehören öffentliche Schlummerpausen zum Alltag. Meist steckt dahinter pure Erschöpfung.
aus SPIEGEL Wissen 4/2009

Die uniformierte Panasonic-Angestellte drückt eine Taste neben dem Bett, dann verneigt sie sich und verlässt diskret das Schlafzimmer. Nach und nach erlischt die Beleuchtung, die Matratze beginnt vom Fußende her zu vibrieren, sanfte Musik wiegt den Besucher in den Schlaf.

Nach 20 Minuten wird es langsam wieder heller, Vogelgezwitscher und das Gurgeln plätschernder Bäche tönt aus Lautsprechern. Ein Pochen unter der Matratze holt den Schlafenden schließlich aus seinem Schlummer. Da steht auch schon wieder die Panasonic-Dame, sie erkundigt sich höflich, wie es sich denn im Hightech-Bett ihrer Firma so ruhen lässt.

Zwar ist erst früher Vormittag, aber im Vorführraum des Elektronikherstellers in einem Wolkenkratzer mitten in Tokio tummeln sich schon jede Menge gestresster Japaner. Bei erstklassigem Service können sie hier ausprobieren, wie ihnen moderne Technik hilft, ein Grundbedürfnis zu befriedigen: den Erholungsschlaf zu jeder Tageszeit.

Japan, die Inselnation im Hochleistungsstress, leidet unter Schlafmangel. Deshalb beherrschen viele Japaner bereits die beneidenswerte Fähigkeit, stets und fast überall einzunicken. Vor allem die Pendlerzüge in den Ballungszentren gleichen rollenden Schlafsälen. Selbst im Stehen dämmern Passagiere vor sich hin, und in der anonymen Enge der überfüllten Waggons dulden es viele sogar, dass schlafende Nachbarn ihre Schulter als Kopfkissen benutzen.

Mehrmals am Tag einzunicken gehört sozusagen zur nationalen Eigenart der Japaner. Anders als in Nordeuropa mit einer meist »einphasigen Schlafpraxis« oder den Mittelmeerländern mit ihrer Siesta handele es sich in Nippon um eine »Nickerchen-Kultur«, erläutert die Japanologin Brigitte Steger in ihrem Standardwerk über schlafende Japaner.

Der kollektive Drang zum Dösen erklärt sich oft aus purer Erschöpfung. Allein für die Fahrt zur Arbeit benötigen Pendler in Tokio bis zu zwei Stunden. Bisweilen übermannt die Müdigkeit selbst die Zugführer: Erst im August nickte der Fahrer eines Eilzugs von Tokio ins benachbarte Tsukuba ein - ein aufmerksamer Fahrgast filmte den schlafenden Zugführer mit seinem Handy und mailte die Bilder an den Zielbahnhof. Da fuhr der Zug gerade mit Tempo 125. Zum Glück hatte der Fahrer vorher auf Autopilot geschaltet.

Extremer Schlafmangel wird in der zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt neuerdings auch offiziell als Ursache für den »Tod durch Überarbeitung« anerkannt, »Karoshi« heißt der heimtückische Erschöpfungstod auf Japanisch. Im Frühjahr war ein 54-jähriger Angestellter einer Sicherheitsfirma, der mehr als hundert Überstunden im Monat geschuftet hatte, plötzlich gestorben - für die Arbeitsversicherung ein Fall von »Karoshi«.

Schlafen in der Öffentlichkeit verletzt deshalb in Japan keinerlei Tabu, im Gegenteil, häufig gilt es sogar als Beweis für Fleiß und verdiente Müdigkeit. Auch Fernsehübertragungen aus dem Parlament zeigen immer wieder, wie das halbe Kabinett friedlich schlummert.

Die parlamentarische Dämmerpraxis hatte ihre Ursache bislang auch darin, dass viele Gesetzesvorlagen von der mächtigen Bürokratie zuvor schon bis ins Kleinste ausgefeilt waren und nur noch abgenickt werden mussten. Die bis vor kurzem regierende Liberaldemokratische Partei organisierte für ihre Abgeordneten allerdings einen Weckdienst, damit wenigstens nicht allzu viele beim Wähler nur durch Schlafen auffielen.

Nippons beengte Wohnkultur fördert den nahtlosen Übergang von gemeinsamem Wachen ins Schlafen. Auch heute noch breiten viele Familien abends ihre traditionellen Futons zum gemeinsamen Schlafen aus.

In Kneipen strecken sich Gäste nach dem Mahl einfach auf den Reisstrohmatten aus, mit denen der ganze Fußboden bedeckt ist.

Kurze Schlummerphasen waren schon im Kaiserreich üblich. Die Tennos ruhten mit Vorliebe auf den Knien ihrer Gemahlinnen. Historische Bilder zeigen sogar Samurai mit geschlossenen Augen - allerdings blieben die Krieger dabei meist wachsam. Denn »Inemuri« - der Begriff für »Nickerchen« - heißt: »anwesend sein und schlafen«.

Tatsächlich dösen die Schlafenden selten völlig weg; selbst wenn Japaner bei Besprechungen einnicken, bleiben sie laut Steger weiter »involviert«. So wird es auch allgemein akzeptiert: Solange die Teilnehmer ihre Pflichten nicht fahrlässig vernachlässigen, dürfen sie ihre Augen ruhig schließen.

Routinierte Schläfer beherrschen überdies die Technik, sich rechtzeitig wieder in die Beratungen einzuschalten: Sie halten die Augenlider nach dem Aufwachen noch so lange gesenkt, bis sie den Gesprächsfaden wieder erfasst haben.

Dieser Trick gelingt jedoch nicht jedem Japaner. Manchmal müssen Untergebene auch ihr landesübliches Taktgefühl überwinden, um die Aufmerksamkeit schlafender Autoritäten zu erlangen.

Als etwa der Justizminister 1972 dem damaligen Kaiser Hirohito eine Liste mit Strafgefangenen vorlas, die begnadigt werden sollten, nickte Seine Majestät leider ein. Der Minister setzte seinen Vortrag zunächst mit gesenkter Stimme fort. Doch als der Tenno nach einer halben Stunde immer noch schlief, holte der Besucher kurzerhand den Hofmarschall zu Hilfe: Dieser durfte sich erlauben, den Tenno wachzurütteln.

Vor allem seit Ausbruch der globalen Finanzkrise erwarten allerdings selbst Japaner von ihren Regierenden ein gewisses Maß an Wachsamkeit. Als dem damaligen Finanzminister Shoichi Nakagawa im Februar bei einer Pressekonferenz am Rande des Finanzminister-Treffens der G 7 in Rom immer wieder die Augen zufielen und er lallte, überschritt er für die meisten seiner Landsleute die Grenze des Erlaubten.

Womöglich hätten es die Japaner noch hingenommen, wenn ihr Minister im eigenen Lande eingenickt wäre. Doch im Ausland, vor der Weltpresse? Zwar entschuldigte sich Nakagawa damit, dass er wegen einer Erkältung Medikamen- te genommen habe und deshalb ein Schluck Wein wohl stärker gewirkt habe als üblich. Aber am Ende musste der Minister zurücktreten. Bei der jüngsten Unterhauswahl verlor er sein Abgeordnetenmandat. Durch seinen politischen Niedergang offenbar seelisch und körperlich angeschlagen, starb der erst 56-Jährige Anfang Oktober in Tokio.

Manche Politiker führten jedoch einen geradezu verzweifelten Kampf gegen das Einnicken, erklärte Kiyoshi Ueda, Gouverneur der ostjapanischen Präfektur Saitama, den heimischen Medien. Der ehemalige Unterhausabgeordnete verriet sogar seinen persönlichen Trick, um sich etwa bei öden Etatberatungen wachzuhalten: Er kneift sich unter dem Tisch mit den Fingernägeln in die Knie, oft so lange, bis er blaue Flecken bekommt. Einige seiner Politikerkollegen, berichtete Ueda, würden dagegen umständlich Akten vor sich ausbreiten, um auf diese Weise ihr öffentliches Nickerchen zu tarnen.

Die allgemeine Müdigkeit wird noch durch den japanischen Brauch gesteigert, den Feierabend mit Arbeitskollegen in Kneipen und Karaoke-Bars zu verbringen. An den Endstationen von U-Bahnen in Tokio verdienen einige Hotels an den vielen Fahrgästen, die ihre Zielbahnhöfe verschlafen haben und dann auf den ersten Zug am Morgen warten müssen.

Zwar hat sich die extrem lange Arbeitszeit der Japaner von durchschnittlich 2426 Stunden im Jahr 1960 seither deutlich um einige hundert Stunden jährlich verringert. Aber im Zuge von Kostensenkungen und Personalabbau infolge der Krise müssen viele Werktätige inzwischen wieder länger arbeiten. Zugleich steigert die Angst vor Jobverlust den alltäglichen Stress. Jeder vierte Japaner leidet unter Schlafstörungen. Eine wachsende Zahl von Ratgebern zur effektiven Schlafpraxis versorgt sie mit Tipps, wie sie selbst bei knappen Ruhepausen zu möglichst viel erholsamem Schlaf kommen.

So wittert denn auch Panasonic für sein Hightech-Bett einen lukrativen Markt. Japanische Hotels bieten ihren Gästen schon 300 dieser aufwendigen Schlafstätten an. Demnächst will Panasonic auch private Haushalte damit beglücken - zum Stückpreis von umgerechnet rund 4500 Euro.

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